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"Weiche, Dämon": In Polen erlebt der Exorzismus ein verstörendes Revival

03/03/2017 18:07 CET | Aktualisiert 03/03/2017 19:57 CET
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Nadine Wojcik ist Journalistin mit polnischen Wurzeln, Katholikin. Und hat in Polen einer uralten Praxis nachgespürt, die ein verstörendes Revival erlebt: Exorzismus, der Teufelsaustreibung durch katholische Priester.

Wojcik hat mit Priestern gesprochen, mit Gläubigen und Kritikern. Die Szenen, die sie erlebt hat, sind hier fett gesetzt und ihrem Buch "Wo der Teufel wohnt" entnommen.

exorzismus

Es ist 10 Uhr morgens, als ich die Festwiese erreiche. 20.000 Menschen wiegen sich zu den Worten von Prediger John Baptist Bashobora aus Uganda, manche mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen, manche mit forderndem Blick: „Jetzt komm schon, heiliger Geist!"

Aus den Lautsprechern plärrt die Predigt, ansonsten ist es gespenstisch still und bedrückend: In der Hoffnung auf Wunderheilung sind Leidende aus ganz Polen angereist.

Die Sonne brennt unerträglich auf den schattenlosen Rasen. Plötzlich fallen links neben mir nacheinander zwei Frauen um. Ich krame hektisch nach einer Wasserflasche, als ich merke, dass die Umgefallenen hier niemanden kümmern. Überfordert betrachte ich die Gesichter der älteren Damen. Mit geschlossenen Augen liegen sie selig lächelnd auf dem Rücken. Ist der Heilige Geist bereits in sie gefahren?

Was ich auf einem Feld 15 Kilometer vor der Kleinstadt Konin erlebt habe, war extrem. Wie vieles, das ich während meiner achtmonatigen Recherche beobachtet habe. Ich bin Polin, ich bin Katholikin. Und trotzdem verstehe ich manche Menschen hier nicht mehr.

In den 90er-Jahren soll es gerade einmal vier Exorzisten in ganz Polen gegeben haben. Wie viele es heute sind, verrät die Bischofskonferenz nicht, obwohl es die Bischöfe sind, die Pfarrer zu Exorzisten ernennen. Eine Internetseite listet 130 Exorzisten-Pfarrer in ganz Polen auf, nach meinen Schätzungen dürften es mehr sein, etwa 220. Jeder von ihnen nimmt wahrscheinlich rund 100 Teufelsaustreibungen pro Jahr vor. Exorzismus ist ein Massenphänomen geworden. Und Prediger wie Bashobora die Spitze des Eisbergs.

„Lauter! Betet mehr!" Wir sind beim Programmpunkt „Zungenreden" angekommen, dem unverständlichen Sprechen beim Beten, eine zentrale Gebetsform der Pfingstbewegung. Auf der Festivalwiese brabbelt jetzt jeder vor sich hin, manche schrill, manche leise, manche auf Polnisch, manche in Fantasiesprachen, manche summen, manche murmeln, manche singen mantraartig ‚Halleluja'. Eine Geräuschkulisse der Ekstase mit Hang zum Wahnsinn.

Mir dröhnt der Kopf, ich fühl mich zunehmend unwohl, bedroht, die Gesichter der Menschen verzerren sich, während der Exorzist seltsame Laute ins Mikro ruft. Ich laufe Richtung Ausgang, mein ganzer Kopf ist schwer wie Blei und dreht sich. Ich möchte schreien, damit der Wahnsinn um mich herum verstummt. Gerade als irgendein Teil in mir diesem Impuls nachgeben möchte, kommt mir eine Frau zuvor. Ihre wiederkehrenden Schreie sind markerschütternd - und rütteln mich wach.

Exorzismus als Event

Bashobora hat ein Event aus etwas gemacht, das die katholische Kirche seit Urzeiten kennt und das eigentlich recht unspektakulär ist. Nachzulesen unter anderem im Matthäus-Evangelium, Vers 10.1. Da gibt Jesus seinen Jüngern "die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen."

nadine wojcik

Nadine Wojcik

Exorzismus ist so alt wie die Religionen selbst. In seiner kleinen Form, dem Befreiungsgebet, das jeder Pfarrer sprechen darf, gehört er auch zur Taufe. Auch im Traditionsgebet "Vater Unser" heißt es "Erlöse uns von dem Bösen".

