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Kartoffelsalat, Weihnachten und Monopoly - Wie mich meine deutsche Oma beeinflusst hat

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Istock/Getty
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Ich habe ein Geheimnis. Nur meine engsten Freunde wissen davon. Seit Kindesbeinen verfolgt es mich und weder das voranschreitende Alter noch die parallel dazu gewonnene Erfahrung konnten seinen Einfluss auf mein Leben mindern. In diesem Sinne gleicht es einem Befreiungsschlag, dieses nun kundzutun:

Ich liebe Kartoffelsalat.

Und mit "lieben" meine ich nicht den unter Menschen arabischen Hintergrundes inflationär gebrauchten Begriff, etwas ein bisschen zu mögen. Nein, ich kann nicht mehr ohne Kartoffelsalat.

Dabei ist es mir egal, ob er selbst gemacht ist oder latent nach Plastik schmeckend aus dem Supermarkt kommt.

Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass die chemischen Prozesse in meinem Gehirn, die für die Verteilungen von Sympathien zuständig sind, auf meinen Kartoffelsalat-Tick eingestellt sind: Wenn jemand sagt "Kartoffelsalat? Geil!" geht die Sympathieschranke auf. "Kartoffelsalat? Och joa." Sympathieschranke zu.

Bei Letzterem öffnet sich gleichzeitig das schwere, knarzende Tor zur kartoffelsalatlosen Hölle meines Unterbewusstseins.

Jede glückliche Erinnerung hat mit Tante Marie zu tun

Und an all dem ist ganz allein meine deutsche Oma schuld. Streng genommen ist sie nicht meine Oma, sondern eine sehr gute Freundin der Familie.

Trotzdem ist sie, seitdem ich existiere, fester Bestandteil meines Lebens. Jede glückliche Kindheitserinnerung trägt ihre Handschrift, und sobald ich ein bisschen länger darüber nachdenke, duftet es sogar nach ihrem Parfum.

Wenn ich an Tante Marie denke, so lautet ihr Rufname, sehe ich einen bunten Garten mit einem Teich vor mir. Ich sehe einen leuchtenden Apfel- oder Birnenbaum und die schön geschwungene Schrift auf ihrem Klingelschild. Ich sehe den weißen, flauschigen Teppich im Wohnzimmer, auf dem unzählige Spielsachen für mich und meine Geschwister ausgebreitet sind.

Mir ist bewusst, dass das Trügerische an der geliebten Vergangenheit ist, dass man oft dazu neigt, sie in den schönsten und hellsten Farben zu malen. Da man nicht mehr überprüfen kann, wie sie sich wirklich zugetragen hat, muss man sich in der Regel auf die euphemistischen Vorstellungskräfte subjektiver Gefühlswelten verlassen.

In meinem Fall ist das ein bisschen anders.

Rückzugsort und Kulturstätte Tante Marie

In meiner Kindheit war ich ein bisschen schräg drauf. Ich war sehr schüchtern und mit allem schnell überfordert. Trotzdem hatte ich mir antrainiert, alles um mich herum genau zu beobachten und zu analysieren.

Als ich einst wegen eines Mandelleidens im Krankenhaus lag und meine rechte Hand etwas zu lang inspizierte, schloss man mich daraufhin ein Hirnstrommessgerät an, um eventuelle geistige Behinderungen auszuschließen.

In der Grundschule perfektionierte ich meine Verwandlung zum stummen Schwamm mit Knopfaugen. Dementsprechend überschaubar waren meine sozialen Kontakte.

Zuhause hatten meine Eltern noch drei andere Kinder und den ständigen Balanceakt zwischen Armut und vorbildlicher Integration zu bewältigen.

In diesen chaotischen Zeiten stand uns Tante Marie unermüdlich zur Seite.

Ich habe meinen Eltern Weihnachten nie so richtig abgekauft

Eine Zeit im Jahr ist in meinen Erinnerungen besonders stark mit ihr verknüpft.

Ich weiß noch, dass es mich immer mit besonderer Freude erfüllte, wenn die Blätter der beiden Bäume vor unserer Plattenbauwohnung in ein saftiges Rot oder Lila oder Braun getaucht wurden. Das Eintreffen des Herbstes bedeutete, dass es nicht mehr so lange dauern konnte, bis wir wieder Weihnachten bei Tante Marie feiern konnten.

Obwohl meine Eltern durch Adventskalender und dergleichen ebenfalls versuchten, uns in Weihnachtsstimmung zu versetzen, kaufte ich ihnen das nie so richtig ab.

Außerdem brauchte ich meine Dosis deutsches Weihnachten, um damit vor meinen deutschen Freunden anzugeben.

Deutsches Weihnachten versus Möchtegern-Weihnachten

Gegen Tante Maries Weihnachten konnten die niedlichen Versuche meiner Eltern, uns die deutsche Kultur näherzubringen, sowieso nicht ankommen.

Wenn Tante Maries Küchenradio unermüdlich Weihnachtslieder dudelte und ich so viel Plätzchenteig essen konnte, wie ich wollte, hatte ich zeitweise vergessen, dass ich überhaupt arabische Eltern hatte.

Außerdem besaß Tante Marie die magische Kraft, den besten Kartoffelsalat der Welt zu machen. Dieser wurde über die Jahre, flankiert von einer Partie Monopoly, zum festen Heiligabend-Ritual.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen und Kartoffelsalat, Weihnachten und Monopoly als Grundsäulen der deutschen Kultur bezeichnen, aber sie vermittelten mir immerhin zuverlässig ein Stück deutscher Traditionen, die ich seitdem in mir trage. Auch wenn sich meine Liebe zu Weihnachten und Monopoly über die Jahre abgeschwächt hat, ist die Erinnerung an das warme Gefühl des Willkommenseins und der Geborgenheit nie verschwunden.

Tante Marie, der Fels in der Brandung

In meiner kindlichen Welt aus Sorgen und ungewisser Zukunft stellte Tante Marie einen Fels in der Brandung dar. Von ihr habe ich die Liebe zum Detail und das Gespür für Ästhetik gelernt.

Erst durch ihren Einfluss habe ich ein Deutschland fernab meines Daseins als Migrantenkind kennenlernen dürfen. Außerdem hat Tante Marie mir beigebracht, wie man so richtig gut meckern kann. Aber das nur in homöopathischen Dosen.

Vorrangig hat sie mir und meinen Geschwistern das Gefühl vermittelt, dass auch wir zur deutschen Gesellschaft dazugehören.

Umso mehr freut es mich, wenn ich höre, dass deutsche Familien sich jungen Flüchtlingen annehmen. Vielleicht haben sie Glück und geraten auch an eine Marie.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.