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Burkas, Bikinis und Blowjobs – mein Leben als muslimische Frau im Westen

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NADIA MANZOOR
Facebook/Nadia Parvez Manzoor

Wenn es etwas gibt, in dem ich Expertin bin, dann ist es das Lügen. Ich bin in Großbritannien in einer konservativen, pakistanischen, muslimischen Familie aufgewachsen, ich habe also viel Übung darin.

Zum ersten Mal habe ich gelogen, als ich sieben war. Ich log Mrs. Longmeure an, die weiße Frau, die ich so gerne als Mutter gehabt hätte. Sie duftete nach Chanel und schüchterte mich mit ihren langen roten Fingernägeln ein.

„Zu Weihnachten sind Mama und Papa mit meinem Bruder Kevin und mir nach Los Angeles gefahren, es war einfach wunderbar." Tatsächlich hieß mein Bruder Khurram und wir hatten unsere Ferien in der faulig stinkenden Hitze von Karachi mit meinen 70 Cousins und Cousinen verbracht, auf Dächern, wo wir Drachen steigen ließen und Lassi aus kleinen Tassen tranken.

Ich habe die Engländer angelogen, weil ich wie sie sein wollte. Aber das war noch nicht alles. Ich habe auch meine Familie angelogen.

"Ich habe die Engländer angelogen, weil ich wie sie sein wollte."



„Abbu (Urdu für „Vater"), ich bleibe heute nach der Schule noch für eine Diskussionsrunde dort - es geht um die Frau als mediales Objekt. Ich werde im Sinn des Anstands argumentieren."

Es gab keine Diskussionsrunde. Es war mein erstes geheimes Date. Mit einem Jungen. Ich wusste, würde ich meinem Vater die Wahrheit sagen, gäbe es kein Date, keine High School und kein Leben.

Wahrscheinlich hätten sie mich mit Aspirin vollgepumpt, in einen schwarzen Müllsack gesteckt, geknebelt und wären mit mir zum Flughafen gerauscht. „Ein Ticket nach Pakistan, ohne Rückflugschein, bitte!" Und ich wäre mitten im Beischlaf mit einem pakistanischen Typen namens Herr Khan aufgewacht, der nun praktischerweise mein Ehemann gewesen wäre.

Glücklicherweise ist mir das nicht passiert. Aber als pakistanisches muslimisches Mädchen durfte ich nicht mit Jungen sprechen, geschweige denn zu Dates gehen.

Ich durfte meinen Körper nicht zeigen und auch nicht meinen Geist.

Ich wollte Astronautin werden, wurde aber belehrt, dass Mädchen nicht im Weltraum herumflögen.

Sie hatten, nett eingepackt wie Weihnachtsgeschenke, an der Seite ihrer Männer zu stehen und delikat gewürzte Reisgerichte für sie zu kochen.

Ich aß gerne Reis aber je mehr ich aß, desto größer wurde mein Hintern, und desto öfter bekam ich zu hören, dass niemand so eine fette, fette Qualle heiraten würde. Und Heirat ist die einzige Existenzberechtigung für pakistanische Frauen.

Wenn die Kultur des Gastlandes Individualität und Unabhängigkeit fördert, und die Kultur der Familie Konformität und Tradition erzwingt, dann steckt man in einer Zwickmühle zwischen Freiheit und Einschränkung. Man steht auf wackligem Boden, der zwischen den zwei verschiedenen Weltsichten schwankt. Meine Lügen haben mir Sicherheit gegeben.

"Man steht auf wackligem Boden, der zwischen den zwei verschiedenen Weltsichten schwankt."



Ich wurde für die akademische Bildung auf eine englische Schule geschickt, aber die kulturelle Bildung fand zu Hause statt. Als Ammi (Urdu für „Mutter") mir sagte, dass ich mit 12 Blutungen bekommen würde, hat sie mir nie erklärt, warum. Nur, dass auch das etwas war, was eine Frau erdulden musste, um einen Mann sehr, sehr glücklich zu machen.

