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Das deutsche Schulsystem hat eine Generation orientierungsloser Migranten hervorgebracht

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MIGRANTS GERMANY
Rklfoto via Getty Images
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Jedes Jahr verlassen junge Migranten mit völlig falschen Vorstellungen die Schule. Was folgt ist oft Frust und Enttäuschung. Der reibungslose Übergang von Schule zu Beruf ist ohne richtige Vorbereitung ein Problem, bei dem auch gute Noten langfristig nichts ändern können.

In meinem Bekanntenkreis haben viele Betroffene teilweise Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden, und dass obwohl Stellen unbesetzt bleiben. Laut einer DIHK-Umfrage von 2016 konnten 31% der teilnehmenden Betriebe die Lehrstellen nicht besetzen.

Zeit zu handeln

Zehn Jahre sind nun seit meinem regulären Schulbesuch verstrichen. Angetrieben durch den Wunsch als Arbeiterkind beruflich etwas zu erreichen, beendete ich in der Oberstufe meine Schullaufbahn, um meinen Platz im Job-Bazar zu finden. Eine Entscheidung mit vielen Höhen und Tiefen.

Heute unterhalte ich mich regelmäßig mit jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. Dabei stelle ich fest - es hat sich nichts geändert: die Namen ändern sich, doch die Probleme bleiben.

Die meisten wissen noch nicht einmal, welcher Beruf fĂĽr sie in Frage kommt, geschweige denn, welche Talente in ihnen tief verborgen sind. Mit einem Schulbesuch zum Berufsinformationszentrum ist die Messe noch lange nicht gelesen.

"Wir brauchen ein gemeinsames und zielführendes Umdenken, wir können nicht mehr abwarten und Tee trinken"

Lehrer machen ihren Job, SchĂĽler haben ihren noch vor sich

Gehen wir doch zum Anfangsstadium, dahin wo wir als Gesellschaft leider oft sitzen bleiben. Ein strikter Schulplan, vorgegebene Themen - wann gibt es etwas Abwechslung? Die Betriebe warten auf geeignete Kandidaten.

Doch die Bewerber sind nach der Schule damit beschäftigt, sich neu zu entdecken: Etwas, was schon viel früher hätte passieren sollen. Diese späte Orientierungsphase ist ein Nomen, welches im Karriereberatungs-Jargon oft als Synonym für ausbildungs- als auch arbeitssuchend benutzt wird.

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Die wenigste Schuld haben dabei die zukünftigen Azubis, denn sie waren es bis dahin gewohnt, alles auf dem Präsentierteller serviert zu bekommen. Das gutmütige Schulsystem hat "ungewollt" eine ganze Generation von unselbstständigen Jugendlichen hervorgebracht. Schulen müssen ihre Schüler wieder früh genug motivieren, sich mit ihren beruflichen Zielen zu beschäftigen.

Ein Lehrer kann einen Karriere-Coach nicht ersetzen, sollte er auch nicht. Aber wieso werden keine fachkundigen Berater in die Schulen integriert? Sie hüpfen doch aus allen Ecken und Winkeln, das Produkt ist bereits vorhanden, doch die Nachfrage am nötigen Ort fehlt.

Die Rolle der Eltern

Neben dem Einsatz der Schule darf natürlich die Rolle der Eltern nicht zu kurz kommen. Eltern tragen die größte Verantwortung für ihre Schützlinge. Sie sind wichtige "Nebendarsteller", sie greifen ein, trösten und motivieren wenn es sein muss. Doch Vorsicht - das Eingreifen sollte immer indirekt sein.

Das Paradebeispiel sind besorgte Eltern, die bei Betrieben anrufen und hoffen, dadurch einen Ausbildungsplatz fĂĽr das eigene Kind zu ergattern.

Durch solche Handlungen wird der Reifeprozess des Kindes aktiv verlangsamt. Jugendliche müssen lernen selbst Verantwortung zu übernehmen. Im späteren Berufsleben gibt es keine Gelegenheit, die fehlende Erziehung nachzuholen.

Leider gibt es auch die temperamentvolleren Eltern. Diese setzen ihre SchĂĽtzlinge meist unter Druck, was zu Frust und zerfallenem SelbstwertgefĂĽhl fĂĽhrt.

Gerade bei Familien mit Migrationshintergrund werden die Kinder oft mit ihren Geschwistern oder anderen Verwandten verglichen. Obwohl sie es meistens gut meinen, führen ihre Methoden eher nicht zum Ziel. Oft ist daher die Unterstützung von außen vonnöten.

Der Migrantenbonus macht es nicht einfacher

Ich behaupte mal, dass es durch die FlĂĽchtlingskrise jetzt noch herausfordernder geworden ist.

Gerade mit einem typisch ausländischen Vornamen können einige Arbeitgeber, ohne vorher den Lebenslauf gesehen zu haben, anscheinend einen hier Geborenen mit Migrationshintergrund und einen Flüchtling nicht mehr auseinanderhalten. Ein dickes Fell sowie ein freundliches Lächeln sind in diesen Tagen dringend notwendig.

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In einem Bewerbungstraining sagte mir mal der zuständige Dozent, dass mir meine Eltern mit meinen Vornamen keinen Gefallen getan haben. Oder noch besser war das Angebot meiner damaligen Berufsberaterin als ich noch ausbildungssuchend war: sie bot mir einen Besuch beim Deutschkurs an.

Auch Fragen wie: „Schreibe ich im Lebenslauf als Muttersprache erst deutsch und danach türkisch?" gehören zu den Rätseln, auf die ich bis heute noch keine Antwort gefunden habe. Solche Herausforderungen wurden in der Schule nie behandelt, mit meinen guten Noten sollten sich doch eigentlich die Türen weit öffnen.

Schulen und Eltern mĂĽssen an einem Strang ziehen

Der Anfang einer Karriere mit Migrationshintergrund kann, wenn es richtig angegangen wird, ohne negative Szenarien gelingen. Schulen und Eltern müssen an einem Strang ziehen. Die heutigen Azubis sind die Fachkräfte von morgen.

Den größten Anteil an Personen mit Migrationshintergrund bilden dabei die Türkischstämmigen, zu denen auch ich zähle.

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Wir Migranten müssen auch Verantwortung übernehmen und die nachfolgende Generation dabei unterstützen. Ich selbst gehöre der dritten Generation an und habe den ganzen Zirkus hinter mir. Doch ohne Hilfe und ohne dem richtigen Netzwerk wäre es deutlich schwieriger gewesen, Fuß zu fassen.

Deshalb habe ich Anfang Februar das Projekt Karrierekebap gegrĂĽndet. Ein Blog fĂĽr Jugendliche mit Migrationshintergrund, die den Sprung von der Schule zum Beruf strategisch angehen wollen.

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