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Hellenthal: Erneutes Gedenken an die ermordeten jüdischen Mitbewohner

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Das letzte Gedenken in Hellenthal an die ermordeten jüdischen Mitbewohner fand im Oktober 2013 statt. Damals wurden einige Stolpersteine auf dem Bürgersteig vor einer Dönerbude verlegt, weitere Stolpersteine erhielten Kirchenasyl, da der Hausbesitzer der Stolpersteinverlegung auf seinem Gehweg widersprach. Neben dem Stolpersteinliferanten, zwei Polizisten, einem Bürgermeister, wenigen Kirchenvertretern und einigen Journalisten nahmen auch viele Bürger des Eifelstädtchens an der Zeremonie teil.

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Bei dem jetzigen Gedenken im März 2014, welches gegen Mitternacht stattfindet, sind nur zwei Personen zugegen, die nun von der Polizei gesucht werden. Die beiden Täter beschädigen in Hellenthal-Blumenthal das Synagogendenkmal und zusätzlich eine angrenzende Haustürscheibe, weswegen die Polizei gerufen wird.

Das Mahnmal, eingequetscht zwischen Bahngleis und Kuhstall, ist eine beschriftete Glasplatte, die über die von in Hellenthal unbekannten fanatischen Nazis in der Pogromnacht des Jahres 1938 in Brand gesetzte Synagoge berichtet. Die Synagoge ist einmal, das Mahnmal vier Mal zerstört worden. Alle Mahnmalzerstörer sind bis heute unbekannt, wie auch die fanatischen Nazis, welche in der Pogromnacht des Jahres 1938 die Synagoge abgefackelt haben.

Die Hellenthaler Organisatoren des Mahnmals überlegen das weitere Vorgehen: erneute Reparatur, Belassen des zerstörten Mahnmals, Abriss?

Um diese Frage zu beantworten, wird zunächst geklärt, wozu das Mahnmal aufgestellt worden ist, wem es dient. Die Antworten sind nicht trivial, da es einige Gruppen in Hellenthal gibt, die die verschiedenen Formen des Mahnmales unterschiedlich angehen.

Da sind zuallererst die heutigen Einwohner Hellenthals, unter denen es keine Juden mehr gibt. Das Synagogendenkmal in Hellenthal-Blumenthal dient den Einwohnern des Städtchens als Beweis, das die nationalsozialistische Vergangenheit Hellenthals politisch korrekt verarbeitet worden ist. Mit geringerem Gewicht gilt dies aus für die verlegten Stolpersteine vor der Dönerbude. Die nicht verlegten Stolpersteine im Kirchenasyl sprechen eine konträre Sprache. Allgemein darf man feststellen, dass die heutigen Hellenthaler, die allein dank später Geburt an der in der Pogromnacht des Jahres 1938 in Brand gesetzten Synagoge keine Schuld tragen, eine Verantwortung fühlen, die durch Stolpersteine im Kirchenasyl und 4-maliger Synagogendenkmal-Zerstörung gegenteilige Überlegungen aufwirft. Von einer Zerstörung der verlegten Stolpersteine ist nicht auszugehen, da es sich einerseits um ein aufwendiges Unternehmen handelt und andrerseits Ressentiments gegen die Religion der Personen, die auf den Stolpersteinen verewigt sind, sich leicht und ohne Öffentlichkeit mit schmutzigen Stiefeln und menschlichen Absonderungen befriedigen lassen.

Den toten Hellenthaler Juden sind die Gedenken gleichgültig, lebende Hellenthaler Juden sind nicht vorhanden. Wer könnte noch von den Mahnmalen an toten Juden und abgebrannten Synagogen profitieren? Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg lautete die schön klingende Losung der deutschen Pazifisten „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!". Man darf sogar „Nie wieder Völkermord!" hinzufügen. Doch die Realität entspricht nicht den Vorstellungen der guten Menschen. Kriege, Faschismus und Genozide sind auch nach 1945 weltweit verbreitet. Schlimmer noch: Deutschland hat vor all diesen übelsten Übeln gewöhnlich die Augen verschlossen und ist untätig geblieben.

Es gibt noch eine Gruppe, die von den Mahnmalen, die die Grausamkeiten an Juden bezeugen, profitieren könnten, nämlich die überlebenden Juden und deren Nachkommen, insbesondere Israelis. Doch das ist in Hellenthal wie anderswo in Deutschland, wo Stolpersteine mit einem guten Gefühl in die Erde eingelassen werden, nicht vorgesehen. Denn die meisten Einwohner Deutschlands, die Stolpersteine begrüßen, sehen in den Juden Israels nicht nur die größte Bedrohung für den Weltfrieden, sondern vergleichen deren Verhalten gegenüber Arabern mit dem Verhalten der Nazis gegenüber Juden. Israelis dienen diesen Spätgeborenen als Beweis, dass sich Deutsche für die Untaten der Nazis nicht zu schämen brauchen, und das obwohl bereits weiter oben dargelegt worden ist, dass die heutigen Israel kritischen Deutschen dank später Geburt davon überzeugt sind, an den Gräueltaten der Nazis keine Schuld und keine Verantwortung zu tragen. Denkmäler, die an die Untaten der Nazis an die Juden erinnern und gleichzeitig Israel positiv erwähnen, bringen das komplizierte Gedenkgebäude ins Wanken.

So betrachtet, kann man den Hellenthaler Organisatoren nur den Abriss des Synagogenmahnmals und das Verbuddeln der Kirchenasyl-Stolpersteine an einer unauffindbaren Stelle empfehlen.

Die jüdische Denkmalproblematik ist nicht auf die Eifel beschränkt, sie greift auch auf die Voreifel über, derzeit auf die ansonsten unbekannte Stadt Vettweiß. Dort beschloss der Rat der Stadt mit großer Mehrheit, einige Stolpersteine in die Gehwege zu verlegen, obwohl der letzte jüdische Bürger von Vettweiß sich zu seinen Lebzeiten vehement dagegen ausgesprochen hat. Als Entgegenkommen beabsichtigt die Stadt, ein zusätzliches Mahnmal zu finanzieren, welches auf die Geschichte der Juden in Vettweiß eingeht.

Bereits heut ist abzusehen, dass schlecht verheilte Zwistigkeiten zwischen den Dorfbewohnern ausbrechen werden. Auch wenn wie in Hellenthal offiziell alle Nationalsozialisten von auswärts gekommen sind, profitieren doch genügend Vettweißer bis heute vom Notverkauf jüdischen Besitzes. Man darf gespannt sein, wann und wie oft das Vettweißer Mahnmal zerstört werden wird.

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