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Warum die Burkini-Debatte Frauenrechte verletzt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BURKINI
dpa
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Letztes Jahr habe ich ein Video in meinem Newsfeed gesehen, das eine Frau zeigte, die einen roten Schal trug. Sie lief eine staubige Straße entlang und da waren Männer mit Waffen. Einer befahl ihr, sich vor einem Mann mit Gewehr hinzuknien, Kopf runter und bang. Durch den Hinterkopf erschossen.

Ich kämpfte mit den verschiedenen Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Was könnte sie gesagt haben, als sie ihre Familie, ihre Kinder verließ? Vielleicht ganz normale Dinge, wie 'Ich gehe einkaufen und hole ein paar Eier oder sogar etwas Brot'? Doch sie kehrte nie zurück.

In den Kommentaren unter dem Video wurde vermutet, dass es an ihrem roten Schal lag und dass das Böse, das Daesh heißt (eine andere Bezeichnung für den Islamischen Staat, die verwendet wird, um nicht den Namen zu benutzen, den die Terrororganisation sich selbst gegeben hat), entschieden habe, dass sie die Regeln gebrochen hätte und der rote Schal inakzeptabel sei. Ich umarmte meine Kinder sehr viel fester an diesem Abend.

Gestern Abend habe ich den Film "Suffragette" gesehen. Frauen wurden im Innenhof der Westminster Hall mit Polizei-Schlagstöcken verprügelt, weil sie das Recht zu wählen einforderten. Diesen Hof überquere ich häufig, wenn ich meinen Pflichten als gewähltes Mitglied dieses großen britischen Establishments nachgehe, als eine Gesetzgeberin im House of Parliament.

Ich denke über die Frau am Strand nach, deren Bilder um die Welt gegangen sind. Männer standen mit Waffen vor ihr, entledigten sie mehr als nur ihrer Garderobe. Sie nahmen ihr ihre Würde, ihr Recht, sie selbst zu sein.

Worin unterscheiden sich all diese Erfahrungen?

Also stelle ich mir die Frage, die sich, wie ich annehme, die ganze Welt in den letzten Tagen gestellt hat: Worin unterscheiden sich all diese Erfahrungen?

Oder vielleicht ist es einfacher, auf das Offensichtliche hinzuweisen? Frauen, denen von Männern gesagt wird, dass sie sich so verhalten sollen, wie Männer es wollen, die Macht, die Männern gehört, in einer Welt, in der die Rechte von Frauen durch Männer definiert werden wie es ihnen passt. Nichts Neues also.

Während meine feministischen Schwestern vor Regierungsgebäuden protestieren, frage ich mich, wo meine feministischen Brüder sind, die fröhlich in "Ich bin ein Feminist"-T-Shirts für Fotos posierten, die dann die Medien pflasterten, um die scheinbare Gleichberechtigung zu feiern, die wir als Land erreicht haben.

Oder vielleicht, weil es kein Feminismus-Thema ist? Sondern nur ein weiteres Muslim-Thema?

In derselben Woche hat Schottland den Hijab als Polizeiuniform eingeführt.

Hat es je Gleichberechtigung gegeben?

Die Burkini-Saga, die sich in den letzten Wochen entfaltet hat, hat Intoleranz und Vorurteile zum Vorschein gebracht, von denen ich dachte, dass sie einer schamhaften Vergangenheit in den Geschichtsbüchern westlicher Gesellschaften angehörten. Nie hätte ich geglaubt, dass ich diesen Rückschlag aus erster Hand erleben würde.

Also stelle ich mir die Frage, ob wir jemals wirklich irgendeine Form von Gleichberechtigung erreicht haben, oder ob wir nicht einfach tiefverwurzelte Vorurteile und Ungleichheiten unter einer Maske versteckt haben, so als würde man eine Schicht Mörtel über rissige Wände schmieren, ohne den Ursachen für die Risse auf den Grund zu gehen?

Obwohl Frankreichs höchstes Verwaltungsgericht das "Burkini-Verbot" rechtmäßig aufgehoben und entschieden hat, dass es fundamentale Grundrechte verletzt, einschließlich der Glaubensfreiheit, werden diese Gespräche und Erfahrungen nicht hier enden.

Das staubige Daesh-Bild von der Frau im roten Schal, das Foto von der Frau am Strand und die Frauen, die vor der Westminster Hall mit Schlagstöcken verprügelt wurden, lassen alle einen vertrauten Refrain widerhallen. Das zeigt mir die anhaltenden Auswirkungen von männlicher Macht. Männer, die ihre Gesetze auf Kosten von Frauen umsetzen.

Es geht nicht nur um die Rolle der Männer


Wir müssen akzeptieren, dass Frauen jahrzehntelang versucht haben, ihre Rechte geltend zu machen, indem sie sich einerseits ausgezogen und ihre BHs verbrannt haben - und andererseits mit Kleidern verhüllt haben. Hier geht es um uns Frauen, die selbst entscheiden, was sie tragen wollen, die ihre eigenen Lebenswege entwerfen und die Herr über ihre eigenen Geschichten sind.

Und Männer müssen diese Entscheidungen akzeptieren und aufhören, Frauen als ihre Spielfiguren zu betrachten, die sie zum Wohle ihrer eigenen Kontrolle und Macht benutzen können, ganz egal, ob in einer Demokratie oder Diktatur.

Diese Konversation ist jedoch nicht nur auf die Rolle der Männer beschränkt, es ist eine Debatte, die im "westlichen Feminismus" geführt werden muss. Und für mich als muslimische Frau geht dies über meine Religion hinaus und taucht in mein Kulturerbe ein. Und das ist etwas, das ich sehr schätze.

Ich stelle das Patriarchat in Frage und ich verstehe, dass es existiert, aber gleichzeitig gehört mir meine eigene Geschichte und die beinhaltet die Art, wie ich mich kleide.

Verhüllt gekleidet zu sein, ist nicht immer mit Unterdrückung gleichzusetzen, genau so wie Nacktheit nicht immer bedeutet, emanzipiert zu sein.

Naz Shah
Parlamentsabgeordnete
Bradford West

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Gina Louisa Metzler aus dem Englischen übersetzt.

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