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Myriam von M. Headshot

Der Moment, in dem ich erfuhr, dass ich an Krebs erkrankt bin

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KREBS
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Mir schallen die Worte noch in den Ohren, die ich meinem Freund Robin erst vor Kurzem trotzig an den Kopf geknallt habe. "Was soll das denn schon sein, Schamlippenkrebs, oder was?"

Puh, der Arme musste sich echt ganz sch√∂n was anh√∂ren. Dabei meint er es ja nur gut, das wei√ü ich selbst, doch ist er mir einfach f√ľrchterlich auf die Nerven gegangen mit seiner ewigen Schwarzmalerei und dem Dr√§ngen, mich endlich operieren zu lassen.

Vielleicht habe ich ihn unterbewusst auch des- halb gerade auf dem Seitenstreifen unserer Beziehung geparkt und am√ľsiere mich lieber mit meiner Aff√§re. Ja, ich gebe es zu. Ein paar Wochen geht das schon so, und ich f√ľhle mich nicht einmal schlecht dabei.

Begehrt, gleichzeitig frei - ohne den st√§ndigen Druck, den eine angeschlagene Beziehung unweigerlich mit sich bringt. Ich bin sogar schon mit Sack und Pack aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen - vor√ľbergehend, so mein Plan. Leicht ist es mir nicht gefallen, schlie√ülich ist Robin ja eigentlich ein lieber Kerl, und der Vater meines Sohnes Sebastian noch dazu.

"Du musst es wegmachen lassen, das sieht nicht gut aus"

Doch irgendwie haben wir uns auseinandergelebt, das ist manchmal einfach so. Vielleicht konnte ich es aber auch schlicht- weg nicht mehr ertragen, dass Robin st√§ndig √ľber dieses Ding zwischen meinen Beinen sprechen wollte, das er schlie√ülich besser sehen und beobachten konnte als ich selbst.

Urplötzlich war es da gewesen, vor einem Dreivierteljahr etwa, an der Narbe einer Geburtsverletzung, die mich ansonsten nicht wirklich störte. Ein nicht richtig aufgelöster Faden, eine Narbenverhärtung - Gott, da waren so viele Möglichkeiten gewesen, um dem Ding eine halbwegs akzeptable und ungefährliche Daseinsberechtigung zu geben.

Mehr zum Thema: Mit der Krebsdiagnose brach mein Leben zusammen - anderen Betroffenen muss es nicht so gehen

Ich war ja auch nicht die Einzige, die keine Dringlichkeit erkennen konnte, meine √Ąrzte taten es mir gleich. Nur mein lieber Freund, der blieb hartn√§ckig, und das r√ľhrte nicht von ungef√§hr: Robin hatte selbst Krebs gehabt - schwarzen Hautkrebs.

Einige Jahre ist das jetzt her, es war ziemlich √ľbel. Er gilt als geheilt, verarbeitet hat er das Ganze aber noch l√§ngst nicht und deshalb auch immer mit tief sitzenden √Ąngsten zu k√§mpfen, die er verdammt noch mal nicht auf mich projizieren soll. "Du musst es wegmachen lassen, das sieht nicht gut aus."

Ich redete mir ein, dass es bestimmt nichts Schlimmes wäre

Es drehte sich alles nur um diese winzige Stelle an meinem K√∂rper. Leider. Um dieses kleine, knubbelige Etwas, das sich aus dem Nichts durch die Hintert√ľr in mein Leben und somit auch in unsere Beziehung geschlichen hatte.

Ich selbst zog es vor, mir einzureden, dass es ganz bestimmt nichts Schlimmes wäre, während das Teil munter weiterwuchs und mit ihm schließlich auch die Verunsicherung, die schön langsam zu meinem tagtäglichen Begleiter wurde.

Hatte Robin vielleicht aufgrund seiner eigenen Erfahrungen doch berechtigte Sorgen und deshalb so eindringlich auf mich eingeredet, endlich zu einem anderen Arzt zu gehen? Beim Gynäkologen war ich ja längst gewesen, aber all die Salben, die ich immer und immer wieder verschrieben bekam, wollten einfach nicht helfen - Wirkung gleich null!

