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Die Welt ist Paris: Doch, ist sie nur Paris?

25/11/2015 10:11 CET | Aktualisiert 25/11/2016 11:12 CET
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Die Gewaltakte in Frankreich lösen weltweit Entsetzen und Bestürzung aus. 132 Menschen sind bei den Anschlägen in Paris am Freitag, den 13. November 2015 getötet worden. Zeitungen und Fernsehkanäle berichten im Minutentakt davon.

Im Netz solidarisierten sich Menschen weltweit in Windeseile mit den Freunden und Angehörigen der Opfer aus Frankreich. Beileidsbekundungen, Mitgefühl und Trauer werden auf vielen Kanälen zum Ausdruck gebracht. Weltweit leuchten in den Ländern die Wahrzeichen in den Farben der französischen Flagge.

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Auf Facebook werden Fotofilter in den Farben der Trikolore eingeschaltet. Nutzer können so ihre Solidarität mit Frankreich bekannt geben. Die Staats- und Regierungschefs der Welt bekunden ihr Entsetzen und ihr Mitgefühl für die Opfer.

Die Welt ist Paris

"Wir deutschen Freunde fühlen uns Ihnen so nah, wir weinen mit Ihnen", sagte Bundeskanzlerin Merkel. Die Welt ist Paris! Deutlich wird auch: Sie ist nur Paris! Und das sage ich nicht, um Leid in der Welt gegeneinander aufzuwiegen.

Angesicht der zahlreichen Opfer auf der Welt außerhalb von Europa, die nicht mal eine Schlagzeile der Presse wert sind - höchstens vielleicht eine Kurzmeldung - kann man leider etwas feststellen: Andere Opfern von Terror und Krieg erfahren internationale Ignoranz - besonders in Anbetracht der jüngsten Ereignisse.

Am Sonntagabend beispielsweise bombardierte Frankreich Syrien. Dieser Angriff raubte vielen unschuldigen syrischen Zivilisten das Leben. Auch das Leiden von Menschen in Nahost, die viel häufiger vom IS-Terror betroffen sind, findet keine vergleichbaren Widerhall.

Nur einen Tag vor den Pariser Anschlägen haben in Beirut zwei Selbstmordattentäter 40 Menschen in den Tod gerissen. Ein Akt des Terrors und gleichzeitig ein blinder Fleck in den internationalen Medien.

Warum war die Welt nicht Beirut?

Die Welt, die jetzt Paris ist, warum war sie nie Irak? Warum war sie nie Irak, als dort Tausende von Menschen wegebombt oder Opfer von Uranmunitionen wurden? Wo waren die Beileidsbekundungen der Politiker über die Opfer von Drohnenangriffen?

Warum war die Welt nicht Beirut oder Nigeria, als dort zahlreiche Menschen getötet wurden? Wo sind unsere Flaggen, wenn in Syrien Städte in Schutt und Asche gelegt werden? Wo sind wir, wenn im Jemen mal wieder eine Drohne eine Familie auslöscht?

Warum waren wir nicht Afghanistan, als dort Hochzeiten und Trauerfeiern weggebombt wurden, Tanklaster unter Beschuss genommen wurden und über hundert Menschen starben oder jetzt vor kurzem der zwischen Fall in Kunduz?

Überall lagen tote Menschen

Wie viele von uns wissen, dass dort die Menschen mitten in der Nacht von einer lauten Explosion geweckt wurden, weil die USA ein Krankenhaus, von dem keine Gefahr ausging, bombardiert hatten. Überall war Blut. Überall lagen Verwundete. Überall lagen tote Menschen.

Alle waren verwirrt und überall war Geschrei zu hören. Dann setzte sich der Staub im Inneren des Gebäudes ab. Als man herausfinden wollte, was passiert war, hörte man eine weitere Explosion. Die Menschen drückten sich zu Boden und hatten Angst. In den Fluren lagen Menschen.

Übersät von Blut, überall am Körper waren Wunden. Alles stand still. Zu diesem Zeitpunkt konnte keiner mehr einen Gedanken fassen. Nach ungefähr einer halben Stunde hörten die Explosionen auf. Was die Menschen sahen, war ein zerstörtes und in Flammen stehendes Krankenhaus.