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1614 hat der Vatikan das Vorgehen für den sogenannten Großen Exorzismus im Rituale Romanum festgelegt - die öffentlichen Hexenverbrennungen und Teufelsaustreibungen waren da so außer Kontrolle geraten, dass es nötig geworden war. Erst 1999 hat der Vatikan den Exorzismus reformiert und vereinfacht.

Es ist eine Abfolge von Gebeten und Symbolhandlungen. Gott und die Heiligen werden angerufen, man betet das Glaubensbekenntnis, es folgen Texte aus Psalmen und Evangelien. Der Exorzist zeigt das Kreuz, legt dem Betroffenen die Hand auf, besprenkelt ihn mit Weihwasser. Er spricht dann eine Formel, die nur der ernannte Exorzist sprechen darf, zum Beispiel: "Weiche Dämon!" In rund zehn Minuten könnte normalerweise alles erledigt sein.

Verstörend wird es erst, wenn sich die Person wehrt. Polens Chef-Exorzist Andrzej Grefkowicz hat mir erzählt, dass seiner Meinung nach etwa einer von acht Menschen, die seine exorzistischen Dienste in Anspruch nehmen, vom Teufel besessen sei, also nicht mehr Herr über den eigenen Körper. Die anderen seien nur belagert.

Für die Kirche sicherlich keine uninteressante Auslegung. Denn nach dieser Definition ist so ziemlich jeder belagert, der einmal eine Krise im Leben hat - oder der vermeintlich teuflische Pop-Musik hört, Yoga ausübt, Harry Potter liest oder zum Homöopathen geht.

Besessen oder nur belagert?

Grefkowicz sagt, wenn einer dann wirklich besessen sei, dann schreie er, wenn er den Namen Gottes höre, wehre sich gegen das Weihwasser, das er trinken solle.

Ich habe so eine Situation selbst nie miterlebt - aber nach dem, was man mir erzählt hat, halten da zur Not ein paar Männer eine meist junge Frau an den Armen, den Schultern, den Oberschenkeln fest, die sich mit aller Kraft dagegen wehrt.

Erschreckend, aber nichts, was man sich nicht mit medizinischem Wissen und Menschenverstand erklären könnte. Mit epileptischen Anfällen oder krankhaften Angstzuständen wären einige bei einem Psychologen vielleicht besser aufgehoben.

Das Rituale Romanum

Mit den neuen Regelungen von 1999 ist ein Teufelsaustreiber laut Rituale Romanum dazu verpflichtet, sorgfältig zu prüfen, ob tatsächlich eine Besessenheit vorliegt, und sich dafür gegebenenfalls mit Medizinern und Psychiatern zu beraten. Nur wenn eine psychische Erkrankung ausgeschlossen werden kann, dürfen Exorzismen ausgeführt werden.

Ich habe eine Statistik des Chef-Exorzisten für das Jahr 2014 bekommen. Demnach hat der hauseigene Psychologe 576 von 609 Hilfesuchenden zum Exorzisten überwiesen. Ich habe beide zusammen erlebt, den Psychologen und den Chef-Exorzisten. Sie haben sich auffallend gut verstanden, kicherten immer wieder zusammen. Ein eingespieltes Team eines christlichen Beratungszentrum - da fragt man sich, wie objektiv die psychologische Erstkonsultation ist.

Die Kirche im Osten von Warschau ist gut gefüllt. Einmal im Monat bietet diese Gemeinde hier einen besonderen Service an: Gottesdienst zur Heilung und Befreiung von satanischen Qualen - so die wörtliche Übersetzung.

Vom Seitenrand habe ich einen guten Überblick über die Kirchenbesucher: viele Frauen um die 40, wahrscheinlich direkt von der Arbeit gekommen, einige Großmütter, wenige Männer, noch weniger junge Erwachsene, keine Jugendlichen.

