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Ägypten und die Massaker an der Muslimbrüderschaft

17/08/2015 17:03 CEST | Aktualisiert 17/08/2016 11:12 CEST
Anadolu Agency via Getty Images

Vor zwei Jahr wurden in Ägypten am Rabaa Adawiyya Platz tausende Demonstranten ermordet oder verletzt. Ein Gewaltakt, der offenbar von höchster Regierungsebene geplant wurde. Mehr als 1.400 Mursi-Anhänger wurden getötet und mehr als 15.000 weitere inhaftiert. Human Rights Watch spricht von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ägyptens Regierung und die Welt schweigen das Thema und die Opfer lieber tot.

Heute vor zwei Jahren geschah diese unfassbare Tragödie. Ihr ging ein Staatsstreich voraus. Mursi, der erste frei gewählte Präsident Ägyptens, wurde im Jahr 2013 unter der Führung des Militärchefs al-Sisi gestürzt.

Al-Nahda-Platz

Die neue Führung ging hart gegen Mursi und die Muslimbruderschaft vor. Mehr als zehntausend Menschen versammelten sich umgehend nach dem Sturz von Mohammed Mursi in Rabaa Adawiyya sowie auf dem Al-Nahda-Platz und errichteten Zelte und Lautsprecherbühnen, um gegen das von der Armee erzwungene Ende der Muslimbruder-Herrschaft zu demonstrieren. Alles endete mit einem blutigem Begräbnis.

Als der Imam an jenem verhängnisvollen Morgen zum Fadschr, dem Gebet vor Sonnenaufgang, rief, richten sich die Demonstranten aus, um sich im gemeinsamen Gebet in Richtung Mekka zu verbeugen. Während des zweiten und letzten Kniefalls im Gebet wurde ein plötzlicher Lärm vernehmbar.

Zu diesem Zeitpunkt war die Armee schon mit Panzerwagen und Infanterietruppen von beiden Seiten vorgerückt. Die Einsatzpolizei hatte die Straßen bereits abgeriegelt, die zu den beiden Orten führten, an denen die Demonstranten ausharrten.

Minuten später begann eine Bodentruppen, Soldaten Scharfschützen und eine Armada aus Mannschaftswagen vorzurücken, die allesamt das Feuer eröffneten. Augenzeugen berichten von Schüssen aus automatischen Waffen, die Panik unter den Tausenden von Demonstranten ausgelöste und sie dichtgedrängt auf die Kreuzung vor der Moschee trieb.

Ein grauenvolles Bild

Das Bild, das sich dem Betrachter bot, war so grauenhaft, dass man es weder begreifen noch in Worte fassen kann. Überall hagelt es Kugeln. Menschen werden angeschossen und fallen zu Boden. Keiner weiß, woher die Schüsse kommen, also drücken sie sich einfach zu Boden.

Vor Schmerz stöhnende Männer, dunkelrote Blutlachen strömenden Flüssen gleich durchziehen die Straßen. Verzweifelt und mit letzter Kraft versuchen Ärzte Bewusstlose wiederzubeleben und die Blutung bei den Verletzten zu stillen.

Nach der Erstürmung des Platzes durch die Polizei wurden improvisierte Lazarette in Brand gesetzt und Verletzte von Polizisten aus nächster Nähe erschossen. Alles so unglaublich grausam. Bilder aus provisorischen Kliniken zeigen blutüberströmte Verletzte mit Schusswunden.

Im Hintergrund sind verzerrte Stimme und Geschrei zu hören. Rund zwölf Stunden ging die Armee gegen die Demonstranten mit aller Härte und Gewalt vor. Auch Ambulanzen und Demonstranten, die zu entkommen versuchten, wurden beschossen. Überall sah man Menschen in den zuhauf eingesammelten Ausweisen und erstellten Listen nach den Namen der Toten suchen.

Der Abend des 14. August

Am Abend des 14. August waren mehr als 1.000 Menschen tot und über 4.000 verletzt; unsagbar viele wurden durch gezielte Schüsse in dem Kopf oder ins Herz getötet.

Human Rights Watch sprach von „einer der größten Massenhinrichtungen von Demonstranten in der jüngeren Weltgeschichte" und beurteilte das Geschehnis als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Verantwortlichen für das Massaker, zu denen sie auch den aktuellen Präsidenten al-Sisi zählen, müssen zur Rechenschaft gezogen werden, schreibt sie.

Doch getan hat sich bisher nichts, außer der brutalen, anhaltenden Unterdrückungskampagne vor den Augen der Welt. Zunächst richtete sie sich mehrheitlich gegen die Muslimbrüder, mittlerweile auch gegen Oppositionelle, Journalisten, AktivistInnen und alle anderen, die sich kritisch äußern.

Die Zeit nach dem Sturz Mursis

Mehr als 3000 Menschen sind seitdem spurlos verschwunden und über 40.000 Menschen sind seit dem Sturz Mursis verhaftet worden, weil sie es gewagt haben zu Streiks aufzurufen, sich an Demonstrationen gegen das Regime zu beteiligen oder für Meinungsfreiheit einsetzen.

In den Gefängnissen wird systematisch gefoltert. Die Gerichte verhängen massenhaft lange Gefängnisstrafen oder Todesurteile, unter den Todeskandidaten auch der ehemalige Präsident Mohammed Mursi.

In dem Prozess wurde zudem gegen mehr als hundert weitere angeklagte Muslimbrüder die Todesstrafe verhängt. Die neuen Urteile, die zahlreichen Massenverhaftungen und Massenverurteilungen sind nun der neue Höhepunkt in der grausamen Geschichte seit 2013.

Das Verfahren gegen die Angeklagten entsprach eher einem "Scheinprozess" und einer "Justiz-Travestie" denn einer einem Rechtsstaat würdigen Verhandlung. Das ägyptische Strafgericht bewies, dass es völlig unfähig ist, gerechte Verfahren gegen Mitglieder oder Unterstützer der Regierung des früheren Präsidenten und der Muslimbruderschaft zu führen.

Was ist uns geblieben?

Menschenrechtsverletzungen werden seit Jahren von der Regierung unter den Teppich gekehrt. Meinungsfreiheit , das gibt es schon lange nicht mehr. Im Namen der nationalen Sicherheit wird alles zensiert und verboten.

Gegen alle regime-kritischen Stimmen im Land werden mundtot gemacht und die Zivilgesellschaft auszuschalten. Im Westen stößt das auf wenig Kritik, denn wie schon Mubarrak wird nun auch Sisi als Sicherheitsgeber für ein gutes Verhältnis zum Westen gesehen, solange dies so bleibt, bleibt die Empörung auch über staatliche Gewalt, Folter und Mord gering.

Das Massaker vom Rabaa-Platz kann niemand aus der Erinnerung der Menschen auslöschen. Todesurteile, die Unterdrückung und Verfolgung sind nur einige Beispiele für Menschenrechtsverletzungen in Ägypten.

Die Blutflecken kann man nicht auswaschen, auch wenn die Verantwortlichen an der Macht sitzen und nicht zur Rechenschaft gezogen werden, ist jeder Versuch, es aus der Geschichte zu streichen, niemals möglich.


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