Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Nadine Kroll Headshot

Ein wütender Brief an die Frauen, die Opfer von Sexismus verhöhnen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JENNA BEHRENDS
dpa
Drucken

Es ist eine offene Schlammschlacht, die an Absurdität nicht zu übertreffen ist: Eine Politikerin prangert Sexismus in ihrer Partei an und wird daraufhin von Menschen ihres eigenen Geschlechts beschimpft und verhöhnt.

Jenna Behrends heißt die Frau, die es gewagt hat, sich öffentlich negativ über die CDU und den dort vorherrschenden Sexismus zu äußern. Der Fall machte Schlagzeilen, doch statt Unterstützung und Sicherheit aus den eigenen Reihen zu erfahren, gerät die Politikerin nun selbst in die Schusslinie.

Heftige Vorwürfe aus der eigenen Partei

Frauen aus der eigenen Partei, aber auch die selbsternannte „feminine Feministin" Birgit Kelle, werfen Behrends unter anderem vor, Sexismus nur zur Instrumentalisierung zu nutzen, um sich ins Rampenlicht drängen zu können. Jenna Behrends sei kein echtes Opfer von Sexismus, heißt es unter anderem, und verhöhne damit die Frauen, die tatsächlich betroffen seien.

Was wahr ist und welche Aussagen gelogen sind, wissen in diesem konkreten Fall wohl nur die betroffenen Personen selbst. Als Außenstehender den Überblick zu behalten, ist nahezu unmöglich. Ich zumindest möchte kein konkretes Urteil darüber fällen müssen, ob die gegenseitigen Anschuldigungen gerechtfertigt sind oder nicht.

Dennoch stört mich an dieser öffentlich ausgetragenen Schlammschlacht etwas, nämlich die einfache, bloße Tatsache, dass sich hier Frauen gegen Frauen stellen, statt sich mit ihnen zu solidarisieren. Nahezu jede Frau ist bereits Opfer von Sexismus geworden und hat meiner Meinung nach das Recht, darüber zu sprechen.

Sexismus ist ein kompliziertes Thema, das die Gemüter erhitzt wie kaum ein anderes. Wo beginnt er? Wo hört er auf? Sind Frauen vielleicht genauso sexistisch wie Männer und wissen es nur besser zu verstecken? Oder ist Sexismus gegen Männer tatsächlich nicht existent?

Sich gegen das eigene Geschlecht zu stellen, ist erbärmlich

Im konkreten Fall von Jenna Behrends sind diese grundsätzlichen Fragen meiner Meinung nach total egal. Sich gegen das eigene Geschlecht zu stellen, ist in meinen Augen einfach erbärmlich.

Das slut-shamping und victim-blaming, also das Abstempeln von Jenna Behrends als eine Frau, die es ja „so gewollt habe" und sowieso eine „Schlampe sei", gegen das Feministinnen sich seit Jahren auflehnen, kommt ausgerechnet aus den eigenen Reihen.

Das Patriarchat reibt sich derweil zufrieden die Hände. Der Möchtegern-Feminismus, der in Wahrheit gegen alles spricht, wofür vor allem die neue Frauenbewegung steht, steht nun endlich auf seiner Seite. Er sagt: Diese Frau ist kein Opfer. Sie ist eine Täterin und gehört dafür bestraft, damit den echten Opfern Gerechtigkeit widerfahren kann.

Es ist ein Fakt, dass wir in einer Welt leben, die von Männer regiert und dominiert wird, auch wenn an der Spitze unseres Landes eine Frau steht. Selbst Angela Merkel bleibt von Sexismus nicht verschont. Sexismus ist überall. Und er ist verdammt selbstgerecht. Erst recht, wenn andere Frauen ihn wegargumentieren wollen, nur weil es ihnen gerade in den Kram passt.

Jeder will was vom Sexismus-Kuchen

Fast hat man den Eindruck, es wäre eine persönliche Fehde, die da gegen Jenna Behrends aufgefahren wird. Jeder will was von dem Sexismus-Kuchen, der innerhalb der CDU gerade gebacken wird, und es scheint einigen sauer aufzustoßen, dass ausgerechnet Behrends sich das größte Stück geschnappt hat.

Bei all dem Hass, der ihr gerade entgegen schwappt, ist man mittlerweile nicht mehr sicher, ob sie mit ihrer Entscheidung, die sie mit Sicherheit zum Wohle aller Frauen inner- und auch außerhalb der Partei getroffen hat, wirklich glücklich ist.

Und genau da zeigt sich mal wieder das große Problem: Über Sexismus spricht man am besten gar nicht außerhalb eines geschützten Raumes. Sexismus gehört in der Öffentlichkeit totgeschwiegen, weil jedem, der den Mund aufmacht, sofort Instrumentalisierung oder Lügen vorgeworfen werden, die wiederum zu weiteren Lügen und noch mehr Instrumentalisierung genutzt werden.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Was früher die Rolle der Männer war, die sich angegriffen und verleumdet fühlten, wird nun von anderen Frauen ohne zu hinterfragen übernommen. Dabei sollten es doch genau die besser wissen. Dass Sexismus real ist. Und durch nichts zu rechtfertigen. Weder knappe Kleidung noch durch angeblich aufreizendes Verhalten.

Frauen, die anderen Frauen ihre Erfahrungen absprechen, machen mich wütend. Es ist nicht ihre Aufgabe, zu beurteilen, wie schlimm die Vorfälle wirklich waren. Nur das Opfer - im konkreten Fall also Jenna Behrends - kann das. Und sie ist ein Opfer.

Die Täter, das sind die, die nun auf ihr herumhacken. Täter, das sind nicht nur die Männer, die sexistische Übergriffe begehen, sondern auch all die Frauen, die das nicht ernst nehmen. Wegen ihnen, nur ihnen, trauen sich viele Frauen nicht, den Mund aufzumachen, wenn ihnen so etwas wiederfährt.

Aus Angst, nicht ernstgenommen, verleugnet, verhöhnt und von der Gesellschaft vernichtet zu werden. Nicht etwa wegen den Opfern, die sich trauen, zu sprechen, und dem Thema ein Gesicht zu geben, so wie Jenna Behrends es getan hat.

Damit muss endlich Schluss sein. Frauen müssen sich mit Frauen wieder solidarisieren. Anerkennen, dass es beim Thema Sexismus keine „richtigen" und „falschen Opfer" gibt. Und endlich damit aufhören, sich gegenseitig als Schlampen zu beschimpfen, die nur im Rampenlicht stehen wollen.

Es reicht schon, dass das Männer tun. Sich auf die Seite des Patriarchats zu stellen und mitzubrüllen, tut nichts für den Feminismus. Und damit auch nichts für die Opfer von Sexismus.

Auch auf Huff Post:

Scheidung von Angelina Jolie: Brad Pitt veröffentlicht herzergreifendes Statement

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.