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Drei Ideen für mehr Chancengleichheit

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CHILDREN BERLIN
Michael Zwahlen / EyeEm via Getty Images
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Lieber Martin Schulz,

Gratulation! Sie sind jetzt SPD-Kanzlerkandidat und haben die Chance, nicht nur den Wahlkampf, sondern womöglich auch die Regierungspolitik in den kommenden Jahren maßgeblich zu prägen. In Ihrer Antrittsrede haben Sie sich zu mehr Gerechtigkeit bekannt und deshalb schreiben wir - die Initiative Netzwerk Chancen - heute diesen Brief.

Herr Schulz, wir wissen, es ist nicht alles schlecht und vieles sogar gut. Und dennoch leidet unsere Gesellschaft an einer schleichenden Krankheit, deren Symptome immer stärker werden, je länger man sie ignoriert: Die Chancen auf sozialen Aufstieg sind in Deutschland trotz starker Wirtschaft, geringer Arbeitslosigkeit und hoher Industrialisierung noch immer mittelmäßig und im Vergleich zu Ländern wie Finnland oder Südkorea sehr schlecht.

Einem OECD-Bericht zufolge haben in Deutschland nur 19 Prozent der 25- bis 34-jährigen Erwerbstätigen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeiterkind studiert, liegt ähnlich niedrig bei lediglich 23 Prozent. Im Vergleich dazu studieren 77 von 100 Akademikerkindern.

Sozialer Aufstieg durch Bildung ist die Perspektive

Gleichzeitig driftet das Lohnniveau von Akademikern und Nichtakademikern immer stärker auseinander, sodass man als Facharbeiter kaum noch zur Mittelschicht gezählt wird. Die Mär von der Leistung, die sich lohnt wird ad absurdum geführt, wenn einige schon an der Startlinie unaufholbar zurückliegen.

Sozialer Aufstieg durch Bildung ist die Perspektive, die jeder neuen Generation Mut macht und Antrieb verleiht. Aber sie hat ein Glaubwürdigkeitsproblem und das droht unsere Gesellschaft auseinanderzureißen.

Und warum?

Weil wir zulassen, dass Kinder aus Problemfamilien auf Problemschulen in Problemvierteln gehen. Weil wir akzeptieren, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien nicht in Kitas gehen, da das Geld statt für die Gebühren für Lebensmittel und die Monatskarte gebraucht wird.

Weil wir nichts dagegen unternehmen, dass Erzieher und Lehrer die Aufsicht über so viele Kinder haben, dass eine individuelle Förderung auf der Strecke bleibt. Weil Unternehmen bei der Stellenvergabe auf Praktika, Fremdsprachenkenntnisse und Auslandsaufenthalte Wert legen, sowas aber von vielen Familien schlicht nicht finanziert werden kann.

Mehr zum Thema: Massiver Bildungsnotstand: Zahlreiche Schulen verlangen inzwischen Toilettengeld von den Eltern

Und so verfestigen sich die gesellschaftlichen Strukturen und "aus armen Kindern werden chancenlose Erwachsene".

Man kann sich kaum vorstellen, dass in Deutschland 2017 aus der Tochter eines Sachbearbeiters oder einer Aushilfe jemals eine Raumfahrtingenieurin wird. Oder dass der Sohn eines Kanalarbeiters überhaupt die allgemeine Hochschulreife erlangt, die ihm ein Medizinstudium ermöglichen würde.

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Die Ausnahmen bestätigen die Regel, aber dass man sich das nicht vorstellen kann, können und wollen wir nicht akzeptieren. Wir wollen eine Gesellschaft, die freudig in die Zukunft sieht, die ihren Kindern Perspektiven eröffnet und jeden Tag Beweise dafür liefert, dass diejenigen, die sich anstrengen, auch alles erreichen können.

Sie haben selbst gesagt, Sie möchten sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Wir von Netzwerk Chancen wünschen uns, dass Politiker genau dies tun. Und weil wir regelmäßig mit Vertretern der Zivilgesellschaft darüber sprechen, wollen wir Ihnen drei Ideen auf Ihren Weg als Kanzlerkandidat mitgeben:

Bundesweite Qualitätsoffensive starten

Die Situation von chronisch unterfinanzierten Schulen und mangelnder individueller Förderung darf vom Bund nicht länger hingenommen werden. Wenn schon nicht die Situation in den Familien angeglichen werden kann, dann muss der Staat zumindest dafür Sorge tragen, dass ein Kind aus einem sozial schwachen Viertel in Dortmund die qualitativ gleiche Schulbildung und Betreuung erhält wie ein Kind im Münchner Schwabing. Dafür muss das Kooperationsverbot komplett fallen und müssen bundesweit gleiche Qualitätsstandards eingeführt und finanziert werden.

Kita-Gebühren abschaffen

Soziales Verhalten, Sprache und kognitive Fähigkeiten werden entscheidend im frühkindlichen Alter geprägt. Bereits hier werden die Grundsteine für die spätere Entwicklung der Kinder gelegt. Umso wichtiger ist es, dass alle Kinder eine Kita kostenfrei besuchen können und gerade einkommensschwache Familien nicht aufgrund der Gebühren davor zurückschrecken, ihre Kinder in die Kita zu schicken. Unabhängig davon, dass Kita-Gebühren von Kommunen festgelegt werden, ist es auch Aufgabe des Bundes, auf eine komplette Abschaffung hinzuwirken.

Fonds für zivilgesellschaftliche Kinder- und Jugendhilfe einrichten

Private Initiativen und Vereine, die sich der Kinder und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien annehmen, helfen unbürokratisch und wirkungsvoll, soziale Missstände zu verringern. Oft genug tun sie dies mit minimalen finanziellen Mitteln. Der ehrenamtlichen Arbeit wäre sehr geholfen, wenn sich kleinere Geldbeträge unbürokratisch bei einer zentralen Stelle beantragen ließen. Davon könnten so banale Ausgaben wie Raummieten, Druck- und Materialkosten oder Verpflegung beglichen werden.

Lieber Martin Schulz, wir von Netzwerk Chancen hoffen, dass Ihnen Gerechtigkeit ebenso am Herzen liegt wie uns; dass Sie bereit sind, sich in Deutschland für mehr soziale Mobilität und bessere Bildungschancen aller einzusetzen und auch Kindern aus sozial schwachen Familien künftig kein Karriere- und Lebensweg verwehrt bleibt.

Mit den besten Wünschen
Natalya Nepomnyashcha und Jenny Laube von Netzwerk Chancen

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