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Warum Assimilation keine Überlebensgarantie für Juden ist

20/02/2016 16:38 CET | Aktualisiert 20/02/2017 11:12 CET
dpa

Dr. Gideon Roemer-Hillebrecht hält am 14.2.2016 in Düsseldorf den Vortrag

„Juden in der Bundeswehr - Eine Karriere"

beim Bundesverband Jüdischer Mediziner in Deutschland BJM.

Die ersten Juden kommen als römische Soldaten ins linksrheinische Germanien, lange bevor die Germanen selbst dieses Gebiet besiedeln. Seit dieser Zeit haben Juden nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland ununterbrochen gelebt, selbst unter den Nationalsozialisten.

Erst 1871 erhalten Juden in Deutschland die Bürgerechte. Sie sind den nicht-jüdischen Deutschen gleichgestellt mit einer gewichtigen Ausnahme. Sie dürfen in Preußen, dem führenden Land innerhalb Deutschlands, keine Armee-Offiziere werden. Denn dem kaiserlichen Lutheraner ist es unvorstellbar, dass ein Christ einem Juden gehorcht.

Diese scheinbare kleine Ausnahme verwandelt die Juden in Deutschland zu Bürgern zweiter Klasse, da Deutschland damals ein militaristisches Land ist. Ein Mensch (Mann) gilt nur dann als Mensch (Mann), wenn er sich hoch "gedient" hat.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg entsteht in der demokratischen Weimarer Republik die „Dolchstoßlegende", die den Juden und Kommunisten vorwirft, das im Feld unbesiegbare deutsche Heer hinterrücks erstochen zu haben, damit der Feind den Krieg gewinnt. Auf dem Papier sind Juden von 1918 - 1933 zum allerersten Mal in der Neuzeit auf deutschem Boden komplette deutsche Bürger mit allen Rechten.

Auf Grund von Abkommen mit den Siegermächten ist die offizielle deutsche Armee zu klein, dass allzu viele Juden dienen könnten, selbst wenn sie es wollten. Juden haben weiterhin Schwierigkeiten, das Offizierspatent zu erlangen und sind somit in der unverändert militaristischen deutschen Gesellschaft realiter Bürger zweiter Klasse, wenn auch weniger auffällig als zur Kaiser- und Kriegszeit.

Niemand in Deutschland stellt sich die Frage, warum jüdische Einrichtungen, wie Synagogen, Schulen, Kindergärten mit Stacheldraht wie eine uneinnehmbare Festung gesichert sind.

Im Reiche Hitlers und der vielen anderen Nationalsozialisten verlieren die Juden alle Menschenrechte inklusive der Bürgerrechte, die sie erst nach dem von den Alliierten gewonnen Zweiten Weltkrieg komplett zurückerhalten. Nun dürfen endlich auch Juden dienen und Offiziere werden. Nebbich. Denn nach zwei verlorenen Weltkriegen ist die deutsche Gesellschaft nicht mehr militaristisch. Dienen ist nicht gefragt und keine Bedingung für den gesellschaftlichen Aufstieg.

Weltweit sind Armeen, wie auch die Bundeswehr, konservativer als der Durchschnitt der Bevölkerung. So kommt es, dass die derzeitige Führung der Bundeswehr noch pro-Israel eingestellt ist, ganz im Gegensatz zum „gemeinen" Soldaten. Sieht man sich die politischen Änderungen der Jahre seit der Wiedervereinigung an, so kann man an den Fingern einer Hand ausrechnen, wann sich die Bundeswehrführung wie auch die Führungselite der Politik gegen Israel, also gegen Juden, wenden wird.

Hierzu sind Einschnitte in die demokratischen Rechte aller Bürger nicht unbedingt notwendig, auch wenn sie sicherlich erfolgen werden. Die ersten nicht-zögerlichen Schritte werden bereits heute sichtbar. Das liberale und demokratische Frankreich macht es vor, vom rückständigen Schweden ganz zu schweigen.

Deutsche Juden sind heute gleichberechtigte Bürger Deutschlands. Gleichberechtigt bedeutet jedoch nicht, dass sie geachtet werden und geschützt sind. Niemand in Deutschland stellt sich die Frage, warum jüdische Einrichtungen, wie Synagogen, Schulen, Kindergärten mit Stacheldraht wie eine uneinnehmbare Festung gesichert sind. Auch will sich niemand fragen, warum zu Gebetszeiten ein Polizeiwagen vor der Synagoge steht.