Sechs Monate mache ich das nun schon mit. Es reicht! Eine zweite Meinung muss her, die Meinung eines Mediziners, den ich schon ewig kenne, nämlich ganz genau seit meiner Geburt.
Dr. Meininger hat mich immer wie eine Tochter behandelt, ihm vertraue ich blind.

"Myriam, das muss raus, am besten sofort!"

Zu doof, dass ich mittlerweile nicht mehr in seiner N√§he wohne, sonst w√§re ich n√§mlich nie auf die Idee gekommen, √ľberhaupt die Praxis zu wechseln. Nun aber ist mir die lange Fahrt egal, ich muss einfach wissen, was er zu der ganzen Sache zu sagen hat.

Obwohl ich keinen Termin habe, werde ich sofort aufgerufen. Dr. Meininger scheint zu ahnen, dass es wichtig ist, schließlich hätte ich ihn ansonsten wohl kaum extra aufgesucht. Er untersucht mich nur kurz und kommt gleich auf den Punkt: "Myriam, das muss raus, am besten sofort!"

Der mir so vertraute alte Mann sagt dies mit einem zerknirschten Stirnrunzeln, wie ich es so bei ihm noch nie gesehen habe. Was es ist oder sein k√∂nnte, dar√ľber verliert er kein Sterbensw√∂rtchen. Nur seine mehr als eindringliche Empfehlung wiederholt er mehrfach: "Raus damit, Myriam, das muss raus, ich mache dir f√ľr morgen einen Termin bei einem Kollegen!"

Irgendwie will die Dringlichkeit bei mir dennoch nicht so richtig ankommen. Ich lehne dankend ab, schiebe den Eingriff weit von mir und gebe vor, alles zeitlich erst planen zu m√ľssen. Noch immer m√∂chte ich an nichts Schlimmes denken, gebe drei Wochen sp√§ter dann aber doch dem Zureden meiner Liebsten nach und mache einen Termin in der Klinik, ohne mir allzu gro√üe Sorgen zu machen.

Im Wartezimmer angekommen, √ľberkommt mich ein seltsames Gef√ľhl

Dann ist es so weit: Morgens rein, Vollnarkose, mittags wieder raus - fertig! Endlich bin ich das Ding los - hurra! Ich bin happy, einfach nur happy.

Ein paar Tage später piksen die Fäden der OP-Naht dermaßen, dass es mich fast zur Weißglut bringt. Ich will die blöden Teile nur noch loswerden. Ab zum Gynäkologen und weg damit!

Im Wartezimmer angekommen, √ľberkommt mich ein seltsames Gef√ľhl. Es ist dieses sonderbare Gef√ľhl, als w√ľrde etwas Schreckliches unmittelbar bevorstehen. Fast so wie in alten Hitchcock-Schockern, wenn das Messer hinterm Duschvorhang blitzt und man ein- fach nur die Decke √ľbers Gesicht ziehen will, bevor das Blut spritzt.

Angstschauer bahnen sich in l√§hmender Zeitlupengeschwindigkeit √ľber den R√ľcken. Meine Atmung wird flacher und flacher. Enge, ich sp√ľre nichts als Enge in der Brust, als h√§tte es sich ein dicker, fetter Elefant darauf gem√ľtlich gemacht.

Meine Gedanken fahren nicht nur Karussell, sondern regelrecht Geisterbahn

"Verpiss dich", denke ich, während die Seiten der Illustrierten zum hundertsten Mal durch meine Finger gleiten, ohne dass ich auch nur einen einzigen Buchstaben, geschweige denn ein ganzes Wort darin gelesen habe.

Wann werde ich bloß endlich aufgerufen? Warum dauert das so lange? Ist diese schwangere Übermutter mit ihren drei Kids nicht lange nach mir gekommen? Und die pausenlos mit ihrer Sitznachbarin schnatternde Oma doch auch.

