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Was versteht Erdogan unter einer "kulturellen Revolution"?

12/06/2017 12:25 CEST | Aktualisiert 12/06/2017 16:40 CEST
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Wie das türkische Volk ursprünglich mit dem Islam in Berührung kam, ist und bleibt unter Historikern ein umstrittenes Thema. Fest steht jedoch, dass der islamische Glaube in etwa Tausend Jahren mit der anatolischen Kultur regelrecht verschmolzen ist.

In Kleinasien, das im Laufe der Geschichte unzählige großartige Zivilisationen hervorgebracht hat, ist durch diese Synthese ein Islamverständnis entstanden, das ein Spiegelbild der höchst heterogenen anatolischen Bevölkerung darstellte.

Menschen, die sich von dieser Islaminterpretation und dieser kulturellen Vielfalt inspirieren ließen, haben die bunte Zusammensetzung ihrer Nachbarschaften stets wie ein farbenfrohes Mosaikwerk bewundert.

Komm! Komm! Wer du auch bist. Wenn du auch Götzendiener oder Feueranbeter bist. Komm!" heißt es beispielsweise in den berühmten Versen Mevlanas, der Symbolfigur für den Sufi-Islam auf anatolischem Boden.

Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Dialogbereitschaft und Menschenliebe waren grundlegende Maximen der Sufi-Orden, die von ihren Zirkeln aus die Nachbarschaften, die Marktplätze und das gesamte öffentliche Leben durchströmten.

Mit der Gründung der an der französischen Laizität orientierten türkischen Republik kam es zu einem Bruch mit dieser multikulturellen islamisch-anatolischen Tradition. Der Kemalismus versperrte neben Kurden, Armeniern, Griechen oder Alewiten auch praktizierenden Muslimen den Zugang zum öffentlichen Leben.

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Politik, Medien und Bildung wurden instrumentalisiert, um wie alle Andersdenkende auch die Sufi-Bruderschaften zu kriminalisieren und den Islam im Allgemeinen als rückständig anzuprangern.

Es fand eine „kulturelle Revolution" statt, wie sie in den heroischen Liedern der republikanischen Ära bejubelt wurde: „In zehn Jahren schufen wir 15 Millionen Jugendliche in allen Altersgruppen". Es hieß nicht mehr „Komm!" sondern „Entweder (die Nation) lieben oder verlassen!".

Nur derjenige durfte sich glücklich schätzen, der sich „Türke" nennen konnte. Das kemalistische Regime „schuf" damit jedoch nicht nur eine Generation in ihrem Sinne, sondern gleichzeitig eine hasserfüllte Generation im konservativen Lager.

Etwa 80 Jahre später sehnen sich nun die „Unzufriedenen" dieses Lagers nach Revanche und ebenfalls nach einem Bruch mit dem Status Quo.

Erdogans "kulturelle Revolution"

In seiner Rede am 15. Oktober 2016 brachte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in seiner Heimatstadt Rize diesen Wunsch nach außen: „Wir brauchen dringend eine kulturelle Revolution".

Doch was genau versteht Erdogan unter diesem Begriff? Inwieweit soll das kulturelle Gebilde der Türkei reformiert werden? Mit welchen Werten sollen die neuen Generationen erzogen werden?

Seit dem gescheiterten Putschversuch am 15. Juli 2016, der als Vorwand für die andauernde Hexenjagd auf Andersdenkende genutzt wird, gab es zahlreiche Anhaltspunkte, die einen Einblick in Erdogans „Kultur-Projekt" erlauben.

Mit der Säuberung von Hunderttausenden vermeintlichen Sympathisanten Fethullah Gülens aus dem Staatsdienst und der privaten Wirtschaft, schuf Erdogan Platz für unkritische, loyale Parteianhänger. Sie kontrollieren nun den Unterricht in Schulen und Universitäten, die Predigten in Moscheen, die Schlagzeilen in Zeitungen sowie das Fernsehen.

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Im Unterricht basteln Grundschulkinder Galgen für Vaterlandsverräter und werden dazu ermuntert, Präsident zu werden und die Todesstrafe wieder einzuführen. Prediger legitimieren in Freitagspredigten und auf öffentlichen Veranstaltungen die Folter, Vergewaltigung und Enteignung von „Vaterlandsverrätern" durch pseudo-islamische Rechtsurteile.

Die Schlagzeilen der Zeitungen dämonisieren den Westen, spalten das Volk in Freund und Feind und sorgen für die Aufrechterhaltung der kollektiven Wut.

