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So helfen muslimische Vereine den Flüchtlingen

13/09/2015 13:08 CEST | Aktualisiert 13/09/2016 11:12 CEST

Ein großer Teil der Flüchtlinge sind Muslime. Es gab in den vergangenen Wochen einige Stimmen, die besagten, dass Muslime in Deutschland sich zu wenig in der Flüchtlingshilfe engagieren würden. Diese Aussagen stimmen so aber nicht.. Ein Blick in die Arbeit der muslimischen Vereine.

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Die allermeisten Flüchtlinge kommen derzeit aus muslimisch geprägten Ländern wie Afghanistan, dem Irak oder Syrien. Die meisten dieser Flüchtlinge sind Muslime. Ironie des Schicksals: Der selbsternannte "islamische Staat" ist die Ursache für die Flucht von hunderttausenden Menschen.

Sie flüchten nach Europa, vorallem nach Deutschland. In Deutschland leben bereits 4 Millionen Muslime. Es erklärt sich hier eigentlich von selbst, dass Muslime die ersten sein sollten, die diese Flüchtlinge an Bahnhöfen empfangen und sie später weiter betreuen.

Einigen Beobachtern zufolge geschieht das aber nicht. "In der konkreten Betreuung und ehrenamtlichen Arbeit vor Ort, oder bei den Protesten gegen flüchtlingsfeindliche Aufmärsche der Rechtsradikalen, wären die Islamverbände oder örtliche Moscheen kollektiv völlig abgetaucht, tadelt Ali Ertan Toprak. Für ihn sei das "unbegreiflich", denn immerhin stammen 2015 ca. 38% der Flüchtlinge allein aus Afghanistan, dem Irak, Syrien, dem Iran und der Türkei.

Wenn man noch die Flüchtlinge aus dem Balkan hinzurechnen würde, seien die Hälfte aller Flüchtlinge Muslime", hieß es in seiner Pressemitteilung. Er könne sich nicht erklären, "warum sich bisher keine muslimische Organisation und kaum eine Moschee für die Flüchtlinge stark mache. Dabei sieht er die vielen Kirchengemeinden durchaus als gutes Beispiel, auch für die Moscheen vor Ort, "um sich endlich der Menschen anzunehmen, die unsere Solidarität brauchen, wenn es drauf ankommt".

Ganz Unrecht hat Ali Ertan Toprak nicht. Die großen muslimischen Verbände haben zu lange gezögert. Einige haben sich statt mit den dringenden Bedürfnissen dieser Menschen auseinanderzusetzen, vielmehr darum gekümmert, wie die Integration dieser Menschen stattfinden kann und Regeln gefordert, wie etwa Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime.

Lösungen in den Vordergrund statt leere Worthülsen

Gewiss ist dieses Thema von enormer Bedeutung. Heute wird der Fluss der Flüchtlinge schon als Völkerwanderung beschrieben. Aber solange diese Verbände, die beanspruchen, Muslime zu vertreten, sich nicht um akute Lösungen kümmern, klingen diese Forderungen nicht mehr als Politik und leere Worthülsen.

Murat Kayman von der DITIB formulierte es in einem Facebook-Posting ganz treffend: "Auf dem Feld des organisierten Islam verwischen zunehmend die Grenzen zwischen Wort und Tat, zwischen Gestalt und Substanz, zwischen Forderung und Einsatz, zwischen Absicht und Handlung, zwischen Deklaration und tatsächlichem Beitrag. Zunehmend wird das eine für das andere gehalten und vermarktet". Dieses Problem kann man übrigens auf viele dieser Verbände ausweiten.

IGMG-Moscheen nehmen 1.000 Flüchtlingsfamilien auf

So Recht Toprak mit seiner Kritik einerseits zu haben scheint, hat er andererseits auch wichtige Entwicklungen unberücksichtigt gelassen. Denn "Gott Sei Dank!", es gibt sie doch, die muslimische Hilfe. Möglich ist, Toprak hat gute Beispiele übersehen, weil es eher "kleinere" Vereine sind, die Tun statt Reden.

