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Die Ursachen des Fremdenhasses

25/08/2015 12:16 CEST | Aktualisiert 25/08/2016 11:12 CEST
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Meine ersten Begegnungen mit Fremdenhass machte ich in der Grundschule, aber als Kind nahm ich ihn gar nicht als solchen wahr. Es gab einen neuen türkischen Mitschüler, dessen Pech es leider war, wie ein Schuhpflegeprodukt zu heißen: Erdal.

Gerade mit seiner Familie aus der Türkei angekommen, sprach er kein Wort Deutsch und es war ihm daher absolut unverständlich, weswegen sich alle über ihn lustig machten und keiner konnte es ihm erklären.

Es verging keine Pause, in der er nicht Ziel von Spott und irgendwann auch körperlicher Angriffe wurde. Als die Klassenkameraden sahen, dass die Lehrer Erdal nicht zu Hilfe kamen, sondern im Gegenteil sogar den Beteuerungen bereitwillig und schnell glaubten, dass Erdal die Prügeleien angefangen hatte, war für ihn alles verloren.

Zuerst wurde er in den Pausen verprügelt und anschließend von den Lehrern im Unterricht bestraft. Schließlich wurde er nach einem Jahr von der Schule verwiesen und landete auf einer Sonderschule. Vielleicht erklärt das, weshalb viele Kinder türkischer Gastarbeiter nie richtig deutsch gelernt haben. Nur so ein Gedanke.

Jetzt kommt leider keine Helden- oder Freundschaftsgeschichte

Erdal war nicht der einzige Ausländer in der Klasse. Es gab noch einen Zweiten: mich. Jetzt kommt leider keine Helden- oder Freundschaftsgeschichte. Ich konnte Erdal nicht helfen, denn auch zwischen uns war keine Kommunikation möglich und mir war er deswegen genauso fremd, wie allen anderen. Auch ich glaubte damals meinen Klassenkameraden daher mehr als Erdal.

Kinder können nicht nur grausam, sondern auch gerissen sein, sie sind aber auch sozial. Erdal wäre geschützt gewesen, wenn er Freunde gehabt hätte. Wenn irgendwelche anderen Kinder im Pausenhof aufgestanden wären und gesagt hätten: "Hör auf Erdal zu schlagen oder du bekommst es mit mir zu tun." So etwas kam vor, aber nie zugunsten von Erdal.

Erdal war fremd und anders und das reichte allen, um die Distanz zu ihm nicht zu überbrücken. Man konnte dies von den Kindern auch nicht erwarten. Es wäre Aufgabe der Lehrer gewesen, die Distanz und das Gefühl der Fremde innerhalb der Klasse abzubauen, aber damals sangen wir nur Volkslieder und lernten Gedichte auswendig.

Auf der Europakarte an der Wand des Klassenraumes war Deutschland mit zwei Grenzen eingezeichnet. Den aktuellen der BRD und der DDR und dann noch den Grenzen von 1939.

Ein schlechter Ausländer, der aus den falschen Gründen in Deutschland war

Auf dem Heimweg mit einem Klassenkameraden fragte ich ihn einmal, warum sie alle so viel Ärger mit Erdal hätten. "Mein Vater sagt, die nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg.", war seine Antwort. Das klang plausibel. War Erdals Vater doch Gastarbeiter.

Im Nachhinein ist es erstaunlich, wie meine Klassenkameraden differenzierten. Da war Erdal, der Sohn eines Gastarbeiters, ein Wirtschaftsflüchtling und da war ich, der Sohn von Flüchtlingen aus Afghanistan, geflohen vor den kommunistischen Sowjets.

Da war also ein schlechter Ausländer, der aus den falschen Gründen in Deutschland war und da war ein guter Ausländer, der aus den richtigen Gründen hier war. Erst als ich älter wurde begriff ich, wer diese Einteilung tatsächlich vorgenommen hatte. Es war die Politik. Und sie reichte dieses Urteil nach unten durch.

Erdal war in Wirklichkeit von Helmut Schmidt und Helmut Kohl verprügelt worden. Kohls Sätze in der Tagesschau waren der Freibrief für die Quälereien gewesen. Sie machten aus einem neuen Mitschüler den unerwünschten Eindringling.

Flüchtlinge, die direkten Konkurrenten

Es ist leicht den aktuellen Fremdenhass zu verurteilen. Er ist in seiner Extremität barbarisch, aber er kommt nicht nur in in Dresden vor, er kommt nicht nur in Sachsen vor und er kommt auch nicht nur in Ostdeutschland vor.

Er hat seine Heimat auch im Ruhrgebiet und allen anderen Regionen, in denen es einen immer noch nicht bewältigten Strukturwandel gibt, selbst in Teilen Hamburgs, in ehemaligen Arbeitervierteln, die zu Ghettos geworden sind.

