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Migranten müssen sich verbiegen, um einen Job zu bekommen - warum das schlecht für deutsche Firmen ist

10/10/2017 11:41 CEST | Aktualisiert 10/10/2017 11:41 CEST
Thomas Imo via Getty Images

Zahlreiche Bewerbungen wurden verschickt und genauso viele Absagen kamen zurück.

In Deutschland müssen junge Migranten häufig feststellen, dass ihre ausländischen Wurzeln zum Problem auf dem Arbeitsmarkt werden können.

Sie stehen vor besonderen Herausforderungen im Bewerbungsprozess, denn die so oft behauptete Chancengleichheit ist in der Realität nicht immer gegeben. Viele Betroffene können sich die hohe Zahl der Absagen zunächst nicht erklären.

So ging es mir damals auch. Erst ein Job-Coach mit Migrationshintergrund öffnete mir schließlich die Augen.

Er bestand darauf, dass ich in meinem Lebenslauf meine Sprachkenntnisse in Deutsch vor meine eigentliche Muttersprache positioniere. Deutsch war quasi meine zweite Muttersprache, türkisch meine erste.

Als ich nach dem Grund fragte, sagte er: "Mit deinem ausländischen Namen ist nicht klar, ob du auch ausreichend deutsch sprichst." Dieser Hinweis brachte mich zum Umdenken.

Kann es wirklich sein, dass nur die Anordnung meiner Sprachkenntnisse, die einen winzig kleinen Teil meiner Bewerbung ausmacht, einen so großen Stellenwert einnimmt?

Ist das ein Grund, weshalb viele Migranten, so wie es mir mittlerweile vorkam, systematisch aussortiert werden?

Mein Name - ein Problem?

Der Name ist die erste Information, die ein Personaler von einem Bewerber erhält. Allein der Vorname löst Assoziationen aus. Es gibt viele Vorurteile bei Vornamen, so hat es ein Kevin laut Studien schon in der Schule schwerer als ein Alexander.

Ausländische Namen stoßen besonders häufig auf Ablehnung, vermutlich weil sie teilweise schwer auszusprechen und einfach fremd sind. Mitunter haben Personaler die Sorge, dass Kunden einen Mitarbeiter mit ausländischem Namen nicht akzeptieren würden.

In den allermeisten Fällen geschieht die Ablehnung nicht einmal bewusst, doch die Angst vor dem Unbekannten erschwert die Chancengleichheit.

Studien belegen, dass Bewerber mit ausländischen Vornamen deutlich mehr Bewerbungen schreiben müssen, als Bewerber mit deutschen Vornamen. Wie kann man dieser Angst begegnen und sie ausräumen?

Eine Möglichkeit besteht darin, vorab ein Telefonat zu führen und dabei Fragen zum Stellenprofil zu klären. Eine sympathische Stimme kann Wunder bewirken und die Wahrnehmung des Ansprechpartners positiv beeinflussen. Ganz nebenbei würde der Bewerber seine Sicherheit in der deutschen Sprache demonstrieren. Damit wären schon mal zwei Vorurteile aus der Welt.

Das Bewerbungsfoto

Personaler wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Das Bewerbungsfoto vermittelt ihnen einen ersten Eindruck. Aus diesem Grund ist es wichtig, sympathisch, gepflegt und für den angestrebten Job angemessen zu wirken.

Unternehmen ist es außerdem wichtig, ob ein Bewerber "ins Team passt". Dabei spielt auch die Optik eine Rolle. Gewagte Frisuren und Haarfarben oder extravagante Kleidung können ein Grund sein, einen Bewerber abzulehnen.

Man sollte sich also Gedanken machen, ob man seinen Wunsch nach einem Undercut oder ähnlichem nicht verschieben sollte, bis man einen Job hat. Meiner Meinung nach sollte man dann noch die Probezeit abwarten, damit man sich durch sein äußeres Erscheinungsbild nicht ins Aus katapultiert.

Gerade zu Beginn eines Arbeitsverhältnisses wird großer Wert auf ein harmonisches und einheitliches Bild des Teams gelegt. Nachdem man mit seinen Leistungen überzeugt hat, kann man das Projekt Personal Brand angehen.

Dabei sollte man jedoch darauf achten, dass der Dresscode des Unternehmens - falls vorhanden - eingehalten wird. Gerade als jemand mit ausländischen Wurzeln fällt man ohnehin optisch eher auf und steht auf einem besonderen Prüfstand.

Frauen, die sich dazu entschieden haben ein Kopftuch zu tragen, stehen vermutlich vor den größten Herausforderungen, einen Job zu bekommen.

