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Sozialpädagogin klagt an: "Für viele Jugendliche wäre es vielleicht besser, wenn sie in Haft kämen"

12/01/2017 17:49 CET | Aktualisiert 13/01/2018 11:12 CET
dpa

Im Ruhrgebiet ist es schwer zu bestimmen, wo die Problemviertel überhaupt aufhören. Denn bis auf ein paar Bonzenviertel sind alles Gegenden mit Problemen.

Als es mit Kohle und Stahl hier zu Ende ging, blieb eine hohe Arbeitslosigkeit über, Gastarbeitersiedlungen, in denen bis heute kaum Deutsch gesprochen wird und hohe Kriminalität.

Das hier vielen Jugendlichen kriminell werden, wundert mich überhaupt nicht. Wir Sozialarbeiter versuchen alles, um ihnen zu helfen, doch werden uns ständige Steine in den weg gelegt. Die Polizei hilft uns nicht und die Behörden streichen unsere Förderungen, sodass wir nie wissen, ob wir im kommenden Quartal noch einen Job haben.

Besonders die Arbeit als Schul-Sozialarbeiterin gestaltet sich hier als schwierig. Denn die Kinder, die die meiste Hilfe benötigen, gehen nicht in die Schule.

Bildung und Arbeit hat keinen hohen Stellenwert

In vielen Familien hat Bildung und Arbeit keinen hohen Stellenwert. Zwar ist Anerkennung wichtig, zeigen, dass man stark ist, Kohle und ein tolles Handy hat. Aber dass man dafür arbeiten muss, bringen viele nicht in Verbindung.

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Dass die Kinder nicht zu Schule gehen, ist da nicht verwunderlich. Warum sollte man früh aufstehen und zur Schule fahren, wenn der Rest der Familie liegen bleibt und weiter schläft?

Gerade für Mädchen ist es schwer. Für sie geht es eher darum zu heiraten und Kinder zu bekommen. Schon oft erzählten mir die Schüler von arrangierten Ehen. Davor sind auch die Jungs nicht geschützt: Die Eltern legen fest, wer wen heiratet.

In dieser Lebensrealität, wo das gesamte Leben vorbestimmt scheint, sehen sich viele nach Gestaltungsmöglichkeiten und Anerkennung.

Nicht selten finden sie das in ihren Cliquen, die auch schon mal zu richtige Gangs heranwachsen können.

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Dort finden sie einen Platz, den Sie in der restlichen Gesellschaft nicht finden werden. Die Mitglieder haben eine Aufgabe zu erfüllen, es gibt Regeln, Konsequenzen und Anerkennung. Doch außerhalb der Gruppe fehlt es oft an eben diesen Konsequenzen.

Um diese aufzuzeigen, sind wir Sozialarbeiter oft auf die Hilfe von Ämtern oder der Polizei angewiesen, die uns beim manchmal nötigen harten Durchgreifen unterstützen sollten, doch die Realität sieht anders aus.

Bei einfachen Delikten sagt die Polizei, dass sie dafür keine Kapazitäten hätten. Sie müssten sich zuerst um Einbrüche und Zerstörungen kümmern.

Doch dadurch lernen die Jugendlichen, dass ihr Handeln keine Folgen hat. So müssen aus Taschendieben erst Einbrecher werden, bevor etwas passiert.

Für viele Jugendliche wäre es vielleicht besser, wenn sie in Jugendhaft kämen

Für viele Jugendliche wäre es vielleicht besser, wenn sie in Jugendhaft kämen. So würden sie rauskommen aus dieser Gegend, weg von der Familie, der Clique, dem vorbestimmten Leben. So würden sie lernen, dass ihr handeln Konsequenzen hat, würden zeitweise mit starken Regeln leben. Es tut mir als Pädagogin weh so etwas zu sagen, doch diese extreme Maßnahme mag für manche das einzig richtige sein.

Wir Sozialarbeiter müssen die Kinder da abholen, wo sie sind. Wir müssen ihnen auf Augenhöhe begegnen und es peinlichst vermeiden, so zu wirken, als wäre wir was Besseres, was für sie Unerreichbares.

Früher gab es für Jugendliche, die einen besonderen Förderbedarf haben, mehr Möglichkeiten. Kleine Aushilfstätigkeiten, wie Post in großen Firmen verteilen zum Beispiel. So etwas wurde aber alles wegrationalisiert.

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Überhaupt wird zuviel gekürzt. Der Staat zahlt zwar eine Menge Geld, um gefährdeten Jugendlichen zu helfen, aber zu wenig davon ist langfristig geplant. Wie sollen wir Vertrauen zu Kindern und Jugendlichen aufbauen, wenn wir selbst nicht wissen, ob das Projekt weiter gefördert wird, wir vor dem nächsten Treffen noch einen Job haben.

Ich war mal Vertrauensperson an einer Schule. Es ist ein langer Weg, bis die Mädchen mir so vertrauten, dass sie zum Beispiel gefragt haben, wenn sie ein o.b. brauchten. Dann wurde das Projekt eingestampft. Wenn die Mädchen jetzt zum Beispiel Fragen zu ihrem ersten Mal stellen wollen, ist niemand da, dem sie vertrauen.

Niemand kämpft für diese Jugendlichen

Viele Kinder werden deswegen von Projekt zu Projekt geschoben. Nirgendwo haben sie einen festen Platz. Dann sind sie irgendwann nicht mehr dankbar für das Projekt und die Hilfe, sondern beklauen lieber den Lehrer und holen sich die Anerkennung in ihrer Gang.

Alle reden immer darüber, dass diesen Kindern und Jugendlichen geholfen werden muss, aber die Wahrheit ist, dass sie keine Lobby haben. Niemand kämpft für sie, wenn mal wieder ein Projekt eingestampft wird.

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Ich mach mir keine Illusionen. Für die allermeisten gefährdeten Ruhrpott-Kinder wird die Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte niemals passieren, egal wie viel Hilfe sie erhalten. Trotzdem ist für sie in Deutschland eine Menge möglich - davon bin ich noch immer überzeugt.

Dafür fehlt es nur an Anerkennung. Anerkennung für die Jugendlichen, die es sich sonst woanders holen und Anerkennung für die Sozialarbeiter, die alles versuchen um diesen Kindern und Jugendlichen zu helfen - aber oft nicht wissen, ob sie nach der nächsten Quartalsabrechnung noch einen Job haben werden.

Nele Boehler ist Sozial-Pädagogin im Ruhrgebiet. Ihr Name wurde auf ihren Wunsch hin geändert.

Das Protokoll wurde von Tobias Böhnke aufgezeichnet.

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