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Die deutsche Willkommenskultur ist ausgereizt: Jetzt sind wir Migranten gefragt

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FLUECHTLINGE
dpa
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Es ist Samstagnachmittag und ich sitze in der Bahn. Der nächste Halt ist gleichzeitig Teil der Kölner Shoppingmeile und ein zentraler Verkehrsknotenpunkt. Als die Türen aufgehen, drängen viele Menschen mit Einkaufstüten hastig in die Bahn.

Neben mir ist einer der letzten Sitzplätze noch frei. Im Türbereich beobachte ich einen jungen Mann, der sich suchend umschaut. Er ist sportlich gekleidet und hat eine sehr dunkle Hautfarbe. Letzteres wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn er sich nicht still neben mich gestellt hätte.

Die Situation in der Bahn hat mich schockiert

Er schaut ernst und zeigt zaghaft auf den freien Platz. Ich schenke ihm ein Lächeln und sage: "Natürlich!" Daraufhin lässt er sich erleichtert neben mich fallen und sagt: "Danke, dass ich neben Dir sitzen darf." Ich weiß, dass er das in keinster Weise anzüglich meint.

Auf Nachfrage erzählt er mir, dass er aufgrund der aktuellen Ereignisse vorsichtig geworden ist. Zwar sei er nie direkt angegriffen worden, aber er spüre die Blicke der Menschen. Er habe sich deswegen angewöhnt zu fragen, bevor er sich neben jemanden setze.

Mehr zum Thema: Lange Zeit hat die CDU die AfD auf gefährliche Weise ignoriert - das soll sich nun ändern

Es schockiert mich, dass ein junger Mann in öffentlichen Verkehrsmitteln danach fragen muss, ob Menschen Angst vor ihm haben. Und das alles in Deutschland, dem Topziel von Millionen Menschen auf der Flucht.

In meinem Kopf höre ich Applaus. Es applaudieren Menschen, die die Taten Einzelner auf ganze Völkergruppen übertragen und Sätze sagen wie „Ich bin kein Rassist, aber..."
Mir fallen Szenen aus überfüllten Zügen ein. Menschen, die sich trotz Platzmangel nicht neben Männer und Frauen setzen wollen, die in den Medien als „Nafris" bezeichnet wurden.

AfD auf Erfolgskurs

Die neusten Umfragewerte der AfD machen mir Angst. In meinem Bekanntenkreis häufen sich die Fälle der konservativen Überläufer. Ich kann den Unmut meiner MitbürgerInnen sehr gut verstehen.

Wenn ich morgens von einer neuen Straftat lese, die ein mutmaßlicher Flüchtling begangen hat, dreht sich mir der Magen um. Früher versetzten mich solche Nachrichten sofort in Angst und Schrecken. Heute machen sie mich eher nachdenklich. Denn jede Schreckensnachricht pflanzt kleine Erdbeben in unseren Alltag, deren Folgen erst schleichend sichtbar werden.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass Deutschland unübersichtlich geworden ist. Sie sehnen sich nach Sicherheit und wünschen sich mehr staatliche Kontrolle. Als Innenminister de Maizière Anfang des Jahres von einer „Verrohung der Gesellschaft" spricht, verfällt die Medienlandschaft in erwartungsgemäße Hysterie.

Interessanterweise veröffentlichte der "Spiegel" bereits vor zwei Jahrzehnten einen Artikel mit dem Titel "Verroht unsere Gesellschaft?"

Fakt ist, dass der Anteil der Straftaten, die von Tätern mit Migrationshintergrund begangen wurden, in jüngster Zeit gestiegen ist. Leider bringt dieses Wissen viele Menschen dazu, Asylbewerbern pauschal kriminelle Absichten zu unterstellen.

Hinzu kommt, dass die Nachwehen des unterschätzten Culture Clashs immer noch zu spüren sind.

Die deutsche Willkommenskultur ist ausgereizt

Das angespannte Klima spüre ich aus nächster Nähe. In meinem Bekanntenkreis schnappe ich Geschichten über Auseinandersetzungen mit Flüchtlingen auf. Familien, die minderjährige Flüchtlinge in Obhut nehmen, klagen über mangelnden Integrationswillen und kulturelle Missverständnisse.

