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Frauen in türkischen Gefängnissen: Die größten Leidtragenden im Erdogan-Regime

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TUERKISCHES GEFAEGNIS
Getty
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Am 31. März 2017 erhielt Büsra Erdal die erlösende Botschaft, auf die sie seit mehr als acht Monaten gewartet hatte. Die profilierte Journalistin und Anwältin war unter denjenigen, die im Zuge der Hexenjagd auf oppositionelle JournalistInnen nach dem gescheiterten Putschversuch festgenommen wurden.

Wegen regierungskritischen Artikeln und Tweets wurde ihr „Terrorunterstützung" vorgeworfen. Ihr drohte eine Haftstrafe von 10 Jahren. Erst nach einer monatelangen Untersuchungshaft konnte sie zum ersten Mal vor die Richter treten und wurde am gleichen Tag zusammen mit weiteren 25 Journalisten freigesprochen.

Als die ersten Meldungen über den Freispruch Büsra Erdals auf sozialen Medien eintrafen, war die Freude unter den Unterstützern der freien Presse in der Türkei groß.

Doch gleichzeitig bildete sich im anderen Lager der zerspaltenen türkischen Gesellschaft ein Chor von regierungsfanatischen Trolls, die darüber empört waren, wie die Richter eine ehemalige Journalistin der Gülen-nahen Tageszeitung Zaman nur freisprechen konnten.

Prominente und einflussreiche Social-Media-Propagandisten mit z.T. Hunderttausenden Followern riefen die Menschen dazu auf, sich vor der Haftanstalt zu versammeln und falls nötig mit Gewalt zu verhindern, dass die Journalistin ihre Freiheit zurückerlangt. Andere drohten den Richtern mit Suspendierung, Verhaftung und „anderen Konsequenzen". Sie sollten sich diese Entscheidung „lieber noch einmal durch den Kopf gehen lassen".

Es waren allerdings nicht nur Erdogan-Anhänger, die sich an dieser Hetzkampagne auf sozialen Medien beteiligten. Auch selbsternannte Demokraten wie Ismail Saymaz von der mittlerweile auf Regierungskurs gebrachten Hürriyet oder die kemalistische Tageszeitung Cumhuriyet, zeigten sich äußerst enttäuscht darüber, dass sich unter den Freigesprochenen neben Gleichgesinnten auch JournalistInnen der Gülen-nahen Medien befanden. Letzteren wurde die Freiheit offensichtlich nicht gegönnt.

Dass es sich hierbei ausgerechnet um Journalisten handelt, die in Europa als das letzte Bollwerk der freien Presse in der Türkei angepriesen werden, ist äußerst paradox und soll in einem anderen Beitrag behandelt werden. An diesem Tag stellten Saymaz und seine Kollegen jedenfalls erneut unter Beweis, dass die eingeforderten Rechte und Freiheiten nur für das eigene Milieu vorgesehen waren.

Und das kemalistisch-erdoganistische Bündnis hatte Erfolg!

Kurz nach dem Freispruch, als Büsra Erdal und ihre Kollegen bereits ihre Taschen packten und die letzten Minuten zählten, bis sie ihre Familien und Freunde wieder umarmen konnten, traf eine schockierende Meldung ein, die man im ersten Moment für einen schlechten Scherz hielt.

Eine Kette von Justiz-Skandale

Die Staatsanwaltschaft hatte just in diesem Augenblick eine neue Anklageschrift verfasst. Man hatte plötzlich Hinweise über die Beteiligung von 13 der freigesprochenen Journalisten am Putschversuch im vergangenen Sommer entdeckt. Eine noch größere Straftat also, die laut türkischem Gesetz sogar mit lebenslanger Haft geahndet wird.

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Noch bevor die Journalisten den blauen Himmel wieder erblicken und den Trost bietenden Duft der Freiheit einatmen konnten, machten sich Polizisten bereit, um die Journalisten festzunehmen und sie in die dunklen Verhörzellen zu verschleppen.

Es folgte nun eine Kette von Justiz-Skandalen, die vermutlich in die türkische Geschichte eingehen werden. Wie AKP-Trolls bereits verkündet hatten, wurden zunächst die Richter, die auf die Freilassung der Journalisten urteilten, mit sofortiger Wirkung entlassen.

Noch bevor das neue Gericht die Anklageschrift in Ruhe durchlesen und ihr Urteil den Angeklagten persönlich vortragen konnte, wurde ein sofortiges Haftbefehl gegen die 13 Journalisten erlassen und das, obwohl diese bereits seit mehr als acht Monaten inhaftiert waren.

Doch damit war nicht genug!

Offenbar hatte man sich fest vorgenommen, die kritischen Stimmen an die Grenzen des Nervenzusammenbruchs zu treiben. Um das zu erreichen, war und ist dem türkischen Staat scheinbar jedes Mittel Recht, selbst wenn es sich dabei um menschenunwürdige, abscheuliche Methoden handelt.

Gezielte Erniedrigungen und Folter

Obwohl Büsra Erdal nicht auf offener Straße, sondern in der Haftanstalt erneut festgenommen wurde, zwang man die Journalistin mit Kopftuch unter dem Vorwand einer Durchsuchung dazu, sich bis auf ihre Unterwäsche auszuziehen.

Die Flure und die mit Regierungskritikern überfüllten Zellen der Haftanstalt ertönten mit den Hilfe-Rufen der jungen Frau. Sie war psychisch am Ende. Einen Tag lang musste sie während der Untersuchungshaft diese Folter über sich ergehen lassen und wurde anschließend wieder in ihre Zelle transportiert.

Mehr als ein Monat ist es nun her, doch laut Anwalt Ümit Kardas befindet sich Büsra Erdal noch immer in einem traumatisierten Zustand. Kardas sieht hinter dieser psychologischen Folter der türkischen Beamten eine bestimmte Absicht. „Man wollte sie gezielt erniedrigen und ihre menschliche Würde verletzen", sagt er in einem Gespräch mit dem Stockholm Center for Freedom.

Büsra Erdal ist eine von etwa 15.000 Frauen, die im Zuge der Hexenjagd auf vermeintliche Regierungskritiker eingesperrt wurden. Zahlreiche Augenzeugen und Verwandte von inhaftierten Frauen berichten auf sozialen Medien von sexuellen Übergriffen während der Untersuchungshaft.

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Zuletzt brachte die 26-jährige Journalistin Aysenur Parildak, die ähnlich wie Büsra Erdal jedoch in einem anderen Prozess zuerst freigesprochen und kurz vor ihrer Entlassung aus der Haftanstalt erneut festgenommen wurde, an die Öffentlichkeit, dass sie im Verhör von alkoholisierten Beamten sexuell missbraucht wurde.

Vor Gericht berichtete die junge Frau, die unter ihren Kollegen für ihre Lebensfreude bekannt war, dass sie sich bereits mehrere Male die Wäscheleine um den Hals gewickelt hat und aufgrund der traumatischen Erlebnisse seit ihrer Festnahme ernsthaft über Selbstmord nachdenkt.

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