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Bangladesch: Islamisten ermordeten Atheistische Blogger

25/09/2015 17:10 CEST | Aktualisiert 25/09/2016 11:12 CEST
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Mukul Devichand berichtet für eine neue „BBC World News"-Dokumentation über die Stimmung unter Internet-Bloggern in Bangladesch. Vier atheistische Blogger wurden dieses Jahr bereits ermordet, da sie angeblich den islamischen Glauben herausgefordert hatten.

Reihenweise wurden atheistische Blogger in Bangladesch auf grausame Weise hingerichtet. Aber die extreme Brutalität der Morde war - zumindest für mich- nicht das Überraschendste an der Geschichte, die ich für „BBC Our World" recherchierte.

Hier in aller Kürze die Fakten

In den letzten Jahren wuchs in der Internetszene von Bangladesch eine Gruppe heran, die die Existenz von Gott leugnen. Sie begründen ihre Haltung mit rationalen Argumenten und schwarzem Humor.

In dieser islamisch dominierten Gesellschaft zogen sie die Aufmerksamkeit von islamistischen Gruppierungen auf sich, die zunächst ihre Verhaftung anstrebten. Nun eskalierte die Situation. Atheisten werden brutal ermordet.

Eine schattenhafte Unterwelt-Organisation greift sie auf und ermordet sie: Vier Blogger erlitten dieses Jahr bereits dieses Schicksal. Was mich am meisten verwunderte, ist, dass sich die atheistischen Blogger und säkularen Stimmen nicht einschüchtern ließen, sie sprechen weiter vor laufenden TV-Kameras, darunter auch der „BBC"-Kamera.

„Die Mörder glauben, sie können sich alles erlauben", sagte mir Bonya Rafida Ahmed, Frau des vielleicht bekanntesten ermordeten Atheisten Avijit Roy. „Aber es gibt auch viele Gegner dieser Brutalität in Bangladesch."

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Bonya Rafida Ahmed

Der Fall Avijit Roy

Bonya Rafida Ahmed wurde zusammen mit ihrem Mann im Februar angegriffen. Sie verlor mehrere Finger bei der Attacke, erlitt Narben, aber überlebte. Ihren Mann haben sie auf dieselbe grausame Weise ermordet, wie die späteren Opfer.

Beide sind bekannte Onlineautoren. Sie waren für die Büchermesse in Dhaka von ihrer Wahlheimat USA nach Hause gekommen. Sie wurden am Abend von einer Gruppe von Männern mit Macheten angegriffen.

Ihre Erinnerung an die Ereignisse wurde durch den Schock blockiert. Sie erinnert sich aber an viel Blut an ihrem ganzen Körper und den Kopf ihres Mannes in ihrem Schoß. „Ich sah einen Körper am Boden liegen, dessen Kopf abgeschlagen war", erinnerte sich ein Augenzeuge, der auf beide traf, nachdem sie angegriffen worden waren.

Avijit Roy war der Moderator des Blogs mit dem Titel „Free Thinking". Nach seiner Ermordung postete der ebenfalls atheistische Blogger Washiqur Rahman den Hashtag „I am Avijit", um gegen die Ermordung Avijit Roys zu protestieren.

Einen Monat später wurde er ebenfalls angegriffen und mit einer Machete ermordet; dies geschah in einer belebten Straße der Hauptstadt Bangladeschs, Dhaka. Diese grausame Serie wurde mit zwei weiteren Morden an säkularen Bloggern fortgesetzt: Ananta Bijoy und Niloy Neel.

Gespräche mit Bloggern

Als wir in Bangladesch ankamen, wollten wir mit Bloggern darüber sprechen, wie sie diese Ereignisse beeinflussten. Einige der übrig gebliebenen Blogger sind Atheisten, viele würde man besser als Säkularisten bezeichnen, sie fordern ein politisches Leben ohne religiöse Einflussnahmen.

In Anbetracht der Gefahrenlage war ich natürlich dazu bereit, ihnen vor der Kamera Anonymität zuzusichern. Ich erwartete, dass sie verborgen bleiben wollten. Aber die meisten wollten sprechen. „Ich hatte mein ganzes Leben nicht so viel Angst", sagte Sobak, junger Vater von zwei Kindern. Wir nutzen seinen Spitznamen, aber er sprach direkt in unsere Kamera.

Seine Blogbeiträge kritisierten den Islam, besonders die Haltung gegenüber Frauen und religiösen Minderheiten, und er forderte eine säkulare Haltung. Wie andere Blogger schloss er sich im Jahr 2013 den Protesten für Säkularisation an. Als Antwort entwickelte sich eine starke islamische Bewegung aus den Madrasas in Bangladesch.

Was ist mit Demokratie?

Hefazat-e-Islam marschierte ebenso, aber gegen atheistische Blogger. Das war eine neue Entwicklung in Bangladesch, wo es eine lange Tradition von politischen Parteien gab, die Madrasas aber sich selten in politische Themen einmischten.

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Hefazat -e-Islam

Sie arbeiteten an einer Liste von bekannten Atheisten und forderten ihre Verhaftung- „Atheistische Blogger sind auch Menschen", sagte mir Mohammed Zafarullah Khan, der Kleriker, der die Bewegung anführt. „Aber ihre Handlungen sind nicht akzeptabel und darum haben wir von der Regierung gefordert, dass sie verantwortlich gemacht werden."

Ich fragte ihn: Was ist mit Demokratie? „Sie haben das Recht zu sprechen und zu schreiben, aber sie können nicht tun, was sie wollen. Niemand sollte wagen, gegen den Propheten Mohammed zu sprechen, niemand darf das. Wir haben das Recht und die Macht solche Menschen zu bestrafen."

Hefazat-e-Islam leugnet jede Verbindung zu den Mördern. Die Polizei bestätigte dies und nennt Extremisten als die möglichen Täter. Das Erwachen des politischen Islams, das Anwachsen von gewalttägigen Gruppierungen und ein Konflikt zwischen Islamisten und Liberalen, das sind keine einzigartigen Erscheinungen in der islamischen Welt.

Bangladesch ist anders

Allerdings sind in vielen Ländern mit einer muslimischen Mehrheit öffentliche Bekenntnisse zum Atheismus selten. Bangladesch hat eine lange Tradition des säkularen Stolzes. Was es einzigartig macht, ist die Weigerung seiner säkularen und atheistischen Stimmen, aufzuhören zu bloggen, trotz der brutalen Gewalt, mit der ihnen begegnet wird.

„Ich weiß nur, dass ich siegen mus", sagte Sobak. „Man kann mich nicht zum Schweigen bringen, ich muss weiter schreiben; Ich werde es nicht hinnehmen, von einem rückständigen Dogma zum Schweigen gebracht zu werden. Ich muss weitermachen, egal wie."

Our World: The Bangladesh Blogger Murders wird an diesem Wochenende auf BBC World News am Samstag, den 26. September um 13.30 Uhr und 18.30 Uhr und am Sonntag, den 27. September um 19.30 Uhr gesendet.

Der Autor Mukul Devichand ist Redakteur von BBC Trending, dem BBC-Büro, das sich mit Internetthemen beschäftigt. Er berichtet aus vielen Ländern für die BBC für Radio- und TV-Produktionen.

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