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Mit Trump steht ein analoger, menschgewordener Shitstorm zur Wahl

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Alle fieberten auf das erste Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald J. Trump hin. Mehr als 84 Millionen Zuschauer aus der ganzen Welt (im Video oben). Beide Kandidaten erklärten sich danach natürlich zum Sieger. Gemeinhin gilt die höfliche, vorbereitete Hillary Clinton als Siegerin - auch in Europa.

Aber wirklich? Macht es bei den Präsidentschaftswahlen einen Unterschied, ob die meisten Europäer Clinton kultivierter finden oder dem schniefenden Trump liebend gerne ein Taschentuch anböten?

Passend zum Thema: Diese zwei Punkte könnten die US-Wahl endgültig entscheiden

Nein, gewählt wird in den USA. Und hier hat Trump deutlicher gewonnen als uns lieb ist. Und noch mehr, Trump wird jedes weitere TV-Duell gewinnen. Sicherlich nicht in den Augen der Europäer, sicherlich nicht in den Augen der politischen Eliten, auch nicht in meinen Augen, aber definitiv bei seinen Anhängern und Wählern - und nur darauf kommt es an!

Aber bleiben wir doch kurz bei den Europäern. Vergleiche zu ziehen ist oft schwer und oft hinken sie. Aber mit welcher Verwunderung haben sich viele die Augen bei den Wahlerfolg und bei der Beliebtheit von Silvio Berlusconi gerieben. Berlusconi, der italienische Ministerpräsident, der nicht zwingend mit Fachlichkeit und Zurückhaltung in der Öffentlichkeit aufgefallen ist.

Trump ist so etwas wie der amerikanische Berlusconi

Aber die Italiener haben Silvio Berlusconi geliebt und gewählt. Eine einfache wie mächtige Erklärung: Identifikation. Die Identifikation ist aus psychologischer Sicht ein starker Mechanismus. Dabei versetzen sich Menschen in die Person und können so an ausgewählten Gefühlen, Werten, Handlungen und der Lebensart teilhaben.

Sie können stellvertretend in der Person etwas erleben, was ihnen sonst nicht möglich wäre. Berlusconi führte das Leben, das der durchschnittliche Italiener gerne hätte: Frauen, Macht, Geld und was noch so dazugehört. Trump ist der amerikanische Traum. Er lebt das Leben der Amerikaner und noch viel besser:

Trump spricht aus, was seine Anhänger dem politischen Establishment gerne selbst sagen würden. Trump tut, was seine Anhänger selbst gern tun würden. Trump ist, was seine Anhänger selbst gerne sein würden.

Deshalb stört es seine Anhänger auch nicht, wenn er schludrig im TV-Duell Clinton von der Seite anschnieft, wenn Trump Frauen, Muslime und Mexikaner abwechseln beleidigt und deshalb stört es sie noch nicht einmal, wenn er sagt, er sei so schlau und zahle keine Steuern. Seine Anhänger bewundern ihn genau dafür, weil sie gerne so wären wie er.

Infos zum US-Wahlsystem gibt es hier.

Trump macht das, was sie sich selbst nicht trauen oder nicht können. Trump ist ein analoger, menschgewordener Shitstorm, der alles kanalisiert und in die Öffentlichkeit bringt, was sonst irgendwo im Internet oder hinter vorgehaltener Hand gesagt wird.

Trump ist reich und mächtig und hat die Unabhängigkeit, das zu tun. Und diese Unabhängigkeit ist ein sehr wichtiger Aspekt der amerikanischen Identität. Trump bietet seinen Anhängern die Möglichkeit, sich mit ihm zu identifizieren. So können sie in seiner Person das erleben, was sie selbst gerne tun würden.

Deshalb hat Trump das Fernsehduell gewonnen und wird jedes weitere Duell gewinnen - er kann nicht verlieren. Seine Anhänger schert es nicht, wie die "Eliten" Trumps Auftreten bewerten. Im Gegenteil, seine Anhänger fühlen sich darin bestätigt, wenn Trump unkonventionelles Verhalten vorgeworfen wird. Es ist das, was sie wollen.

Trump und seine Anhänger schauen in eine diffuse, pessimistische Zukunft, die nichts Besseres erwarten lässt

Deshalb ist das oberste Ziel, den Status quo zu sichern. Sie haben keine Vision für die Zukunft für die es sich lohnt etwas zu riskieren. Es gilt, das abzusichern, was man hat. Die Motive hierfür sind unterschiedlich: Menschen, die sich einen Lebensstandard erarbeitet haben und Angst vor Veränderung haben.

Menschen, die ein konservatives Menschenbild haben und Veränderung meiden. Menschen, die das Establishment hassen, weil sie die Privilegien zwar kritisieren, in Wahrheit selbige aber gerne für sich hätten.

Allen Motiven gemeinsam bilden eine starke Emotionalität, die mobilisiert, immun macht gegen Sachargumente und die Ängste kanalisiert. Die Ängste vor der Veränderung. Perfiderweise wirbt Trump damit, etwas zu ändern, obwohl er nur auf Stillstand setzt. Er will die Veränderung aufhalten, er will die USA konservieren.

Ein attraktives Angebot für alle, die Angst vor der Zukunft haben und den Besitzstand wahren wollen. Angst ist eine starke Kraft, die mobilisiert und Wähler zu den Urnen bringt.

Trump hat mit seinem Wahlkampf das Land gespalten, aber seine Anhänger geeint

Er verspricht seinen Wählern "das alte Amerika" und hat eine Agenda. Dass diese nicht realisierbar und gar zerstörerisch wäre, stört seine Anhänger nicht. Ein weltoffenes, modernes Amerika wäre für sie diffus und noch verängstigender.

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Hillary Clinton muss sich die Frage gefallen lassen, wofür sie steht. Mit Sachargumenten und Kompetenz wird sie nur die Wählerinnen und Wähler überzeugen - nicht begeistern - können, die offen genug sind, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber Rationalität hat noch nie mobilisiert. Vielleicht sollte Hillary auch auf Angst-Themen setzen. Die Angst, dass Trump wirklich Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden könnte, könnte letztendlich noch genug Wähler überzeugen.

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