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Ich denke nicht, dass Spielzeug die Fantasie unserer Kinder erstickt

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KINDER SPIELEN FANTASIE
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In sozialen Netzwerken kursieren schon immer verschiedene Posts die beanstanden, Kinder hätten heutzutage viel zu viele Spielsachen und würden sich nur noch für Smartphones und Tablets interessieren, während wir selber früher natürlich nur auf Bäume geklettert wären, im Schlamm gespielt hätten und sowieso viel mehr Fantasie gehabt hätten.

Stimmt das? Ersticken wir die Fantasie der Kinder heutzutage mit zu viel und zu realistischem Spielzeug? Ist das Smartphone das Ende des wilden, spontanen Spiels in der freien Natur? Ich denke ich kann Sie beruhigen.

Gerüchte und Vorurteile bezüglich der Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen kursieren schon seit Jahrhunderten und werfen meist ein schlechtes Licht auf die jeweilige "heutige" Kindheit oder Jugend.

Diese Befürchtungen bilden aber weder die Realität ab, die Kinder verfügen nämlich über ein sehr vielfältiges Aktivitätenspektrum, noch sind die eigenen, meist verklärten Kindheitserinnerungen als Bewertungsmaßstab für die heutige Gesellschaft und ihre Kinder geeignet.

Mit was spielen Kinder heutzutage?

Im Jahr 2013 wurden im Rahmen der europäischen Re-Play-Studie vom deutschen Jugendinstitut in Deutschland 96 Kinder im Alter zwischen 6 und 8, sowie 176 Kinder im Alter zwischen 9 und 11 zu Spiel und Freizeit mit Fragebögen befragt.

Während die jüngeren Kinder neben Sportspielen und Bewegung auch noch mehr mit Spielzeugen spielen, kommen bei den älteren Kindern Aktivitäten, wie "abhängen und quatschen", sowie traditionelle Medien hinzu. Es gibt jedoch auch Unterschiede ob die Kinder mit Freunden oder alleine spielen.

Mit Freunden liegen ganz klar Sport, Bewegung und "quatschen" vorne, während alleine immer noch mit Bewegung gespielt und vermehrt Zeit mit neuen (Smartphone, Spielekonsole) und traditionellen Medien (Bücher, Fernsehen, Musik) verbracht wird.

Auch das Spielen mit Spielzeug oder kreative Tätigkeiten, wie malen, basteln und musizieren sind Aktivitäten, die eher alleine populär sind. Mit "klassischem" Spielzeug spielen 24 % der 6-8jährigen am liebsten und 9 % der 9-11jährigen am liebsten wenn sie mit Freunden zusammen sind und 17% wenn sie alleine spielen.

Die Kinder wurden auch gefragt, mit welchen Materialien sie spielen, unabhängig von einer Wertung, wie gerne oder oft sie das machen. Dabei wird deutlich, dass die Kinder mit sehr vielfältigen und verschiedenen Dingen spielen, wobei sich auch kaum Altersunterschiede zeigen.

Mädchen interessieren sich dabei im Vergleich zu den Jungen mehr für kreative Materialien, während diese eher Konstruktionsspielzeug bevorzugen. Mit was spielst du? (in Prozent, Mehrfachantworten möglich)

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Welche Rolle spielt das Spielzeug im Spiel des Kindes? Was brauchen Kinder?

Die Ergebnisse zeigen, dass Spielzeug insbesondere für jüngere Kinder eine Rolle spielt, wenn auch nur eine Rolle unter vielen. Kinder spielen mit Bausteinen, mit Puppen, mit Steinen und Stöcken, mit Bällen, mit Würfeln und Medien, die Spielformen sind dabei unterschiedlich und auch die Notwendigkeit von Spielpartnern.

Wer sich ein vielfältiges Kinderspiel wünscht, sollte auch unterschiedliche Spielmöglichkeiten bereitstellen und dabei die Vorlieben des Kindes berücksichtigen. Nicht die Masse der Spielsachen ist entscheidend, sondern die Variationsbreite der Einsatzmöglichkeiten. Fragt man Kinder danach, werden sie sich immer neues Spielzeug wünschen, unabhängig davon ob sie eher viel oder wenig besitzen.

Wichtig ist es die Spielvorlieben des eigenen Kindes zu kennen, mit ihm gemeinsam zu spielen und ihm auch neue Spiele „beizubringen". Dann bekommt man ein Gefühl dafür mit was das Kind gerne spielt, was es nicht braucht und über was es sich beim nächsten Geburtstag wirklich freuen kann. Weniger der beworbene pädagogische Nutzen eines Spielzeugs ist entscheidend, sondern der Spielwert eines Spielzeugs.

Hans Mogel (2008) hat detaillierte Untersuchungen von Spielzeugpräferenzen bei Kindern durchgeführt und festgestellt, dass „je perfekter Spielzeuge realitätsangepasst sind und funktionieren, desto höher scheint ihre Attraktivität, ihre Faszination, ihr eigener Spielwert zu sein" (S.190).

Ein hoher Spielwert eines Spielzeugs zeigt sich darin, dass die Kinder im Spiel mit diesem vertieft sind, zeitlich andauernd und immer wieder dasselbe spielen. Spielen ist die Lernform der Kindheit und nur Spielzeug, das auch entsprechend von den Kindern im Spiel genutzt wird, kann zur Entwicklung des Kindes beitragen.

Der Beitrag stellt zusammenfassend mit Auszügen Ergebnisse aus dem Buch „Kinderspiel aus der Perspektive der Kinder - Eine explorative, methodologische Annäherung an die Lebenswelten von Kindern" (erschienen im Januar 2016 beim LIT Verlag) vor. Hier geht's zum Buch.

Zur Autorin: Myriam Gelder ist Pädagogin M.A., freiberufliche Dozentin, Kinderpflegerin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung. Sie beschäftigt sich insbesondere mit den aktuellen Lebenswelten von Kindern und deren Bedeutung für Forschung, Praxis und Therapie. Dabei liegt ihr Augenmerk auf der kindlichen Perspektive, deren adäquaten Erfassung und den Möglichkeiten diesen Kindern eine Stimme zu geben. Hier geht's zur Website der Autorin.

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Die Spielzeugindustrie boomt. Ob Elsa-Puppe, Spiderman-Kostüm oder die neueste Spielkonsole: Viele Kinderzimmer quellen über mit Spielsachen. Und die Kinder wollen immer mehr, denn nach kurzer Zeit ist das Spielzeug bereits langweilig und etwas Neues muss her.

Doch wie viel Spielzeug braucht ein Kind eigentlich? Bedeuten zu viele Spielsachen eine ständige Überforderung oder benötigen Kinder tatsächlich viele unterschiedliche Spielsachen für ihre Entwicklung?

Diskutiert mit. Schreibt uns eine E-Mail an Blog@huffingtonpost.de

Mehr zum Thema Spielzeugahn findet ihr hier.

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