Das Fernsehen erlebt eine regelrechte Inflation an populistischen History-Soaps, die den Kampf gegen die Feinde des Vaterlands anpreisen. Die Heldenfiguren - ein osmanischer Herrscher oder ein Offizier im Seldschuken-Reich - werden bewusst in Situationen verwickelt, die dem Zuschauer die aktuelle „feindselige Umzingelung" Erdogans ins Gedächtnis rufen sollen.

Zudem werden die Dialoge mit Erdogan-Zitaten „bereichert", die der Zuschauer in den Nachrichten zu Genüge gehört und ins Unterbewusstsein eingespeichert hat.

Eine hasserfüllte, intolerante und realitätsferne Generation

Die Art und Weise, wie Erdogan-Anhänger mit Andersdenkenden umgehen, zeigt, wie erschreckend einfach es dem türkischen Staatsmann tatsächlich gelungen ist, binnen kurzer Zeit eine hasserfüllte, intolerante und realitätsferne Generation zustande zu bringen. Und das nicht nur in der Türkei, sondern auch in der türkischen Diaspora.

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Die Entwicklungen lassen vermuten, dass es nicht mehr die traditionellen anatolisch-islamischen Werte wie Nächstenliebe, Toleranz und Solidarität sind, die konservative Türken zusammenhalten sollen, sondern Feindseligkeit, Hass, Wut und Gewaltbereitschaft.

Es überrascht kaum noch, wenn Propagandisten des politischen Islam wie Ismet Özel auf öffentlichen Veranstaltungen ungehindert zum Ausdruck bringen, dass Terror und das Schüren von Angst ein Ausdruck der muslimischen Religiosität sei, oder wenn AKP-nahe Nachrichtenmoderatoren die Frage aufwerfen, ob Oppositionsführer Kilicdaroglu im Ramadan fastet oder nicht und dessen muslimische Identität damit in Frage stellen.

In einem solch polarisierten Umfeld wundert es nicht, dass der Begriff „Dialog" mittlerweile zum Terminus non gratus erklärt worden ist. Zu sehr ist er nämlich seit den 90er Jahren mit Erdogans Erzfeind Fethullah Gülen und der Hizmet-Bewegung zusammengewachsen und aus Sicht der türkischen Regierung daher höchst negativ behaftet.

Kein Platz für Dialog und Verständigung

Aus diesem Grund wurde auf der türkischsprachigen Website der Ditib kürzlich das Wort „interreligiöser Dialog" durch „interreligiöse und interkulturelle Beziehungen" ersetzt. So groß ist die Angst, dass man möglicherweise selbst als „Gülenist" gebrandmarkt wird, wenn man das „D-Wort" in den Mund nimmt.

Dass diese Besorgnis gar nicht so ungerechtfertigt ist, zeigte einer von vielen absurden Fällen in der „neuen Türkei": Eine Lehrerin verlor vor wenigen Wochen ihren Arbeitsplatz, weil ihre Schülerin während einer Veranstaltung im Rahmen des türkischen Kindertages am 23. April auf die Notwendigkeit des interkulturellen Dialogs aufmerksam machte.

Grund genug, um ihre Lehrerin aufgrund vermeintlicher Verbindungen zur Hizmet-Bewegung aus dem Staatsdienst zu entlassen!

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Was genau Erdogan unter „kultureller Revolution" versteht, ist für viele noch immer unklar. Ob seine islamistische Anhängerschaft über die intellektuellen Voraussetzungen eines derartigen Umbruchs verfügt, sei dahingestellt.

Allerdings besteht wohl kaum Zweifel darüber, was Erdogans kulturelle Revolution nicht vorsieht. In Erdogans „neuer Türkei" ist kein Platz mehr für Dialog und Verständigung. Es ist nicht nur die Hizmet-Bewegung, die Erdogan momentan zu Zehntausenden einsperrt. Es ist das anatolisch-islamische Erbe, das die unterschiedlichen Völker Anatoliens bisher zusammengehalten hatte.

Mit Gülens Büchern wurden gleichzeitig seine berühmten Weisheiten wie „Sei so weit wie ein Ozean, und schließe jede Seele in dein Herz!" auf den Scheiterhaufen gebracht. Und die Zukunft wird uns zeigen, ob man es geschafft hat, diese Worte auch aus dem Kollektivbewusstsein zu verbannen.

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