Stattdessen wird die äußerst wichtige Frage diskutiert, ob ein männlicher Jude auf den Straßen Deutschlands eine Kippa auf dem Kopf tragen soll oder nicht. Juden wären heute in Deutschland ihres Lebens und ihrer Gesundheit nicht sicher, wenn bestimmte Nichtjuden sie als Juden erkennen könnten.

Damit stehen Juden nicht allein da. Auch eine dunkle Hautfarbe oder ein arabisches Aussehen in No-Go-Areas zieht zuweilen den Tod nach sich. Schmerzhaft für Juden, die noch vor den Germanen das heutige Deutschland besiedelt haben. Insofern ähneln sich auch hier Deutschland und Israel.

Soll ein Jude überhaupt in Deutschland dienen?

Dr. Gideon Roemer-Hillebrecht ist der höchstrangige Stabsoffizier der Bundeswehr. Er wird, so G-tt und er es wollen, der allererste jüdische General Deutschlands werden. In dieser Position wird er dem Judenstaat Israel helfen können, weshalb wir ihm ein gutes Gelingen wünschen. In der Diskussion nach dem Vortrag tut sich die Frage auf, ob ein Jude überhaupt in Deutschland dienen soll.

Die Rabbiner sind seit über 200 Jahren konträrer Meinungen. So empfehlen sie den Juden Preußens, sich freiwillig zu melden, um gegen die Truppen Napoleons zu kämpfen, obwohl es Napoleon ist, der den Juden die bürgerlichen Freiheiten aus der Französischen Revolution nach Deutschland bringt. Nach dem Sieg über Napoleon, der auch mit jüdischer Hilfe errungen worden ist, verlieren die Juden die Gleichberechtigung.

Im Ersten Weltkrieg raten jüdische Gelehrte ebenfalls den Juden zum freiwilligen Dienst an der Waffe. Sie sehen die Deutschen als Befreier der in Russland unterdrückten Juden, was faktisch richtig ist. Frankreich muss bekämpft werden, weil es auf Seiten Russlands steht, welches Juden unterdrückt.

In Frankreich haben Juden gleiche Bürgerrechte wie andere Franzosen: Es gibt jüdische Generäle. In Deutschland des Ersten Weltkrieges sind Jüdische Offiziere eine Seltenheit, in Preußen unbekannt. Selbst zionistische Juden rufen deutsche Juden auf, im Krieg zu kämpfen. Ihnen geht es nicht um den Sieg Deutschlands, sondern um die Ausbildung jüdischer Soldaten für den zukünftigen Staat Israel.

Heute steht uns ein weites Wissen zur Verfügung. Wir müssen keine Rabbiner sein, um zu wissen, dass es für Juden unethisch ist, auf einen Juden zu schießen, nur weil er fremder Nationalität ist und beim Feind kämpft. Kein Jude darf an einem Krieg teilnehmen, wenn auf der anderen Seite Juden kämpfen.

Der einzige ethisch gebotene Krieg ist die Verteidigung des Judenstaates.

Derzeit ist es in der deutschen Bundeswehr, in den Armeen Frankreichs, Großbritanniens und der USA ein solcher Fall schwer vorstellbar. Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine gibt es keine Sicherheit für die jüdische Ethik. Der einzige ethisch gebotene Krieg ist die Verteidigung des Judenstaates.

Im Gegensatz zu den Juden der 1930er Jahre haben heute Juden in Deutschland das Wissen und die Möglichkeit, problemlos Deutschland zu verlassen, um ihr restliches Leben zu sichern. Selbstverständlich ist dieser Schritt aufwendig, mühsam und teuer, wenn man nach Israel einwandern muss.

Jedem intelligenten Juden sollte bewusst sein, dass eine Assimilation keine Überlebensgarantie ist. Auch der jüdische Selbsthass, der nicht nur in Deutschland auf dem Vormarsch ist, rettet nicht den jüdischen Selbsthasser. Orthodoxe, atheistische, kommunistische, zionistische, reichstreue und selbsthassende Juden sind alle in den Öfen friedlich vereint worden.

Es wird Zeit, dass die gewählten und ernannten Repräsentanten der Juden in Deutschland die Zeichen der Zeit erkennen, statt darauf zu bestehen, dass sie seit Jahrhunderten in Unterfranken beheimatet und nicht auf Jerusalem angewiesen sind. Es geht nicht um die Alten, deren Überleben für niemanden als sie selber relevant ist.

Das Judentum ist eine Religion des Lebens und der Zukunft. Eine Religion, die die Juden auffordert, G-ttes Willen zu erfüllen. Es ist deshalb jüdische Pflicht, das Leben der Nachkommen und der noch nicht Geborenen zu sichern. Noch sind wir dazu im Stande.