Etwa der Hilfsverein "Hasene":; eine Hilfsorganisation der IGMG. In der vergangenen Woche erklärte der Verein, dass Moscheen, die der IGMG angehören, jeweils mindestens eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen werden.

Bei mehr als 500 Moscheen und über 100 sonstigen Einrichtungen rechne man mit der Aufnahme von etwa 1.000 Familien. Das wären etwa 4.000 Flüchtlinge, sagte IGMG-Generalsekretär Bekir Altas.

Dabei sollen die Familien nicht nur mit Unterkunft und Verpflegung versorgt werden. Vielmehr sollen Familien "in allen Lebenslagen unterstützt und ihre Eingliederung in ihr neues Umfeld gefördert werden". So würden die Familien in Behördengängen, bei der Arbeitsplatzsuche oder bei Bildungsangelegenheiten begleitet werden. Eine Art Familienpatenschaft soll dies also sein.

TTH verteilte Flüchtlingen warmes Essen an der österreichischen Grenze

Ein weiteres Beispiel ist der Hilfsverein Time To Help e.V. (TTH). Der Verein existiert schon seit 2006 und hat sich zum Ziel gesetzt "bedürftigen Menschen sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern dieser Welt zu helfen, und zwar gegen Armut mit Bildungsprojekten, gegen Krankheiten mit Gesundheitsprojekten, gegen Hunger mit Lebensmittelprojekten, gegen eine nicht ertragreiche Landwirtschaft mit Projekten zur Verbesserung der Viehzucht und des Ackerbaus und in Katastrophensituationen mit den nötigsten Hilfsmaßnahmen", so der Verein.

Auch sie haben Projekte für Flüchtlinge erstellt. Mit Werbeanzeigen in türkischen Medien und Flyern wollen sie die türkischstämmigen Menschen dazu bewegen, Unterstützung in der Flüchtlingsarbeit zu leisten. Ganz kompakt wird beschrieben, auf welchen unterschiedlichen Wegen Flüchtlingen geholfen werden kann.

Der Verein selbst wird neben vielen anderen Aktivitäten beispielsweise Kleidung in einzelnen Städten sammeln. "In einzelnen Städten werden wir zu bestimmten Terminen mit einem Lastwagen Spenden entgegennehmen", heißt es auf einem Flyer. Aber auch an das muslimische Opferfest habe man gedacht. Den Flüchtlingen sollen in Städten, in denen es möglich ist, Fleischteller übergeben werden. Außerdem hat Time To Help vor, Geschenke zu diesem Fest zu verteilen.

TTH: Wir leisten auch Hilfe für Nicht-Muslime

Ahmet Bağdatlı, Vorsitzender von Time To Help unterstreicht dennoch, dass der Verein in erster Linie ein deutscher Verein ist und auch im Ausland Deutschland repräsentiert. Er betont außerdem, dass der Verein allen Bedürftigen Menschen unter Achtung der Menschenrechte helfen möchte, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Geburt oder sonstigem Stand. Auch dies ist ein wichtiger Punkt.

Time To Help hat an der österreischichen Grenze, also am HotSpot der Flüchtlingsroute Essen verteilt.

Vereinzelt bekommt man auch mit, dass noch kleinere Vereine oder sogenannte Hinterhofsmoscheen für Flüchtlinge in der einen oder anderen Art und Weise für Flüchtlinge Geld sammeln, Feste veranstalten. Ebenso muslimische Fußballvereine, die für diesen Zweck Turniere veranstalten.

Hoffen wir, dass Muslime weiter in der Flüchtlingsarbeit aktiv bleiben. Öffentlichkeitswirksam muss das ganze allerdings sein. Wer soll sonst mitbekommen, das und wie man über diese Vereine spenden kann.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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