Einer Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) zufolge, müssen Frauen mit Kopftuch viermal so viele Bewerbungen wie identisch Qualifizierte schreiben, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

Das Kopftuch schreckt Personaler ab. Es gibt das Recht auf Religionsfreiheit und die Entscheidung ein Kopftuch zu tragen, sollte auch von Unternehmen akzeptiert werden.

Mehr zum Thema: Diskriminierung in Deutschland ist Alltag

Dennoch sind die Vorurteile so stark, und die Sorge, dass eine Kopftuchträgerin nicht ins Team passt so groß, dass diese Frauen häufig keine Chance bekommen, sich im persönlichen Gespräch zu beweisen. Anonyme Bewerbungen könnten die Lösung sein.

Dieses Bewerbungsverfahren wurde von der Bundesregierung entwickelt und soll ermöglichen, dass Unternehmen einzig und allein die Leistung und Qualifikationen eines Bewerbers zu beurteilen.

Faktoren wie Alter, Geschlecht und Herkunft spielen dann keine Rolle mehr und wahre Chancengleichheit kann erreicht werden.

Bis jetzt konnte sich dieses Verfahren allerdings nicht durchsetzen, nicht zuletzt, weil die Personaler sich dagegen sträuben.

Ich finde, dass die anonyme Bewerbung arbeitssuchenden Migranten zwar helfen kann, dass es aber nicht das Ziel sein sollte, wesentliche Bestandteile des Persönlichkeitskonzeptes eines Bewerbers zunächst verstecken zu müssen. Stattdessen sollte ein Umdenken bei den Unternehmen erfolgen und Akzeptanz größer geschrieben werden.

Ich habe festgestellt, dass größere Unternehmen häufig toleranter sind und die Herkunft eines Bewerbers für sie eine vergleichsweise geringe Rolle spielt.

Kleine Unternehmen lassen sich mehr durch Vorurteile leiten und haben Angst vor dem Unbekannten. Migranten haben also bessere Chancen einen Job zu bekommen, wenn sie sich bei großen Unternehmen bewerben.

Es kann hilfreich sein, seine ausländischen Wurzeln zu thematisieren und die Möglichkeit zu nutzen, auf die sich daraus ergebenden Vorteile für den Arbeitnehmer aufmerksam zu machen. Die gibt es nämlich allemal. Mein Rat: Offenheit!

Menschen mit Migrationshintergrund können den internationalen Erfolg eines Unternehmens vorantreiben und dabei helfen, neue Potenziale zu entdecken.

Was so gut im Fernost klappt, kann auch im arabischen Raum wunderbar funktionieren. Gerade für Kunden, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, können Unternehmen mit Muttersprachlern glänzen.

Doch die Vorteile liegen nicht nur in der Ferne, auch im Inland besteht Bedarf. Ein multikulturelles Unternehmen bietet vielfältigere Lösungen an, da verschiedene Mentalitäten und Ideen zusammenkommen und verschmelzen.

Zudem behaupte ich mal, dass Migranten eine höhere Dankbarkeit im Job aufweisen, welches positive Auswirkungen auf die Loyalität hat.

Diversität ist ein Pluspunkt

Viele Unternehmen übersehen ganz einfach die Vorteile, die es mit sich bringt, ein vielfältiges Team von Mitarbeitern zu haben.

In zahlreichen Branchen kann es aber ausgesprochen sinnvoll sein, Menschen mit ausländischen Wurzeln zu beschäftigen und von ihren Sprachkenntnissen und Erfahrungen zu profitieren. Deutschland ist Multikulti und darauf müssen auch Arbeitnehmer reagieren.

Sprachbarrieren können ausgeräumt werden, wenn Kunden, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, einen Ansprechpartner finden, der ihrer Muttersprache mächtig ist. Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln können mitunter die Internationalisierung eines Unternehmens vorantreiben und helfen, neue Märkte zu erschließen.

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Es kann doch nicht gewünscht sein, dass alle Mitarbeiter eines Unternehmens den gleichen Background haben und so auch die Denkstrukturen und Herangehensweisen einheitlich sind. Wo ist da Platz für Innovation und Kreativität?

Glücklicherweise haben das einige Unternehmen längst erkannt, andere sind gerade dabei nachzuziehen. TUIfly beispielsweise ist seit langer Zeit darum bemüht, Vielfalt zu stärken und Menschen verschiedener kultureller Herkunft zu beschäftigen.

