BLOG

Ein Abschiedsbrief an meine beste Freundin, die den Kampf gegen den Krebs verlor

14/06/2017 16:54 CEST | Aktualisiert 14/06/2017 16:54 CEST
portishead1 via Getty Images

Liebe Freundin,

Ziemlich genau vor einem Jahr hat mich die Nachricht erreicht, dass du am frühen Morgen deinen Kampf gegen den Krebs verloren hattest. Sollte ich meine erste Reaktion auf die Nachricht beschreiben, dann würde ich sagen, es war zunächst Ungläubigkeit kombiniert mit dem Schrecken über die Endgültigkeit, die diese Botschaft für mich beinhaltete.

Dann folgte Traurigkeit und das innere Eingestehen, dass diese Benachrichtigung nicht überraschend kam, sondern die Möglichkeit deines Sterbens bis dahin einfach nicht ausgesprochen wurde, damit uns das Gefühl der Hoffnung erhalten blieb.

Ich wusste, dass deine Krankheit eine schlimme Entwicklung nahm

Im tiefsten Inneren hatte ich bereits geahnt, dass dein Zustand sich zumindest wesentlich verschlechtert haben musste. Zwei Tage zuvor hatte ich meinen Geburtstag gefeiert und nicht die von dir üblichen Grüße erhalten.

Als diese dann auch am Folgetag ausblieben, wusste ich, dass deine Krankheit eine schlimme Entwicklung nahm. An diesem Abend nahm ich mir fest vor, dass ich, wieder zurück in Wien, mich aufmachen würde, um dich zu besuchen.

Auch wenn du das in der Chemotheraphiephase eigentlich nicht wolltest, gedachte ich deine Einwände dieses mal zu ignorieren. In Wien erfuhr ich dann, dass deine Beisetzung bereits im engsten Familienkreis stattgefunden hatte. Diese Information lies mich richtig wütend auf dich werden.

Ich hatte fest mit dieser letzten Möglichkeit mich von dir zu verabschieden gerechnet. Ich wollte deinem Mann noch einmal sagen, was für eine tolle Frau du warst. Ich fand es einfach unakzeptabel, dass anderen Freunden und mir diese Möglichkeit genommen wurde. Heute bin ich nicht mehr sauer auf dich.

Du bist so gegangen wie du gelebt hast. Geradlinig, ohne Schnickschnack und stets mit Rücksicht auf deinen Mann. Deinem Mann habe ich im letzten Sommer einen Brief geschrieben. Der Abschied von dir, das letzte gemeinsame Adieu, fehlt mir bis heute. Warum das so ist, darüber habe ich in den letzten Monaten oft nachgedacht.

Ich sehe dich immer noch vor mir

Kennengelernt habe wir uns vor 9 Jahren durch die gemeinsame Arbeit. Wenn ich heute an unserem alten Büro vorbeigehe, muss ich regelmäßig lächeln, denn ich sehe dich dann immer noch vor mir, wie du im Spiegelbild der Adress-Messingtafel deine Frisur für das Vorstellungsgespräch richtest, nicht ahnend, dass die Telefonanlage auch eine Kamera hat.

Später haben wir viel darüber gelacht. Ich habe damals gleich gedacht "das wird interessant mit ihr".

Du warst etwas älter als ich und ich etwas weniger neu im Job. Das zwischen uns war nicht eine Freundschaft auf den ersten Blick. Es war für uns beide mehr die Neugierde aufeinander, jedoch gepaart mit einer gewissen Vorsicht, denn wir beide wussten, das Kolleginnen nicht zwangsläufig Freundinnen sind bzw. werden, und ein gutes berufliches Verhältnis stand für uns beide zunächst im Vordergrund.

Eine Hochglanz- Frauenzeitschriften BFF-Romantik hätte keine von uns beiden jemals angestrebt. Da waren wir gleich altmodisch und konnten auch beide von uns sagen, dass unsere besten Freunde eh unsere jeweiligen Ehemänner waren bzw. sind.

