BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Nada Assaad Headshot

Deutschland ist nicht meine Heimat und wird es niemals sein: Was es bedeutet, als Syrerin in Deutschland aufzuwachsen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Ich stolpere oft über den Zusatz „Deutsch-", wenn in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund bezeichnet werden sollen. Mit diesem Zusatz soll verdeutlicht werden, dass die eigentliche Herkunft keine Rolle für das Deutschsein spielt.

Eine Zusammenfassung des Textes seht ihr im Video oben

Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im April dieses Jahres ein Referendum zur Einführung des Präsidialsystems unter großem Einfluss der hier lebenden "Deutsch-Türken" für sich entscheiden kann, entbrennt eine Debatte über Parallelgesellschaften und falsch verstandene Integration.

Mehr zum Thema: Warum 16 Prozent der Deutsch-Türken für das Präsidialsystem stimmten

Immer wieder ist in den Medien zu lesen und zu hören, dass "die Deutschen" sich zu wenig darum bemüht hätten, "den Deutsch-Türken" Perspektiven und Integrationsmöglichkeiten zu bieten und dass fehlendes Zugehörigkeitsgefühl die Konsequenz daraus sei.

Fast scheint es, als sei das Deutschsein kein natürlicher Prozess, der parallel mit dem Leben und Arbeiten in Deutschland vonstatten geht, sondern einer, der additive Maßnahmen verlangt.

Ich habe oft das Gefühl, dass viele meiner Freunde ohne Migrationshintergrund die naive Vorstellung des natürlichen Integrationsprozesses in sich tragen.

Das Problem ist allerdings komplexer. Alle, die einer regelmäßigen Arbeit nachgehen, müssten eigentlich nach den leistungsgesellschaftlichen Standards über ein Ticket zur westlichen Gesellschaft verfügen. Doch arbeitende Menschen mit Migrationshintergrund plagt das gleiche Problem wie Erwerbslose mit dem Etikett "Deutsch-XY".

An mir, wie an zahlreichen Beispielen in meinem arabischen Freundeskreis fällt mir auf, dass es auch nicht auf den akademischen Bildungsgrad ankommt, wie gut oder schlecht jemand integriert ist.

Deutschland: Konfrontation mit der Wirklichkeit

Mit dem Zustrom der arabischen Flüchtlinge wird mir erst richtig deutlich, was seit meiner Geburt wie eine kleine Wolke über mir schwebt. Viele der Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe, erzählen mir voller Eifer von ihren Plänen. Sie wollen in Deutschland eine Arbeit finden und das Leben in Europa genießen.

Oft werde ich jedoch den Verdacht nicht los, dass sie das sagen müssen. Und sehr oft musste ich die Erfahrung machen, dass sie mir erst dann mehr anvertrauten, wenn sie erfuhren, dass ich über einen ähnlichen, wenn nicht sogar den gleichen Background verfüge, wie sie. Vieles was dann kam, wirkte viel ehrlicher, als ihr Standardsatz.

Es kommt nicht auf den akademischen Bildungsgrad an, wie gut oder schlecht jemand integriert ist

Sie erzählen mir von Verlustängsten und dass sie mit der geballten Wirklichkeit dessen, was sie vorher nur aus den Medien kannten, nicht zurecht kommen und teilweise auch nicht zurecht kommen wollen. Das kann ich beides hundertprozentig nachvollziehen und ich muss gestehen, dass mir ähnliche Gedanken trotz meines "Deutsch-" Etiketts oft durch den Kopf gegangen sind.

Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass sie mich bereits mein ganzes Leben lang verfolgen. Dabei führe ich das Bilderbuchleben einer jungen deutschen Frau, obwohl mir diese Normschablone für ein glückliches Leben extrem zuwider ist.

Ich bin liberal aufgewachsen und mein Vater übt immer noch einen "angesehenen" Beruf aus. Ich habe ein abgeschlossenes Studium und einen passablen Job. Mein soziales Leben lässt mich mein Handy manchmal an die Wand schmeißen wollen und ich würde sagen, dass ich als Teenie der schlimmste Alptraum meiner Mutter war.

Also alles richtig gemacht.

Jedoch werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mich im chronischen Culture Clash befinde. Die Melange aus Zeitgeist und meiner Herkunft kreiert den fruchtbaren Boden für meine Identitätsprobleme.

"Culture Clash"

Ich muss es ganz klar sagen: Deutschland ist nicht meine Heimat.

Und das, obwohl ich hier geboren wurde und meine Eltern alles taten, um mich und meine Geschwister in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Ich kann mir nicht helfen, als täglich nach den Ursachen für meine Befindlichkeit zu suchen. Bei dieser Ursachenforschung erziele ich jedoch immer dieselben Resultate.

Mehr zum Thema: Darum können viele Zuwanderer Deutschland nicht lieben

Zum einen scheint die Gewichtung der Werte, die mir meine Eltern vermittelten und denen, die hier relevant scheinen, unterschiedlich stark. Hierbei zählt nicht, was besser oder schlechter ist. Trotz der Gefahr, die von dieser Pauschalkeule ausgeht, lässt sich diese These in meiner Biografie ausnahmslos bestätigen.