Es ist leicht für uns, die wir gut ausgebildet und privilegiert sind, die menschliche und wirtschaftliche Bereicherung durch Zuwanderung zu erkennen. Menschen, die aber ihre Arbeit und ihr soziales Gefüge aufgrund von Globalisierung und technologischem Wandel verloren haben, erkennen darin nur eine Bedrohung.

Sie arbeiten, wenn überhaupt, im Niedriglohnsektor, in der Zeitarbeit oder schwarz, um in ihren strukturschwachen Regionen über die Runden zu kommen.

In ihrer Wahrnehmung sind die Flüchtlinge direkte Konkurrenten und es wäre ignorant zu behaupten, dass diese Konkurrenz nicht existiert. Wer jemals auf eine Baustelle geht oder das Handwerk genauer unter die Lupe nimmt, wird wissen, was ich meine.

Viele Flüchtlinge sind besser ausgebildet als die Leute, die gegen sie demonstrieren

Viele Flüchtlinge sind, wenn man von den Sprachproblemen absieht, auch besser ausgebildet als die Leute, die gegen sie demonstrieren. Ein Bauherr kann heute auf seiner Baustelle einen Ingenieur, dessen Abschluss nicht anerkannt wurde, zum Mindestlohn beschäftigen und Steine schleppen lassen. Wenn er das Risiko eingeht, sogar darunter.

Das sind die Ursachen der Ängste und des Hasses. Die Leute sehen hierbei natürlich nicht, dass es ganz anders sein könnte. Würde man diesen Flüchtlingen ihre Abschlüsse anerkennen, könnten diese schneller in qualifizierte Berufe, dort das Wirtschaftswachstum und die Produktivität steigern und somit mehr Jobs und auch Baustellen schaffen, in denen dann auch die Abgehängten wieder Arbeit finden.

Eine schnelle Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge würde auch den Druck auf die Niedriglöhne und den Schwarzarbeitsmarkt nehmen und somit für steigende Löhne sorgen.

Allerdings müsste das von der Bundesregierung erklärt werden. Doch seit der Ära Kohl hat sich nichts geändert. Kohl heißt jetzt Merkel, sonst änderte sich nix.

Auch die Solidarität zwischen den Einwanderern ist nicht größer geworden

Türkischstämmige Mitbürger hetzen mittlerweile gegen den Zuzug von Wirtschaftsflüchtlingen aus dem Balkan, weil diese ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen würden. Menschen, die vor ihren Feinden in den Heimatländern geflohen sind, treffen plötzlich in Deutschland auf ihre Verfolger, die ebenfalls geflohen sind und alle zusammen pflegen die Abgrenzung und die Vorurteile gegenüber anderen Ausländergruppen.

Wir ignorieren außerdem immer noch die Erkenntnis, dass all die Milliarden, die Europa für die Betreuung der Flüchtlinge und für die Abwehr der Flüchtlinge ausgibt, besser in der Entwicklungshilfe investiert wären, die seit Beginn der neoliberalen Ära systematisch zurückgefahren wird.

Es wird auch ignoriert, und vom Terrorismus, Anti-Amerikanismus und vermeintlichen Religionskriegen überdeckt, dass die Flüchtlingsströme nicht eher nachlassen werden, bis man endlich wieder die soziale Frage nach Gerechtigkeit in der Welt stellt und die systematischen Ausbeutungsmechanismen wieder beim Namen nennt und nicht als neoliberale Segnungen verkauft.

"Lass sie in Ruhe, oder Du bekommst es mit uns zu tun."

Was wir als Bürger machen können, ist aufzustehen und den Hetzern, die Flüchtlingen an den Kragen gehen Einhalt zu gebieten und zu sagen "Lass sie in Ruhe, oder Du bekommst es mit uns zu tun."

Wir würden damit nicht nur für andere, sondern auch für unseren vermeintlichen Werte aufstehen. Die Einzigen, die das gegenwärtig vor Ort tun sind die Mitglieder der Antifa und es ist mehr als beschämend, wenn dann ausgerechnet Mitglieder der CDU und der FDP sich darüber empören, dass man sich über rechte Gewalttäter aufregt, aber in den Medien die Mitglieder der linken Antifa schont.

Man könnte auch stattdessen als politische Partei die Frage stellen, wo die Staatsmacht bleibt, um Flüchtlinge und Ausländer zu schützen. Das setzt freilich voraus, dass man diese Menschen und ihre Würde für schutzwürdig hält.

Es ist nämlich so, dass wir alle gemeinsam Verantwortung dafür tragen, was aus Erdal wurde und was aus den Menschen um uns herum wird. Eigenverantwortung hin oder her. Wir leben gemeinsam auf einer Welt.

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