Für viele Polen ist der Pfarrer die oberste Instanz. Wer ein Problem hat, geht erst einmal zu ihm. Das ist gesellschaftlich anerkannt in einem Land, in dem rund 40 Prozent aller Katholiken wöchentlich in die Kirche gehen. Wer dagegen zum Psychologen oder Psychiater geht, trägt das Stigma des Verrückten.

Dazu kommt, dass Exorzismus schnelle Hilfe verspricht. Entweder geht man zu einem Befreiungsgebet, das jeder Pfarrer sprechen darf, oder bekommt einen Einzeltermin beim extra ernannten Exorzisten - wie beim Arzt. Der Exorzist betet dann für den Betroffenen, der mit seinem Leben nicht klarkommt. Er muss selbst nichts weiter tun. Wie Praktisch.

Der Pfarrer bittet um den Schutz einiger Heiligen und richtet dann seine Befreiungsformel an die Gemeinde: „Ich befreie euch von der Macht der bösen Geister im Namen von Jesu Christi. Möget ihr euch von Okkultismus, Wahrsagerei, Astrologie, Bioenergetik, Meditation, aggressiven Computerspielen und dämonischer Musik lossagen. Dass jeder böse Einfluss durch die Macht Jesu zerstört werde. Dass ihr wirklich befreit seid."

Pfingstkirchliche Strömungen, die auf die Wirkung des Heiligen Geistes, auf Mystik und Emotion, auf Teufelsglauben setzen, sind überall auf der Welt auf dem Vormarsch. Aber in Polen will die katholische Kirche der neuen Konkurrenz offenbar etwas entgegensetzen - unter anderem mit Exorzismen. Diese fundamentalisierte, anti-intellektuelle neue Form des katholischen Glaubens verstört mich.

Es gibt sogar eine monatlich erscheinende Zeitschrift namens "Egzorcysta" ("Exorzist"), mit offizieller Genehmigung durch die Kurie und einer Auflage von bis zu 20.000 Stück. Ihr Verleger Mariusz Błochowiak wurde am Max-Planck-Institut in Mainz promoviert und glaubt trotzdem daran, dass Michael Jackson, Yoga, Tattoos, UFOs, Harry Potter und Hello Kitty Teufelszeug sind.

Auch Politiker der rechtspopulistischen Regierungspartei PiS nutzen das wirre Okkultismus-Bild. So soll zum Beispiel der neue Innenminister Mariusz Błaszczak vergangenes Jahr einen Exorzisten beauftragt haben, die bösen Geister seines Vorgängers aus seinem Amtszimmer zu vertreiben.

Ich habe auch Menschen getroffen, denen es nach einem Exorzismus besser geht. Wie die 32-jährige Karolina. Sie ist eine der Protagonistinnen des polnischen Dokumentarfilms "Kampf mit dem Satan".

Darin erzählte sie von ihren homoerotischen Fantasien, in denen sie eine Nonne küsste, auszog, auf einem Tisch über sie herfiel. Außerdem hat sie einmal beim Gläserrücken mitgemacht. Und ging wegen all dem zum Exorzisten - zehn Mal in sechs Jahren.

„Wie haben Sie sich danach gefühlt?", frage ich Pani Karolina. „Ich spürte Liebe und Ruhe in mir", sagt sie. Gleich am Anfang ihres Leidensweges habe ihr ein Pfarrer versprochen: „Gott wird dich heilen." Diesen Satz habe sie nie vergessen.

Einzelnen mag es besser gehen. Aber für Experten wie den Priester und Universitätsdozenten Andrzej Kobyliński ist die neue Strömung in der katholischen Kirche ein religiöser Krieg. Weil in Europa religiöser Analphabetismus herrsche, keiner mehr über die Grundzüge von Religion Bescheid wisse und unkritisch alles Mögliche annehme.

Ob er Recht hat? Darüber sollte man streiten - gemeinsam mit Exorzisten und den neuen Predigern. Doch stattdessen herrscht absolutes Sprechverbot. Obwohl gesellschaftlich weitverbreitet ist die kritische Auseinandersetzung mit Exorzismus ein Tabu.

Dieser Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Nadine Wojcik: "Wo der Teufel wohnt"

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