Natürlich lehrte mich meine britische Ausbildung etwas anderes. Miss Hamilton hat vor der ganzen Klasse ein Kondom über eine große Banane gestülpt. Ich konnte meinen Eltern nie erzählen, was in dem Klassenzimmer tatsächlich passierte. Sie hätten mich mit der Banane geschlagen und gezwungen, sie zu essen, während ich um Vergebung für meine Sünden gebeten hätte.

Meine pakistanischen Eltern kamen wegen der akademischen Abschlüsse in den Westen, wegen seiner demokratischen Institutionen und der Zahnärzte, die glänzende Lederschuhe trugen.

Womit sie nicht gerechnet hatten, waren Drogen, Tanz und betrunkene Mädchen, die ihrer geliebten Tochter den Unterschied zwischen einem Handjob und einem Blowjob erklärten. Ich mochte meine Familie, aber ich wollte auch meine Freiheit.

"Meine pakistanischen Eltern kamen wegen der akademischen Abschlüsse in den Westen, wegen seiner demokratischen Institutionen und der Zahnärzte, die glänzende Lederschuhe trugen."



Wenn meine weißen Freunde aus der Disko kamen und von ihren erfolgreichen Knutschmarathons erzählten und dann darauf verzichteten, das zu verwenden, was Mrs. Hamilton über die Banane gestülpt hatte. Das war nicht die Freiheit, die ich mir vorgestellt hatte.

Ich brauchte Abstand zu allem. Deswegen bewarb ich mich an einer Universität so weit weg von Zuhause wie möglich. Dann traf ich Brandan, einen irisch-katholischen Barkeeper, die erste Liebe meines Lebens. Ich musste ihm nichts vorlügen. Brendans Liebe war bedingungslos.

Für meine Familie aber hingen Liebe und Bedingungen zusammen. Als Abbu Fotos von mir im Bikini in den Armen meines irischen Liebhabers entdeckte, sprang ihm das Herz aus dem Mund, schlug auf dem Küchenboden auf, und wand sich wie ein Machli (Urdu für „Fisch"). „Meine Tochter ist ein Playboy-Covergirl!", sagte er, und Tränen rannen über sein Gesicht. „Nadia, Ehe bedeutet nicht die Vereinigung von zwei Menschen. Sie bedeutet die Vereinigung von zwei Familien."

Brandan wurde aus dem Foto herausgerissen, und auch aus meinem Leben, und Abbu begann, meine Hochzeit vorzubereiten.

„Nadia, ich habe dir eine goldene Uhr mitgebracht", sagte Abbus Berater, als er mich mitten in der Fahrstunde bat, mal links ranzufahren. „Die Uhr tickt, und ebenso der Glanz deiner Weiblichkeit. Nun, welchen meiner Söhne möchtest du heiraten? Ich habe drei." Er fuhr fort, die Eigenschaften seiner Wunderknaben zu beschreiben.

Aber ich könnte mein Leben nicht als Ehefrau - egal von welchem der drei - verbringen. Ich könnte mein Leben nicht als Frau von jemandem verbringen, der feste Vorstellungen davon hat, wer ich zu sein habe: eine anmutige, gehorsame Frau, die perfekt runde Chapatis macht. Ich wusste, dass ich so nie sein würde, aber ich wusste auch nicht, wer ich wirklich sein wollte.

Erst als ich anfing, über mein Leben zu schreiben, wurde ich mir der tiefen Widersprüche in mir bewusst. Im Netz meiner eigenen Lügen verstrickt, befreite ich mich auf dem Papier.

Ich log, weil ich kein Vertrauen haben konnte - in mein Zuhause, meine Umwelt, aber vor allem in mich selbst. Es war zermürbend, ich war einsam und ich verbrachte so viel Zeit damit, vorzugeben, dass ich frei sei, vorzugeben, dass ich die Ehre meiner Familie bewahrte. Ich hatte keine Ehre oder Freiheit mehr für mich übrig.

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, etwas vorzuspielen. Manchmal hinter einer Burka, manchmal hinter einem Bikini, während ich gleichzeitig versuchte, mich zu finden und zu verstecken, aber letztlich war ich immer auf der Flucht.

Erst als ich auf der Bühne stand und meine Geschichte erzählte, wurde mein „Vorspielen" authentisch. Indem ich die Wahrheit über meine Vergangenheit erzählte, musste ich nicht mehr lügen.

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