Mich erstaunen solche Geschichten nicht. Als die ersten Flüchtlingswellen auf Deutschland trafen, waren viele meiner Freunde zur Stelle, um zu helfen. Endlich fühlten sie sich nicht mehr machtlos, wenn sie die schrecklichen Bilder im Fernsehen sahen.

Auch wenn mich die enorme Euphorie und Hilfsbereitschaft meiner FreundInnen rührte, fürchtete ich insgeheim, dass sie ihre Kräfte überschätzten. Sie dachten zu sehr in globalen Strukturen, als zu wissen, wie sehr sich beispielsweise der arabische Habitus vom deutschen unterscheidet.

Dementsprechend groß war die Enttäuschung derer, die ihr ganzes Herzblut in die Integrationsarbeit steckten.

Natürlich gibt es auch Erfolgsgeschichten. Das mediale Echo klingt jedoch anders. Die meisten Nachrichten, die mit Flüchtlingen zu tun haben, handeln von schweren Verbrechen und sinkenden Einwanderungszahlen.

Ich habe das Gefühl, dass die Grenzen deutscher Willkommenskultur vollends ausgereizt sind.

Deutschland ist erschöpft und kann nicht mehr.

Das kann ich verstehen und es macht mich traurig.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Wir müssen jetzt vermitteln

In einer Facebook-Gruppe für Flüchtlinge schreibt eine junge Frau, dass auffällig ist, dass besonders ehemalige MigrantInnen mit ähnlichen Wurzeln Flüchtlingen gegenüber distanziert auftreten. Damit meint sie auch Menschen wie mich, obwohl ich in Deutschland geboren wurde.

Auch wenn ihre Aussage hart klingt, hat sie nicht ganz unrecht damit. Eine ganze Weile beschäftigte mich unterschwellig die Furcht, dass die Flüchtlingskrise negative Auswirkungen auf mein Leben haben könnte.

Denn viele Menschen neigen dazu, problematische Eigenschaften auch Menschen zuzuschreiben, die nichts außer dem Herkunftsland mit den Betroffenen gemein haben. Möglich ist, dass die distanzierte Haltung, über die sich die junge Frau in der Facebook-Gruppe beschwert hat, Resultat dieser Angst ist.

Eine stärkere, positive Sichtbarkeit der arabischen Community in Deutschland könnte diesen Dominoeffekt jedoch verhindern. In Anbetracht der aktuellen Stimmung ist es dringender denn je, dass sich vor allem ehemalige MigrantInnen von ihren Hoheitsansprüchen lösen und Anteil am Geschehen nehmen.

Junge Flüchtlinge brauchen realistische Vorbilder, damit sie nicht als fehlgeleitete Existenzen in der Kriminalität landen. Sie brauchen Mentoren, die ihr Schicksal teilten und ihr Leben in Deutschland gemeistert haben.

Gerade wir, die die arabische Kultur kennen und in der deutschen zuhause sind, haben die besten Voraussetzungen dafür. Wir wissen, wie es ist, Heimweh zu haben und wie leicht man in einem fremden Land verloren gehen kann.

Mehr zum Thema: Ich unterrichte eine Flüchtlingsklasse - alle, die die Integration schaffen, haben eine Sache gemeinsam

Allerdings wissen wir auch, wie schön das Leben in Deutschland sein kann, wenn sich die ersten Wogen geglättet haben. Deutschland ist ein offenes Land mit warmherzigen Menschen. Es wurde lediglich etwas überrumpelt.

Deshalb müssen alteingesessene MigrantInnen so schnell wie möglich Partei ergreifen. Wir müssen unsere Stimmen gegen den Hass erheben. Wir müssen uns unserer Rolle als Vermittler und Vermittlerinnen bewusst werden und dementsprechend handeln.

Schaut nicht weg, seid euch darüber bewusst, dass wir einst auch Flüchtlinge waren und Hilfe brauchten. Jetzt sind wir dran, zu helfen.

Mein Lieblingsdichter Hermann Hesse fand dafür die schönsten Worte:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Lasst uns dieser Zauber sein.

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