Wie all die anderen, deren Namen l√§ngst durch den Lautsprecher an der vergilbten Decke gerattert sind und die sich l√§ngst wieder aus der Praxis verabschiedet haben, mit einem Rezept oder Arztbericht in der Hand und einem erleichterten, zufriedenen L√§cheln im Gesicht, weil sich das Jucken zwischen den Beinen doch nur als harmlose Pilzinfektion herausgestellt hat. Haben die ein Gl√ľck!

Meine Gedanken fahren nicht nur Karussell, sondern regelrecht Geisterbahn. Will sich der Wei√ükittel etwa besonders viel Zeit f√ľr mich nehmen, um mir ganz behutsam beizubringen, dass ich mich die letzte halbe Stunde v√∂llig zu Recht verr√ľckt gemacht habe? Wenige Minuten sp√§ter erfahre ich es.

Mit der Wucht eines Boxhandschuhs

Fuck! Das darf ja wohl nicht wahr sein. Gerade will ich meine Jeans hochziehen und nach einer gef√ľhlten Ewigkeit die Praxis meines Gyn√§kologen verlassen - und dann das.

¬ĽIch habe Ihren Befund gefaxt bekommen und konnte es selbst kaum glauben¬ę, h√∂re ich meinen Doc vor sich hin brummeln, w√§hrend ich hinter dem wei√üen Vorhang der Behandlungskabine stehe und die widerspenstigen Kn√∂pfe meiner Hose schlagartig zur unwichtigsten Sache der Welt werden. Was bitte meint er jetzt damit? Befund gefaxt bekommen. Warum? Kommen die Dinger normalerweise nicht mit der Post? Ich ahne Schlimmes.

"Myriam, Sie hatten da unten tats√§chlich ein Karzinom. SIE HABEN KREBS!" Mein K√∂rper beginnt zu vibrieren. Ich zittere. Vom Kopf bis zu den F√ľ√üen. Kalter Schwei√ü erobert jede verf√ľgbare Pore meiner Haut, fast so wie ein anfangs winziger Riss eines zugefrorenen Sees, der gr√∂√üer und gr√∂√üer wird, um letztlich mit voller Wucht die gl√§sern erscheinende Eisschicht zum Bersten zu bringen. Ich friere.

Alles um mich herum dreht sich wie die knallrote Signallampe in der Schutzzone eines Atomkraftwerkes, die in Einklang mit der laut jaulenden Sirene eine unvorstellbare Katastrophe ank√ľndigt.

Fassungslos starrt er auf den Befund

Unvorstellbar, das trifft es wohl am besten. Sofern es √ľberhaupt ein passendes Wort daf√ľr gibt, um auch nur ansatzweise zu beschreiben, was da gerade √ľber mich hereinbricht. Dabei hatte ich mir diesen Tag doch ein klitzekleines bisschen anders vorgestellt.

Genau richtig, um mir diese verflixten Fäden ziehen zu lassen, die mich unendlich gepiesackt und einfach nur genervt hatten. Klar, es war ja auch gerade erst sechs Tage nach der OP, und ich wollte einfach nur eines: endlich wieder ohne das Ding da unten mein Leben genießen.

Und nun sitze ich da mit einem Arzt, der mindestens so geschockt und ratlos scheint wie ich. Fassungslos starrt er auf den Befund, nimmt seinen schweren Bonzenkugelschreiber und beginnt, auf meinem Schicksalspapier herumzukritzeln.

Ich erkenne im tintenblauen Linienwirrwarr eine Vulva, an der er mir genau zeigt, wo der Tumor gesessen hat und wie viel sie weggeschnitten haben. Er erklärt mir, die Geschwulst sei in sano entfernt worden, was bedeutet, dass die Schnittstellen tumorfrei sind.

"Myriam, Sie haben Krebs. Sie haben Krebs."

Sch√∂n und gut, nur reicht das leider nicht, denn um komplett auf Nummer sicher gehen zu k√∂nnen, muss rundherum eigentlich ein Zentimeter mehr entfernt werden. Zu dumm, dass niemand, aber auch wirklich niemand bei der OP damit gerechnet hat, dass ich Vulvakrebs habe, eigentlich bin ich mit meinen 25 Jahren ja auch noch viel zu jung daf√ľr.

