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Warum Merkels Weihnachtslieder die Probleme nicht lösen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ARMUT
dpa
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Bundeskanzlerin Merkel forderte auf dem CDU-Parteitag in Mecklenburg-Vorpommern vergangenen Samstag, dass Christdemokraten mehr christliche Weihnachtslieder singen sollen und machte weitere Vorschläge, wie man der Angst vor Überfremdung begegnen solle.

Sehr zur Belustigung und zum Unverständnis der Öffentlichkeit. Dabei hat sie natürlich in gewisser Weise Recht, wenn sie diejenigen, die Angst davor haben, durch Einwanderung ihre Kultur zu verlieren, auffordert, mehr Weihnachtslieder zu singen.

Kultur kann keinem weggenommen werden, man verliert sie, wenn man sie selbst nicht pflegt und zumindest in Deutschland hindert niemand einen, anders als zum Beispiel in der Türkei, an der Pflege der eigenen Kultur.

Frau Merkels außerdem gestellte Frage nach dem, was jeder Einzelne seinen Kindern oder Enkeln beibringe, ist völlig berechtigt. Es ist die Frage nach dem, was man selbst für die Bewahrung der eigenen Kultur und Identiät tut, außer den Verlust zu befürchten und zu beklagen.

Vermittlung einer deutschen Kultur

Gleichzeitig offenbart Frau Merkel aber, dass sie die Situation im Lande nicht wirklich kenne und auch nicht verstehe, was die Ursachen für Kulturverluste tatsächlich seien. Die meisten Bürger vermitteln ihren Kindern und Enkeln die deutsche Kultur, nicht zwingend eine christliche, aber dennoch eine deutsche.

Ich kenne aber auch Deutsche, die mittlerweile eher in der polnischen oder türkischen Kultur zu Hause sind als in der ihrer Eltern, teilweise sogar gut polnisch und türkisch sprechen und dabei nie einen Sprachkurs in diesen Sprachen besucht haben, sondern diese Sprachen als Kinder bei ihren Freunden erlernt haben.

Aufgewachsen in sozial schwachen Wohngegenden, meist mit nur einem Elternteil, welches auch noch häufig Suchtprobleme hatte, lernten sie ein intaktes Familien- und Sozialleben nur in der ausländischen Nachbarschaft kennen. Dort erlebten sie dann auch die Feiern. Entweder polnische Weihnachten oder türkische Zuckerfeste.

Das ist nichts, wovor man Angst haben müsste, im Gegenteil, diese Menschen hatten Glück, von einem sozialen und kulturellen Gefüge getragen zu werden.

Die Eltern habe andere Probleme

Wenn Deutsche ihre Kultur verlieren, dann nicht, weil Eltern keine Lieder mit den Kindern singen, sondern, weil die Eltern oft andere Probleme haben und Kinder dabei verwahrlosen. Sie suchen sich dann ihre eigene Kultur.

Wenn sie Pech haben, landen sie bei Straßengangs, kriminellen Rockerbanden, Nazis oder Islamisten und werden Bestandteile dieser Subkulturen und Parallelwelten. Wenn sie Glück haben, landen sie bei polnischen, türkischen oder anderen Freunden und Familien.

Deutsche Bildungsbürger-Familien, die mit deutschen Familien aus der Unterschicht Kontakte pflegen würden, gibt es hingegen kaum bis gar nicht, oder?

Begünstigt wird dies dadurch, dass Deutsche, die aufgrund unterschiedlichster Ursachen verarmt sind oder nie aus der Armut entkommen konnten, gesellschaftlich in die gleichen Viertel abgeschoben wurden oder dort verharren mussten, in denen ausländische Familien oftmals aufgrund ihrer Herkunft landeten.

Soziale Trennung ist die Ursache individueller Kulturverluste

Solche Gegenden sind aufgrund der hohen Anteile an Migranten und niedrigen Anteile an Deutschen überhaupt nicht dazu geeignet, dass die Migranten die deutsche Kultur kennenlernen oder dass die Deutschen ihre Kultur dort unverändert bewahren.

Das sind die Gegenden, über die dann zum Beispiel türkische Begriffe Eingang in die Jugendsprache finden und wo sich deutsche Jugendliche wie selbstverständlich viel mehr mit der Vertreibung der Palästinenser beschäftigen als der Vertreibung der Sudetendeutschen oder der Verfolgung der Juden.

Zu Recht werden insbesondere in den Stadtstaaten große Anstrengungen unternommen, diese soziale Trennung, die auch Ursache individueller Kulturverluste ist, über das Bildungssystem zu überwinden.

Die Schulen sind die einzigen Orte, in denen der Staat integrierend und kulturvermittelnd eingreifen kann. Nur wer die Qualifikation hat, sich selbst aus der sozialen Not herauszuarbeiten, kann den Weg in die deutsche Mehrheitsgesellschaft finden und sich dort auch ohne jede weitere Hilfe selbst integrieren. Das erfordert von den Schulen aber den Kraftakt zusätzlich zu ihrem Bildungsauftrag die Hauptlast der Integrationsarbeit und Kulturvermittlung zu tragen, oft ohne zusätzliche finanzielle Mittel.

Sozial schwache Deutsche wurden von der Politik abgeschrieben

Integration oder auch Inklusion ist deswegen vorwiegend eine soziale Frage. Weder CDU, noch AfD oder FDP stellen diese soziale Frage der Abgehängten dieser Gesellschaft. Deswegen kommen dann merkwürdige Lösungsvorschläge wie der Ruf nach christlichen Weihnachtsliedern bei der CDU oder die Ablehnung von Ausländern durch die AfD heraus oder es werden erst gar keine Vorschläge gemacht wie bei der FDP.

SPD, Linken und Grünen muss man trotzdem den größeren Vorwurf machen, da die sozialen Fragen eigentlich deren politische Schwerpunkte waren und sie hier ihre eigenen Wählerklientel im Stich gelassen haben.

Zwar haben sie sich programmatisch und konzeptionell intensiv um die Migranten gekümmert, dabei aber die sozial abgehängten Deutschen mit ihren spezifischen Problemen vernachlässigt. Diese für Wahlen aufgrund ihrer Passivität bislang unbedeutende Gruppe wurde von der Politik abgeschrieben.

Die wütende und verzweifelte Meinung, dass sich doch sowieso niemand in der Politik für sie interessiere, traf oft zu. Nun meldet sich diese Gruppe aber wieder zurück und sucht, so legen das die Verteilungen der Wahlergebnisse innerhalb von Großstädten nahe, als ehemalige Nichtwähler Hilfe bei der AfD.

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SPD, Grüne und Linke haben oftmals weder Leute, die bei diesen Abgehängten Glaubwürdigkeit besitzen, noch deren Sprache sprechen oder Lebenswelt kennen. Hierdurch erklären sich auch die Verluste der SPD an die AfD.

Wenn Sahra Wagenknecht jetzt der Vorwurf gemacht wird, dass sie immer öfter nach AfD klinge, so steckt dahinter auch der für die Linken wichtige Versuch, eine Sprache zu finden, mit der sie diese Wählergruppe erreichen kann, denn tatsächlich kann sie diese Wähler eher ansprechen als die jetzige SPD.

Wer in den Parteien aber wirklich möchte, dass Menschen ihre Kultur bewahren können, muss es ihnen ermöglichen sich zeitlich, emotional und finanziell angemessen um Kinder und Enkel zu kümmern. Dann klappt es auch mit den Weihnachtsliedern wieder.

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