In meiner Familie existiert beispielsweise das Bild eines nur für sich stehenden Individuums per se nicht. Das heißt, dass meine Existenz an die meiner Familie gekoppelt ist. Jede Entscheidung, die ich als Teenager oder jetzt treffe, hat unmittelbare Konsequenzen für meine gesamte Familie. In der arabischen Gesellschaft ist dies weitaus stärker verankert, als in meiner Lightversion.

Ohne dieses Modell unnötig verklären zu wollen, könnte diese Lebensart als Versicherung gegen Orientierungsverlust verstanden werden. Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass dieser Habitus patriarchalischen Gesellschaften entspringt, die durch diese Lebensform den finanziellen und gesellschaftlichen Status quo erhalten wollen (oder glauben, ihn so erhalten zu können).

Als ich klein war, lebten wir in schwierigen Verhältnissen. Meine Eltern träumten vom alles möglich machenden Europa und einem Leben fernab oberflächlicher und selektiver Gesellschaften.

Unterschwellige Ausgrenzung

In Deutschland angekommen, holte sie die bürokratische Realität ein. Meine Mutter erzählt mir immer wieder die Geschichte, als ein österreichischer Grenzpolizist bei einer Reise nach Syrien mit dem Auto unsere syrischen Pässe in hohem Bogen zu seinem Kollegen warf und unmissverständlich klar machte, dass das mit der Weiterfahrt für uns nichts werde.

In der Schule war ich damals noch eines der wenigen Kinder mit Migrationshintergrund. Trotz guter Leistungen sollte ich auf die Hauptschule geschickt werden. Meine Eltern weigerten sich.

In meiner Familie existiert beispielsweise das Bild eines nur für sich stehenden Individuums per se nicht. Das heißt, dass meine Existenz an die meiner Familie gekoppelt ist.

Als Kind spürte ich den Blick der Menschen, wenn meine Mutter im klapprigen Auto vier Kinder zum Discounter fuhr, um dort nur das Nötigste einzukaufen.

Ich wurde zwar niemals aktiv gemobbt, denn meine Eltern arbeiteten hart dafür, dass meine Geschwister und ich keine Ausgrenzung erfuhren. Allerdings konnten sie nicht viel gegen die passive Ausgrenzung machen, die sich in Form eines unterschwelligen, aber oft bedrückenden Gefühls niederschlug.

Trotz all der perfekt ausgerichteten Kindergeburtstage, inklusive kleiner Geschenke für meine Gäste, trotz des Schwimmkurses, trotz des Gangs zur Kirche, obwohl ich selbst keine Kommunion feierte, und trotz meines tadellosen Deutsch, blieb dieses Gefühl bestehen.

Meine Eltern schenkten uns viel Liebe und Zuwendung und ließen uns alle Freiheiten. Ich denke, dass sie so mit aller Macht verhindern wollten, dass wir, wie jetzt die "Deutsch-Türken", als "integrationsunwillig" gelten.

Was sie uns ebenfalls vermittelten, war, dass man nur als Gemeinschaft funktionieren kann. Im Grunde genommen finde ich diesen Gedanken sehr wertvoll. Als Kind fühlte ich mich immer sehr geborgen und es ist bis heute so, dass mir ein Gespräch mit meiner Mutter jegliche Sorgen in Sekunden nimmt. Dabei zählt nicht mal der Inhalt des Gesprächs, sondern der bloße Vorgang.

Sinnkrise: zu wem gehöre ich?

Als ich älter wurde und mich meine Eltern mehr oder weniger bereitwillig in die Welt hinausziehen ließen, erlosch der Funke der heiß ersehnten und totalen Freiheit relativ schnell. Der Reiz des Nachtlebens und die unendlichen Möglichkeiten, mein Ich auszuleben, führten mich stärker in meine kindliche Sinnkrise, als ich dachte.

Allerdings, zurück konnte ich auch nicht mehr. Nicht weil ich es nicht konnte, sondern, weil ich es nicht wollte. Ich begab mich also auf die Suche nach dem Dazwischen und sollte es nicht finden. Der Lebensstil meiner deutschen Generationsgenossen gefällt mir, ich kann aus unerfindlichen Gründen jedoch nicht alles davon mitmachen ohne, dass mein merkwürdiges Gefühl stärker wird.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Allerdings bin ich auch zu wenig "arabisch", um mich in arabischen Lebensstilen wiederzufinden. Das merkwürdige Gefühl ist über die Jahre zu meinem Aufpasser geworden. Es kontrolliert mich und zwingt mich dazu, dauernd in der Schwebe zwischen zwei Kulturen zu hängen.

Als mich einst auf offener Straße ein Date zum Abschied zu innig umarmte und ein arabisches Paar an mir vorbei schlenderte und tuschelte, erfüllte mich das mit Wut. Ich fürchtete um meine Freiheit, hier alles tun und lassen zu können, was ich will, ohne mich fremder gesellschaftlicher Normen beugen zu müssen.

In letzter Zeit sitze ich oft in der Bahn und lausche arabischen Gesprächen, die sich um mich und meine offenherzige Sommerkleidung drehen. Dabei spielt vor allem der Faktor eine Rolle, dass ich eine von ihnen bin und die unterschwellige Message: Du gehörst zu uns und da wo Du herkommst, würdest du das sicher nicht anziehen.

Dabei will ich keine von ihnen sein. Aber ich kann auch nicht eine von denen sein.

Deutschland ist nicht meine Heimat und wird es niemals sein. Aber eine Alternative habe ich bis heute noch nicht gefunden.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.