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Generation Y: Wir wären auch gerne Rebellen. Aber wo nichts verboten ist, kann man auch nicht rebellieren

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GENERATION Y
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Es gibt Tage, an denen kann ich meine Eltern nicht ausstehen. Nicht, weil sie Eltern und damit automatisch uncool sind und mir Dinge verbieten wollen, obwohl ich eine - mal mehr, mal weniger - erwachsene Frau bin. Sondern weil sie genau das Gegenteil davon sind. Es gibt Tage, an denen ich meine Eltern nicht ausstehen kann, weil sie einfach viel zu cool sind. Vermutlich sogar cooler noch als ich.

Natürlich hasst meine Generation ihre Eltern. So wie eben auch schon die Generationen vor uns ihre Eltern gehasst haben. Es gibt ja auch fast nichts Schöneres, als sich über die Menschen, die uns großgezogen haben, aufzuregen.

Auf ihren Fehlern rumzuhacken und ihnen Vorwürfe darüber zu machen, was sie in unserer Erziehung alles falsch gemacht haben. Denn das ist eine ganze Menge. Und trotzdem - so richtig wütend sein auf sie können wir nicht. Sie sind so cool, tolerant und offen, dass uns nicht einmal die Rebellion bleibt, die die Generationen vor uns gegen ihre Eltern eingesetzt hat.

Gegen unsere Eltern zu rebellieren war schon schwer, als wir noch sehr jung waren. Musikalisch konnten wir sie am ehesten auf die Palme bringen, indem wir Backstreet Boys und N'sync hörten, denn Nirvana und Die Ärzte fanden selbst unsere Eltern gut. Sie waren Rock'n'Roll, weil ihre Eltern genau den verteufelten, und so mussten wir uns etwas Neues einfallen lassen. Doch das ist eben gar nicht so leicht.

Mit Drogenkonsum kann man unsere Eltern nicht schocken

Kiffen? Haben Papa und Mama schon bei ihrem ersten gemeinsamen Date gemacht. Ist ja auch nichts dabei. Mit gelegentlichem Drogenkonsum, selbst wenn er harte Sachen mit einschließt, können wir unsere Eltern schon lange nicht mehr schocken.

Diese Erfahrung haben sie uns voraus. Deshalb wissen sie auch, dass die Lust auf LSD und Kokain irgendwann von selbst vorbei geht. Und lassen uns machen.

Tattoos? Dagegen können unsere Eltern gar nichts sagen, schließlich sind sehr viele von ihnen selbst tätowiert. Ein bisschen Farbe unter der Haut kann sie genauso wenig schocken wie die bunten Haare, mit denen sie gegen ihre Eltern (also unsere Großeltern) rebelliert haben.

Homosexualität? Einmal, im Landschulheim, hat Mama es mit ihrer besten Freundin ausprobiert. Sich vor den Eltern zu outen ist längst schon keine Sache mehr, vor der man Angst haben müsste (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Wo die Liebe hinfällt, ist unseren Eltern meist komplett egal. Hauptsache wir sind glücklich. Und der Freund oder die Freundin kein komplettes Arschloch.

Wir wären auch gerne Rebellen

Generell sind unsere Eltern so tolerant, dass es manchmal einfach zum Kotzen ist. So viele Freiheiten wie wir, hat wohl keine Generation vor uns von ihren Eltern bekommen. Und manchmal nervt das.

Dass es nichts mehr gibt, mit dem wir uns gegen die Menschen, die uns großgezogen haben, wirklich auflehnen können. Wir wären auch gerne Rebellen. Aber da, wo nichts verboten ist, gibt es auch nichts zu rebellieren.

Meine erste Zigarette zum Beispiel hab ich mit meiner Mutter zusammen geraucht. Für sie eine Genugtuung, dabei zuzusehen, wie ich keuchend und hustend vor ihr stehe und versuche, dabei cool zu wirken. Für mich eine Erniedrigung.

Meinen ersten richtigen Vollrausch kommentierte mein Vater mit: "Aber gekotzt wird nicht." Gekotzt wurde natürlich doch. Und ich nur dafür müde belächelt. Kein Ärger. Kein Stress. Alles, was ich bekam, war ein Kater. Und das streng geheime Familienrezept, wie man diesen möglichst wirksam bekämpft.

Manchmal hasse ich sie dafür, dass sie so cool sind

Meine Eltern haben mir nie Vorschriften gemacht, was ich anzuziehen habe. Sie haben mir nie meinen Freundeskreis ausreden oder ganz und gar verbieten wollen und mich unterstützt, als ich jede Woche ein neues Instrument lernen wollte, um damit einer Punkband beitreten zu können. Als ich sie vor ein paar Tagen gefragt hab, warum sie immer so locker waren, sagte meine Mutter: "Weil ich mir gewünscht hätte, dass deine Großeltern so zu mir gewesen wären."

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Manchmal hasse ich meine Eltern dafür, dass sie so cool sind und mir alles, einfach alles durchgehen lassen. Sogar die 5 in Französisch, die mich von der 7. Klasse bis zum Abitur begleitete und ein paar wirklich unschöne Aktionen, die ich hier nun lieber unerwähnt lasse.

Eigentlich bin ich ihnen aber auch dankbar. Denn dadurch, dass sie cool sind, konnte ich zwar nie richtig rebellieren - musste jedoch auch nie etwas aus Angst vor ihnen verheimlichen. Deshalb hab ich heute auch ein so gutes Verhältnis zu ihnen und kann sie um Rat fragen, wenn es doch mal irgendwo echt klemmt. Und Rezepte für Haschbrownies mit ihnen austauschen.

Das ist so cool, dass es fast schon wieder uncool ist. Wenn sie mich besuchen kommen, dann gibt es sogar manchmal Space Cakes. Und um meine Eltern zu ärgern, läuft während des Essens Justin Bieber. Das finden sie nämlich wirklich schlimm. Ein bisschen Rebellion muss eben doch sein.

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