Außerdem setzt sich die TUI-Stiftung für Flüchtlinge ein und bietet zusammen mit der Deutschlandstiftung Integration Sprachkurse für Geflüchtete an. Dabei unterrichten die Mitarbeiter ehrenamtlich.

Mehr zum Thema: Die anonyme Bewerbung: Sinnvoll oder unnötig?

Das Projekt trägt den Namen "Ich spreche deutsch". Der Erfolg des Unternehmens macht wohl deutlich, dass die Beschäftigung von Migranten kein Risiko ist, sondern Unternehmen sogar stärken kann.

Gerade für Touristikunternehmen ist es hilfreich, eine Belegschaft mit vielfältiger kultureller Herkunft zu haben, da es beim Reisen ja darum geht, fremde Kulturen kennenzulernen und mit Menschen aus anderen Ländern in Kontakt zu treten.

Doch auch Unternehmen in anderen Branchen profitieren von Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln.

In Krankenhäusern und Arztpraxen ist der Bedarf besonders groß, da es immer wieder Patienten gibt, die nur ihre Muttersprache beherrschen und sich ohne passenden Ansprechpartner weder verständlich machen können, noch ihre Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten verstehen.

Es liegt auf der Hand, dass die Sprachkenntnisse von Migranten in solchen Fällen immens hilfreich sind.

Es gibt in Deutschland einen Mangel an Fach- und Führungskräften. Vor diesem Hintergrund ist es nur schwer zu verstehen, dass es zahlreiche qualifizierte Zugewanderte gibt, die keinen Job haben.

Dabei spielen einerseits die bereits erwähnten Vorurteile eine Rolle. Andererseits haben Migranten mit hohen Qualifikationen häufig das Problem, dass ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden.

Eine gute Ausbildung im Heimatland ist hier auf einmal nichts mehr wert und sie können nicht in ihrem Berufsfeld arbeiten, obwohl sie über die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Werden diese Probleme gelöst, profitieren nicht nur einzelne Unternehmen davon, sondern die gesamte Wirtschaft.

Ikea, die Commerzbank, die Berliner Verkehrsbetriebe, TUI, die ProSiebenSat.1 Group, Continental, die deutsche Telekom, die Volkswagen AG und viele weitere Unternehmen haben die Charta der Vielfalt unterzeichnet, die 2006 ins Leben gerufen wurde. Dabei handelt es sich um eine Selbstverpflichtung, Chancengleichheit zu fördern und Diversität zu unterstützen.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Angela Merkel ist Schirmfrau und setzt damit ein klares Zeichen: Deutschland profitiert von kultureller Vielfalt, nicht nur im alltäglichen Leben sondern auch in der Arbeitswelt. Vorurteile müssen abgebaut werden, Wertschätzung und Akzeptanz an ihre Stelle treten.

Das Projekt begann mit vier Unternehmen, mittlerweile sind es mehr als 2700 Unterzeichner und es kommen stetig neue dazu. Der bundesweite Diversity-Tag wird vom eingetragenen Verein Charta der Vielfalt initiiert und findet 2018 das sechste Mal statt.

Institutionen und Unternehmen nutzen diesen Tag, um über ihr Engagement zum Thema Vielfalt zu berichten und passende Aktionen wie Gesprächsrunden, Workshops, Ausstellungen und Vorträge anzubieten. Ziel ist es, ein Miteinander zu schaffen.

Wer also der Meinung ist, auf Grund seines Migrationshintergrundes beim Bewerbungsprozess benachteiligt zu werden, kann versuchen sich bewusst bei den Unterzeichnern der Charta der Vielfalt zu bewerben.

Ist das die Lösung?

Ich würde sagen: Teilweise. Es wäre wünschenswert, wenn Migranten im Bewerbungsprozess nicht hauptsächlich als Migranten wahrgenommen würden. Wir wollen nicht bevorzugt aber eben auch nicht benachteiligt werden.

Wir sind potenzielle Arbeitnehmer wie alle anderen auch und wollen mit unseren Qualifikationen und unseren Leistungen überzeugen. Man sollte meinen, im Jahr 2017 sei das längst kein Thema mehr, doch wie verschiedene Studien bewiesen haben, haben es Menschen mit ausländischem Namen häufig schwerer einen Job zu finden.

Es ist toll, dass immer mehr Unternehmen bewusst dagegen steuern und Vielfalt fördern. doch letztlich sollte das gar nicht nötig sein, weil Diversität in der Arbeitswelt längst selbstverständlich sein sollte.

Mehr zum Thema: Die Flüchtlingskrise und die Folgen für Europa

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