BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Mustafa Demertzis Headshot

Das deutsche Schulsystem hat eine Generation orientierungsloser Migranten hervorgebracht

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
MIGRANTS GERMANY
Rklfoto via Getty Images
Drucken

Jedes Jahr verlassen junge Migranten mit v├Âllig falschen Vorstellungen die Schule. Was folgt ist oft Frust und Entt├Ąuschung. Der reibungslose ├ťbergang von Schule zu Beruf ist ohne richtige Vorbereitung ein Problem, bei dem auch gute Noten langfristig nichts ├Ąndern k├Ânnen.

In meinem Bekanntenkreis haben viele Betroffene teilweise Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden, und dass obwohl Stellen unbesetzt bleiben. Laut einer DIHK-Umfrage von 2016 konnten 31% der teilnehmenden Betriebe die Lehrstellen nicht besetzen.

Zeit zu handeln

Zehn Jahre sind nun seit meinem regul├Ąren Schulbesuch verstrichen. Angetrieben durch den Wunsch als Arbeiterkind beruflich etwas zu erreichen, beendete ich in der Oberstufe meine Schullaufbahn, um meinen Platz im Job-Bazar zu finden. Eine Entscheidung mit vielen H├Âhen und Tiefen.

Heute unterhalte ich mich regelm├Ą├čig mit jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. Dabei stelle ich fest - es hat sich nichts ge├Ąndert: die Namen ├Ąndern sich, doch die Probleme bleiben.

Die meisten wissen noch nicht einmal, welcher Beruf f├╝r sie in Frage kommt, geschweige denn, welche Talente in ihnen tief verborgen sind. Mit einem Schulbesuch zum Berufsinformationszentrum ist die Messe noch lange nicht gelesen.

"Wir brauchen ein gemeinsames und zielf├╝hrendes Umdenken, wir k├Ânnen nicht mehr abwarten und Tee trinken"

Lehrer machen ihren Job, Sch├╝ler haben ihren noch vor sich

Gehen wir doch zum Anfangsstadium, dahin wo wir als Gesellschaft leider oft sitzen bleiben. Ein strikter Schulplan, vorgegebene Themen - wann gibt es etwas Abwechslung? Die Betriebe warten auf geeignete Kandidaten.

Doch die Bewerber sind nach der Schule damit besch├Ąftigt, sich neu zu entdecken: Etwas, was schon viel fr├╝her h├Ątte passieren sollen. Diese sp├Ąte Orientierungsphase ist ein Nomen, welches im Karriereberatungs-Jargon oft als Synonym f├╝r ausbildungs- als auch arbeitssuchend benutzt wird.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Die wenigste Schuld haben dabei die zuk├╝nftigen Azubis, denn sie waren es bis dahin gewohnt, alles auf dem Pr├Ąsentierteller serviert zu bekommen. Das gutm├╝tige Schulsystem hat "ungewollt" eine ganze Generation von unselbstst├Ąndigen Jugendlichen hervorgebracht. Schulen m├╝ssen ihre Sch├╝ler wieder fr├╝h genug motivieren, sich mit ihren beruflichen Zielen zu besch├Ąftigen.

Ein Lehrer kann einen Karriere-Coach nicht ersetzen, sollte er auch nicht. Aber wieso werden keine fachkundigen Berater in die Schulen integriert? Sie h├╝pfen doch aus allen Ecken und Winkeln, das Produkt ist bereits vorhanden, doch die Nachfrage am n├Âtigen Ort fehlt.

Die Rolle der Eltern

Neben dem Einsatz der Schule darf nat├╝rlich die Rolle der Eltern nicht zu kurz kommen. Eltern tragen die gr├Â├čte Verantwortung f├╝r ihre Sch├╝tzlinge. Sie sind wichtige "Nebendarsteller", sie greifen ein, tr├Âsten und motivieren wenn es sein muss. Doch Vorsicht - das Eingreifen sollte immer indirekt sein.

Das Paradebeispiel sind besorgte Eltern, die bei Betrieben anrufen und hoffen, dadurch einen Ausbildungsplatz f├╝r das eigene Kind zu ergattern.

Durch solche Handlungen wird der Reifeprozess des Kindes aktiv verlangsamt. Jugendliche m├╝ssen lernen selbst Verantwortung zu ├╝bernehmen. Im sp├Ąteren Berufsleben gibt es keine Gelegenheit, die fehlende Erziehung nachzuholen.

Leider gibt es auch die temperamentvolleren Eltern. Diese setzen ihre Sch├╝tzlinge meist unter Druck, was zu Frust und zerfallenem Selbstwertgef├╝hl f├╝hrt.

Gerade bei Familien mit Migrationshintergrund werden die Kinder oft mit ihren Geschwistern oder anderen Verwandten verglichen. Obwohl sie es meistens gut meinen, f├╝hren ihre Methoden eher nicht zum Ziel. Oft ist daher die Unterst├╝tzung von au├čen vonn├Âten.

Der Migrantenbonus macht es nicht einfacher

Ich behaupte mal, dass es durch die Fl├╝chtlingskrise jetzt noch herausfordernder geworden ist.

Gerade mit einem typisch ausl├Ąndischen Vornamen k├Ânnen einige Arbeitgeber, ohne vorher den Lebenslauf gesehen zu haben, anscheinend einen hier Geborenen mit Migrationshintergrund und einen Fl├╝chtling nicht mehr auseinanderhalten. Ein dickes Fell sowie ein freundliches L├Ącheln sind in diesen Tagen dringend notwendig.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Islamwissenschaftler Udo Steinbach: "Junge Muslime etablieren sich gerade als Elite in Deutschland"

In einem Bewerbungstraining sagte mir mal der zust├Ąndige Dozent, dass mir meine Eltern mit meinen Vornamen keinen Gefallen getan haben. Oder noch besser war das Angebot meiner damaligen Berufsberaterin als ich noch ausbildungssuchend war: sie bot mir einen Besuch beim Deutschkurs an.

Auch Fragen wie: ÔÇ×Schreibe ich im Lebenslauf als Muttersprache erst deutsch und danach t├╝rkisch?" geh├Âren zu den R├Ątseln, auf die ich bis heute noch keine Antwort gefunden habe. Solche Herausforderungen wurden in der Schule nie behandelt, mit meinen guten Noten sollten sich doch eigentlich die T├╝ren weit ├Âffnen.

Schulen und Eltern m├╝ssen an einem Strang ziehen

Der Anfang einer Karriere mit Migrationshintergrund kann, wenn es richtig angegangen wird, ohne negative Szenarien gelingen. Schulen und Eltern m├╝ssen an einem Strang ziehen. Die heutigen Azubis sind die Fachkr├Ąfte von morgen.

Den gr├Â├čten Anteil an Personen mit Migrationshintergrund bilden dabei die T├╝rkischst├Ąmmigen, zu denen auch ich z├Ąhle.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Die neuen Migranten und die deutsche Frage

Wir Migranten m├╝ssen auch Verantwortung ├╝bernehmen und die nachfolgende Generation dabei unterst├╝tzen. Ich selbst geh├Âre der dritten Generation an und habe den ganzen Zirkus hinter mir. Doch ohne Hilfe und ohne dem richtigen Netzwerk w├Ąre es deutlich schwieriger gewesen, Fu├č zu fassen.

Deshalb habe ich Anfang Februar das Projekt Karrierekebap gegr├╝ndet. Ein Blog f├╝r Jugendliche mit Migrationshintergrund, die den Sprung von der Schule zum Beruf strategisch angehen wollen.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.