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Fukushima und die Folgen

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Der Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi war das schwerste Unglück in der Geschichte der Menschheit. In Block eins setzte innerhalb von fünf Stunden nach dem Erdbeben die Kernschmelze ein, und der geschmolzene Brennstoff bahnte sich seinen Weg durch den Reaktordruckbehälter. Innerhalb von 100 Stunden nach dem Unfall schmolzen die Brennstäbe in den Blöcken zwei und drei. Etwa zur gleichen Zeit kam es in den Reaktorgebäuden der Blöcke eins, drei und vier zu Wasserstoffexplosionen.

In jedem Reaktorgebäude gibt es ein Lagerbecken für verbrauchte Brennstäbe. Zwischenzeitlich bestand auch hier die Gefahr einer Kernschmelze. Die Lagerbecken befinden sich außerhalb der Reaktoren. Im Falle einer Kernschmelze würde also eine enorme Menge radioaktiven Materials unmittelbar in die Atmosphäre gelangen. Dadurch hätte das Worst-Case-Szenario Realität werden können: 50 Millionen Menschen in einem 250 km-Radius rund um Fukushima - einschließlich Tokio und seiner Vororte - hätten evakuiert werden müssen.

Zum Glück haben die Mitarbeiter der Tokyo Electric Power Company, das Militär, die Feuerwehrleute und die Polizei durch ihren unermüdlichen, aufopferungsvollen Einsatz die Situation in den Griff bekommen, indem sie die Kühlwasserversorgung zu den Reaktoren und Lagerbecken sicherstellten. Tatsächlich waren wir aber sehr knapp vor dem GAU. Japan wäre langfristig im Chaos versunken, und die enormen Mengen an radioaktivem Material, die freigesetzt worden wären, hätten sich auch auf andere Länder ausgewirkt.

Vor dem Unglück in Fukushima war ich der Meinung, dass ein nuklearer Unfall durch Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen vermieden werden kann. Deswegen habe ich mich für die Kernenergie eingesetzt. Nachdem ich als Premierminister diesen Unfall erleben musste und kurz davor stand, die Evakuierung von 50 Millionen Menschen anzuordnen, hat sich meine Meinung um 180 Grad geändert. Bei Flugzeugabstürzen kommen vielleicht hunderte Menschen ums Leben, doch außer Kriegen gibt es keine Situation, die die Evakuierung von mehreren Millionen Menschen erforderlich macht.

Trotz der vielen Vorsichtsmaßnahmen ist es technisch unmöglich, Unfälle völlig auszuschließen. Vor allem, wenn man menschliche Faktoren wie Terrorismus berücksichtigt. Eigentlich ist es aber gar nicht so schwer, Unfälle in Atomkraftwerken zu vermeiden. Wir müssen einfach nur die Atomkraftwerke abschalten. Diese Entscheidung muss von den Bürgern getroffen werden.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Beim Betrieb von Atomkraftwerken entstehen nukleare Abfälle. Der richtige Umgang mit diesen Abfällen kostet sehr viel Zeit und Geld. Wir hinterlassen zukünftigen Generationen damit ein riesiges Problem. Der einzig sinnvolle Weg für uns führt weg von der Atomkraft - unseren Kindern und Enkeln zuliebe.

Wir Menschen haben Atomwaffen geschaffen, mit denen wir die gesamte Menschheit auslöschen könnten. Das ist ein elementarer Widerspruch in unserer Existenz. Es wurden viele Schritte zur Vermeidung von Atomkriegen unternommen, zum Beispiel der Atomwaffensperrvertrag. Andererseits kann nahezu jedes Land seine eigenen Regeln für die Nutzung von Atomkraftwerken aufstellen, solange kein radioaktives Material für militärische Zwecke genutzt wird.

Ich bin der Meinung, dass wir auch internationale Vorschriften für den Bau von Atomkraftwerken brauchen. Es wird irgendwann, irgendwo wieder einen Atomunfall geben, auch wenn niemand sagen kann, wann oder wo. Können wir vermeiden, dass bei einem Unfall viele Menschen evakuiert werden müssen? Ist ein sicherer Umgang mit Atommüll möglich? Wir brauchen internationale Regeln, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Uns steht auch ohne Atomkraft genug Energie zur Verfügung - durch natürliche Energiequellen wie Sonne, Wind und Biomasse. Um die globale Erwärmung zu stoppen, müssen wir nicht nur auf Atomkraft, sondern auch auf fossile Brennstoffe verzichten. Wenn alle Länder gemeinsam ernsthaft an der Entwicklung neuer Technologien arbeiten, ist es meiner Meinung nach sicher möglich, in 50 Jahren die Energieversorgung aller Menschen auf dieser Erde allein durch natürliche Energie sicherzustellen.

Für die Zukunft der Menschheit und unseres Planeten darf es für die ganze Welt nur noch einen Weg geben: Weg von der Atomkraft. Davon bin ich jetzt fest überzeugt.

Übersetzt aus der Huffington Post USA von Bettina Koch. Hier geht's zum Original.