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Social Business und das Streben nach Glück

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Das heutige System des globalen Kapitalismus wird von der Annahme geleitet, dass die Menschen egoistisch und nur durch das Streben nach maximalem Profit motiviert werden. Man geht davon aus, dass die Welt zu einem besseren Ort wird, wenn alle Menschen (jeder für sich) dieses Ziel verfolgen. Mittlerweile wissen wir, dass das nicht stimmt. Die Menschen werden durch pure Profitgier nicht glücklicher und die Probleme der Welt sind auch nicht gelöst. Viele würden sogar sagen, dass sie in einigen Fällen sogar dadurch verschlechtert wurden.

Ich habe immer gesagt, dass Menschen multidimensionale Wesen sind. Ihr Glück hat viele Quellen und nicht nur die des Geldes, wie die Wirtschaft wohl vermuten lässt.

Meine Arbeit auf diesem Gebiet begann in den 1970er Jahren an der Universität von Bangladesch. Ich lehrte dort Wirtschaftswissenschaften. In dieser Zeit fingen die Theorien, die ich lehrte, an, immer weniger Sinn für mich zu machen. Denn ich sah das Leid der Menschen um mich herum. Ich beschloss also diese Theorien fallenzulassen und stattdessen hinaus in die Straßen des Örtchens zu gehen, an dessen Universität ich lehrte. Ich wollte herausfinden, ob ich einem einzigen Menschen von Hilfe sein konnte. Im Gespräch mit einigen Frauen aus dem Ort habe ich erfahren, dass sie von den winzigen Löhnen, die sie für harte Arbeit bekommen, auch noch Abgaben und Kredite in exorbitanter Höhe zu zahlen haben. Ich gab ihnen 27 Dollar von meinem eigenen Geld, damit sie ihr Problem lösen konnten. Sie nutzten das Geld, um sich von den Kredithaien zu befreien und konnten es mir letztlich zurückzahlen. Dieses kleine Experiment führte zur Geburt der Grameen Bank. Mittlerweile leihen wir über 8,4 Millionen Menschen in Bangladesch Geld. Wir geben ihnen Kredite zu fairen Konditionen und damit eine reale Chance auf einen Weg aus der Armut. Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt, dass Menschen ihr eigenes Schicksal lenken und verändern können, wenn man ihnen nur die Chance dazu gibt. Ich kam dadurch zu folgender Erkenntnis: Geld zu verdienen, bedeutet Glück. Aber anderen zu helfen, bedeutet Überglück.

Während des Aufbaus der Grameen Bank habe ich auch viele andere Unternehmen gegründet, alle mit demselben Ziel: Der armen Landbevölkerung bei ihren Problemen zu helfen. Das war der Start von Social Business. Einem neuen Geschäftsmodell, bei dem nicht der Profit sondern die Lösung sozialer Probleme im Vordergrund steht. Im Laufe der Jahre habe ich viele solcher Unternehmen gegründet. In den vergangenen Jahren sind viele Firmen auf uns aufmerksam geworden und wollten mit uns kollaborieren, darunter Danone, Veolia, BASF, Uniqlo und Intel. Wir haben daraufhin Interessensgemeinschaften mit ihnen gegründet und ihr technisches Wissen genutzt, um gegen soziale Probleme vorzugehen. Dazu zählten Unterernährung, der Bedarf nach sauberem Trinkwasser und der Kampf gegen von Moskitos übertragene Krankheiten. Außerdem wurde die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und schlechter medizinischer Versorgung von Müttern in Angriff genommen. Wir haben auch ein paar sehr erfolgreiche Social Businesses kreiert, darunter Grameen Shakti, ein Projekt, das „stromlose" Gemeinden mit Solarenergie versorgt. Das Grameen Eye Care Hospital ist eine Augenklinik, die günstige Behandlungen und Operationen in ländlichen Gebieten anbietet. Gemeinsam mit der Glasgow Caledonian University haben wir eine Schwesternschule gegründet, die Hochschulausbildung für Mädchen auf dem Land bietet.

2010 habe ich die Unternehmensberaterin Saskia Bruysten in London getroffen. Sie war auf mich und meine Arbeit aufmerksam geworden und wollte mithelfen, ein System zu schaffen, das sowohl den Menschen als auch dem Planeten diente. Zusammen haben wir Yunus Social Business (YSB) gegründet. Eine Art Brutkasten für Social Businesses, das Unternehmen auf der ganzen Welt mit Krediten hilft. YSBs Konzept ist einfach: Wir suchen die vielversprechendsten Business-Pläne von Einheimischen zur nachhaltigen Lösung lokaler Probleme aus. Jeder Profit, den diese Unternehmen später einnehmen, wird reinvestiert und genutzt, um der lokalen Bevölkerung zu helfen. YSB investiert in diese Geschäfte über einen non-profit Fonds. Alles geht zurück an die Gemeinde.

Seit 2011 ist YSB schnell gewachsen und arbeitet mittlerweile in sieben Ländern: Haiti, Albanien, Brasilien, Kolumbien, Indien, Tunesien und Uganda. Unser Team besteht heute aus 25 Personen aus verschiedensten Bereichen, die alle daran arbeiten, ihren Gemeinden auf der ganzen Welt etwas zurückzugeben. Es arbeiten auch viele Freiwillige mit uns, von denen jeder einzelne seine ganz persönlichen Gründe hat, warum er für YSB arbeitet.

Mit einer Weltbevölkerung von über sieben Milliarden ist es wichtiger denn je, das Konzept des Kapitalismus zu überdenken. Wollen wir weiterhin der Umwelt, unserer Gesundheit und der Zukunft unserer Kinder schaden, nur um immer mehr Geld und Macht anzuhäufen? Oder wollen wir das Schicksal des Planeten selbst in die Hand nehmen und eine Welt schaffen, in der wir die Bedürfnisse aller Menschen in den Fokus rücken? Und unsere Kreativität, unser Geld und unseren Profit zum Werkzeug machen, diese Ziele zu erreichen?

In dieser Reihe von Blog-Beiträgen werden wir Menschen, die in und mit Social Businesses arbeiten, eine Stimme geben. Dazu gehören Unternehmer, Freiwillige, Mitarbeiter von YSB, Entwicklungsträger und Kreditnehmer. Wir werden einen Blick darauf werfen, wie Menschen Social Business verstehen und als Weg sehen, etwas zurückzugeben. Die Möglichkeit auf ein erfülltes Leben, weil sie anderen eine Chance geben, selbst Erfolg zu haben.

Wir hoffen, dass Sie als Leser die Aktivitäten von YSB verfolgen werden und das Konzept des Social Business für sich entdecken. Sie finden uns online auf unserer Homepage www.yunussb.com, Twitter @yunus_sb and Facebook www.facebook.com/yunussocialbusiness.

Übersetzt aus der Huffington Post USA von Franca Lavinia Meyerhöfer. Hier geht's zum Original.