Ich schweife gedanklich immer weiter ab. Die sonore Stimme meines Arztes nehme ich nur noch wie durch Watte wahr. Ich kann mich nicht dagegen wehren, ich will es auch gar nicht.

Kurz darauf sitze ich in meinem Auto. Wie ich aus der Praxis, das Treppenhaus hinunter und auf die Straße gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Apathisch starre ich das Lenkrad an, in den Ohren immer wieder diese Worte: "Myriam, Sie haben Krebs. Sie haben Krebs, Sie haben Krebs ..." Verdammt nochmal, ICH HABE KREBS!

Ich sp√ľre, wie mir die Energie aus meinem kompletten K√∂rper in die Arme schie√üt, als sich meine H√§nde wie von allein zu F√§usten ballen und ich auf mein Lenkrad einpr√ľgele. W√§re es die Magengegend eines Menschen gewesen, w√ľrde der nun zusammengekauert am Boden liegen und j√§mmerlich darum flehen, dass ich von ihm ablasse.

Ich will diesen verdammten Krebs plattmachen

Mein Auto schreit auf, die Hupe zumindest, immer und immer wieder, mit jedem Schlag. Ich weine und schreie f√ľrchterlich. Die Wut l√§sst mich zur Furie werden, macht es mir unm√∂glich, irgendetwas zu denken, und l√§sst mich einfach nur handeln.

Ich will diesen verdammten Krebs plattmachen. Schlagen, einfach aus meinem Leben pr√ľgeln. Alles um mich herum scheint pl√∂tzlich wie ausgeblendet, einfach nur noch d√ľster und matt.

Es dauert eine Weile, bis ich mich beruhige und begreife, was gerade passiert ist. Ich muss jetzt mit jemandem reden, sonst flippe ich richtig aus.

Ich rufe Robin an, nichts anderes kommt mir in den Sinn, auch wenn wir eigentlich mittlerweile getrennt sind, getrennt auf Probe zumindest. Zitternd greife ich zum Handy und dr√ľcke mich bis zu seiner Nummer durchs Telefonbuch meines Nokias. Es klingelt, er geht ran, und ich sage ohne gro√üe Umschweife: "Robin, ich habe Krebs!"

Ich will nur noch weg, heim zu meiner Familie

Das brutale Wort hat meinen Mund noch nicht ganz verlassen, da schie√üen mir auch schon die Tr√§nen in die Augen. Ich breche komplett zusammen, innerlich zumindest. Was mein K√∂rper macht, blende ich aus, irgendwie. Mir bleibt nichts anderes √ľbrig, als mich einfach diesen gewaltigen, mir bis dahin g√§nzlich unbekannten Emotionen hinzugeben. Es ist grausam, einfach nur grausam. Ich habe Krebs!

Robins knapper Kommentar: "Das habe ich mir schon fast gedacht." Mein Gehirn switcht in den Notfallmodus, nimmt sich eine Auszeit und will ganz offenbar nur noch das mitbekommen, was es zwingend wissen muss.

Was Robin vielleicht noch an guten Ratschl√§gen oder aufmunternden Worten f√ľr mich bereith√§lt, prallt kurzerhand an mir ab. Ich h√§tte mein Handy eigentlich auch aus dem Fenster werfen k√∂nnen, die Worte meines Ex k√∂nnen ohnehin nicht mehr bis zu mir durchdringen.

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Ich will nur noch weg, heim zu meiner Familie. Zu meinem Kleinen, mit dem ich doch noch so viele Jahre verbringen wollte, der sein ganzes Leben noch vor sich hat. Eigentlich m√ľsste ich zur Arbeit, aber das geht mir gerade so was von am Arsch vorbei.

Ich brauche jetzt vertraute Gesichter, nichts anderes, und so rollt mein kleiner Corsa dann auch irgendwie nach Hause. Ich nehme den Befund, dieses schreckliche gelbe Blatt Papier, steige die Treppe rauf in den ersten Stock, wo alle versammelt in der K√ľche sitzen und - nichts Schlimmes ahnend - beim Fr√ľhst√ľck sind.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Fuck Cancer. Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs" von Myriam von M. Erschienen ist es beim Verlag Eden Books.

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