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Sorry AfD, Deutschland gehört uns allen

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Adam Berry via Getty Images
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„Als der Mensch / unter den Trümmern / seines / bombardierten Hauses / hervorgezogen wurde, / schüttelte er sich / und sagte: / Nie wieder. // Jedenfalls nicht gleich."

Das sind die Zeilen des Gedichts, an das ich denken musste, als ich gestern die Wahlergebnisse im Fernsehen sah. Es stammt von Günter Kunert und war Bestandteil meiner Deutsch-Abiturprüfung.

13 Prozent der deutschen WählerInnen wurden gestern unter ihren Trümmern hervorgezogen. Bevor sie in der AfD einen Zufluchtsort fanden, existierten sie de facto nur als ein klischeebehafteter Mythos.

Das Gesinnungsproblem Ost-Deutschlands wurde jahrelang mit derselben Arroganz ignoriert, wie die Tatsache, dass der Syrien-Krieg schwerwiegende Konsequenzen für alle Menschen auf dieser Welt haben wird.

Das passt zum Bild des Komfortzonen-Wählers in Deutschland. Die Union an erster Stelle, der historische Absturz der SPD und der Einzug rechtsextremer Ideologien in den Bundestag sind Ergebnisse einer durchweg individualisierten Gesellschaft.

Es ist ein urmenschliches Verhalten individuelle Bedürfnisse in Angstsituationen zuerst zu wahren. Jetzt ist diese Angst jedoch kontraproduktiv.

Die aktuelle Lage erfordert ein gemeinschaftliches Auftreten und erhöhtes Verantwortungsbewusstsein aller souveränen Staaten. Paradoxerweise übt sich die Weltpolitik in Abschottung.

Der politische Fokus liegt auf Erhaltung nationaler Wertvorstellungen und wenn internationale Zusammenarbeit erforderlich ist, kommt es zu antihumanistischen Auswüchsen à la Türkei-Deal oder den neuen Plan der Bundesregierung, bereits in afrikanischen Staaten über Asylanträge zu entscheiden.

Instant-Aktionismus reicht nicht

Deutschlands Image als Wirtschaftsmacht und das souveräne Auftreten der Kanzlerin im In- und Ausland vermitteln ein Gefühl der Sicherheit und Beständigkeit. Dies verleitet viele Menschen dazu, in ihrem Mikrokosmos zu verharren. Ist doch alles gut so, wie es ist, oder?

Die geballte Macht des Konservatismus regelt "das" (kleine AfD-Problem) schon. Zu risikoreich wären da innovative Ideen links-grün versiffter Spinner.

Durch die mediale Priorisierung der AfD sind Themen in den Hintergrund gerückt, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten: realisierbare und gerechte Sozialpolitik und eine stärkere Hervorhebung positiver Aspekte der Einwanderung.

Auf der anderen Seite war es richtig, das Voranschreiten rechtsextremer Ideologien so schnell wie möglich aufzuhalten.

Die Brisanz dieses Vorhabens katapultierte Politik zum neuen Must Have. Z-Promis entdeckten zufällig ihr Potenzial als WiderstandskämpferInnen, um mit niedlichen Kreuzchen-Fotos auch den letzten politikverdrossenen Grottenolm zum Wählen zu motivieren.

In Fahnenschwenker-Mentalität, die man periodisch zu WM- und EM-Zeiten betrachten darf, konnte man nun trendy sein, indem man einfach wählen ging.

Das Gefühl etwas bewirken zu können, in dem man Kreuzchen für Menschen setzt, die das Schlimmste irgendwie noch verhindern können, ist ein fataler Trugschluss.

Natürlich sollte jeder Mensch wählen gehen. Wählen gehört zur Pflicht eines mündigen Menschen. Allerdings sollten die Interessenforschung und die Realisierung eigener Prinzipien nicht erst in der Wahlkabine erfolgen.

Alle müssen mitentscheiden

Ich habe leicht Reden. Als Kölnerin mit Migrationshintergrund habe ich einen besonderen Blick auf das politische Geschehen in Deutschland.

Mir wurde es sozusagen in die Wiege gelegt, politische Entwicklungen zu verfolgen und zu hinterfragen. Weil ich in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen bin, sind soziale Themen mein politisches Steckenpferd.

Mehr zum Thema: "Diese Partei ist das Gegenteil dessen, was Sie wollen" - offener Brief eines deutschen Muslims an alle AfD-Wähler

Deswegen bin ich froh Staatsbürgerin eines Landes zu sein, indem Meinungsfreiheit herrscht. So wie alle deutschen BürgerInnen habe ich das Glück, alle mir frei stehenden Möglichkeiten zur Realisierung meiner politischen Ideale zu nutzen. Leider habe ich viel zu wenig Gebrauch davon gemacht.

Wegen meines Migrationshintergrundes begleitete mich oft das Gefühl, irgendwie nicht mitreden zu "dürfen". Das ist totaler Quatsch.

Charismatische Persönlichkeiten wie der Grünenchef Cem Özdemir haben gezeigt, dass ein Migrationshintergrund kein Stolperstein für politisches Mitspracherecht ist.

Deutschland gehört uns allen und das wird für immer so bleiben

Obwohl ich mich gegen ein "uns" als Volksbezeichnung sträube, gilt in diesem Fall eine Ausnahme.

Anstelle der Ausgrenzung, wofür dieses "uns" in politischen Debatten gerne genutzt wird, bedeutet es für mich eine neue deutsche Einheit. Denn deutsch sein hat nichts mit deutschen Eltern zu tun.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

In einem Kommentar unter meinem Artikel, indem ich beklagte, dass weder Syrien noch Deutschland meine Heimat ist, sagte ein User, dass Heimat dort ist, wo man sich zuhause fühlt.

Das stimmt. Ein großer Teil der Menschen mit Migrationshintergrund fühlt sich in Deutschland zuhause.

Sie alle zahlen Steuern und brauchen keine Leitkultur, um nach deutschen Wertvorstellungen zu leben. Sie sind in der Politik ebenso vertreten wie in der Medienlandschaft.

Die neue Angst vor Überfremdung fußt auf chaotische Zustände in der Flüchtlingskrise, welche das Konstrukt EU zurecht infrage stellten. Deutschland als Hauptakteur auf europäischer Politikbühne musste ausbaden, worauf andere Staaten keine Lust hatten.

Mehr zum Thema: Diese 11 Muslime haben den deutschen Wahlkampf beobachtet - und waren entsetzt

Auf den Unmut der Bevölkerung reagierten Parteien mit Abschottung und dem altbewährten Konzept des "Problem-Wegschiebens". Europas Weste konnte durch viel Geld wieder reingewaschen werden. Doch das wird nur vorübergehend so sein.

Die Welt ist klein geworden. Technologischer Fortschritt ließ uns Ländergrenzen überwinden und Menschen schneller und einfacher zusammenbringen. Das ist wichtig, denn Fortschritt kann nur durch internationalen Austausch entstehen.

Die Menschen müssen verstehen, dass multikulturelle Gesellschaften die Zukunft sein werden.

Nationalismus bringt absolut gar nichts und erscheint beinahe lächerlich in Anbetracht gesellschaftlicher Entwicklungen.

Denn das jetzige Deutschland mit all seinen guten und schlechten Seiten haben wir alle erschaffen.

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