Auf der Intensivstation waren sechs Patienten in ihren Betten verbrannt. Im OP-Saal lag ein toter Patient, auf dem Behandlungstisch - inmitten von Schutt. Inmitten der verwundeten und weinenden Patienten wurde ein Arzt operiert- leider vergebens. Er starb auf einem Bürotisch. Nach den Ereignissen war keiner mehr in der Lage, überhaupt noch etwas zu tun.

Was an diesem Tag dort passiert, ist völlig untragbar. Die Zerstörung eines Krankenhauses, von dem keine Gefahr ausging . Die Auslöschung von so vielen unschuldigen Seelen, von so vielen Ärzten - für nichts. Die Ärzte hatten seit Monaten hart gearbeitet. Jede Woche, jeden Tag und jede Nacht. Sie waren nicht Zuhause, hatten ihre Familien und Kinder nicht gesehen gehabt. Sie wollten Menschen helfen. Jetzt sind sie tot.

Das Ziel war Töten und Zerstören

Mehr als 50 Menschen kamen allein in dieser Nacht ums Leben. Man findet keine Worte dafür. Eine Frage bleibt wieder offen: Warum sind wir nicht Kunduz, wenn ein Krankenhaus von Ärzten ohne Grenzen von US- Kampfflugzeuge bombardiert wird?

Zu Recht stellt man die Frage, wie es denn sein kann, dass wir, unsere Staatschefs und unsere Medien, einmal unendlich Trost, Beileid und Unterstützung bekunden und bei allen anderen Bluttaten oftmals nur empfindungsloser Konsument von Terrornachrichten sind, geschweige denn sie wahrnehmen möchten.

Begründet wird die selektive Empfindung und Berichterstattung mit einer Nähe zu Frankreich - geografisch, moralisch, medial. Empörung und Empathie funktioniere nur dann, wenn man sich hineinversetzen könne in die Situation der Betroffenen. Es sei natürlich, sich mehr um die Leute zu kümmern, mit denen man sich verbunden fühle.

Diese Reaktion und Erklärung mag vielleicht in dem ersten Moment logisch klingen, stellt aber genau das Problem dar. Was steht denn letztendlich hinter unserem selektiven Mitgefühl, wenn nicht selektives Empörung?

Europa nimmt Leid im arabischen Raum nicht wahr

Als Europäer sehen wir das Leid im arabischen Raum und dem Großteil der Welt als etwas weniger und nicht unserer Sympathie und Empörung würdig. Wenn dort Kriege geführt werden und Unschuldige sterben, dann ist das nicht so schlimm, wir sind weder betroffen noch empört.

Doch sind es nicht unsere Stellvertreterkriege und Invasionen, die zum Teil für diese missliche Lage weltweit beigetragen haben? Und sind diese nicht mit selektiver Empathie und Empörung verbunden, weil wir das Leiden, dass man durch Invasionen und Kriege auslösen kann, ausblenden oder gar nicht wahrhaben möchte?

Was würde wohl geschehen, wenn wir auch für die Opfer in der Ferne Mitgefühl empfinden würden? Kriegseinsätze könnten unsere Regierungen wohl dann nicht mehr so einfach durchwinken.

Hinzu kommt, dass wir uns zwar als Einwanderungsland bezeichnen, aber weder so handeln, noch so fühlen. Dieser Erklärung liegt die Annahme zugrunde, die Bevölkerung Deutschlands denke und fühle einheitlich. Dem ist aber nicht so. Inzwischen leben viele Menschen in Deutschland, deren Familien, Verwandte und Freunde aus diesen Ländern kommen. Und es werden immer mehr.

Was glauben wir eigentlich, wie sich diese Menschen fühlen, wenn wir ihnen offen zeigen, dass ihre Opfer bei uns keine Beachtung finden, ihre Opfer bei uns weder eine Empörung noch eine Schlagzeile wert sind? Genau, sie fühlen sich mindestens ausgegrenzt - mit teilweise verheerenden Folgen.

Selbstverständlich sind die Anschläge in Paris schrecklich. Die Reaktion und Bekundung ist richtig und in Anbetracht der grausamen Tat auch sehr wichtig! Doch sollte es keinen Unterschied zwischen jenen geben, die durch Krieg und Terror unschuldig und unbeteiligt sterben und leiden müssen. Mindestens in der Berichterstattung, denn das produziert ein selektives Mitgefühl, Gleichgültigkeit, Ignoranz, Doppelmoral und stellt ein großes Problem dar, das vielen nicht bewusst ist.

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