So kam zuerst das gemeinsame Arbeiten, dann das Abschnuppern, Kennenlernen, Rhythmus finden, Schätzen lernen, Vertrauen bilden, vom Sie zum Du, dann erst das Freundschaft schließen. Bei der Arbeit haben wir uns fantastisch ergänzt, nicht nur fachlich und sachlich von unseren jeweiligen Erfahrungen her, auch bezogen auf unser Temperament.

Wenn es Stress gab, konnte jede bei der anderen Dampf ablassen und mit einem "Abgeregt?" war's dann auch wieder gut. Bei Druck war es selbstverständlich der anderen zu sagen, "ich brauch jetzt mal eine Stunde Ruhe, könne wir das morgen angehen", ohne das ein Zickenkrieg ausbrach.

Wir konnten über Gott und die Welt reden

Waren Projekte komplexer als üblich, haben wir uns sachlich abgesprochen und festgelegt wer wann was übernimmt, wer wem den Rücken in welcher Phase frei hält. Als ich zu einem neuen Arbeitgeber wechselte, warst du die Erste, die mir gratulierte und diejenige außerhalb meiner Familie, die sich aufrichtig freute und mich anfeuerte.

Mit dem Wechsel änderten sich natürlich die Form und Häufigkeit unsere Gespräche. Aber anders bedeutete nicht automatisch schlechter.

Einmal im Quartal schafften wir es zusammen Essen zu gehen oder uns auf einen Kaffee zu treffen. Dann redeten wir über Gott und die Welt. Aber nicht das hielt die Freundschaft lebendig, sondern die vielen SMS und E-Mails, die wir austauschten.

Kurz, aufrichtig, persönlich: Hast du diese Ausstellung gesehen? Ich hab so viele Äpfel im Garten, hast du Lust einen Apfelkuchen zu backen? Das Konzert könnte dir und deinem Mann gefallen! Diese Theaterinszenierung ist was für deine Töchter! Wir waren am See. Kennst du dieses kleine Hotel schon? Das wäre was für euch.

Oder einfach von einem Gartenfan zum anderen, Fotos von Blumen und Pflanzen, von denen wir sicher wussten, diese interessieren die jeweils andere. Texte, Worte und Bilder plätscherten zwischen uns dahin, wie ein moderner elektronischer Bachlauf.

Doch dann kam diese eine E-Mail, in der du mir erzähltest, dass sich alles in deinem Leben verändert hatte. Auf Grund eines Sturzes brauchtest du eine orthopädische OP und bei den Voruntersuchungen dazu wurde der Krebs diagnostiziert. Keine von uns konnte es fassen.

Du, ein Ausbund von Gesundheit, Energie und Lebensfreude und Krebs, das passte nicht. Doch das Drama entwickelte sich rapide. Innerhalb von wenigen Wochen veränderte sich die Diagnose von "es ist Gott sei Dank früh erkannt" zum "behandel- aber nicht heilbar".

Ohne Übergang wurdest du von der lebensfrohen rotbackigen Spätsommerfrau zu einer verschreckten, blassen Wintergreisin. Plötzlich redeten wir über Ärzte, Vertrauen und was noch zu tun ist in diesem Leben.

Unser letztes Treffen

Unser letztes gemeinsames Essen war dann einfach nur emotional. Wir trafen uns kurz vor Weihnachten und im neuen Jahr solle deine Chemotherapie beginnen. Du wusstest, dass vor dir eine Zeit lag, in der es einerseits um Alles ging und andererseits das Ergebnis bereits feststand.

Du warst wild entschlossen um jeden Tag Leben mehr zu kämpfen und doch merkte ich dir an diesem Abend deine Angst an. Du, die sachlich strukturierte, die bisher jede Situation mit einem Plan A und gegebenenfalls mit einem Plan B kontrolliert hatte, wusstest plötzlich nicht mehr, ob diese deine Stärken für den bevorstehenden Kampf ausreichend sein würden.

Der Krebs hatte dir ohne Vorwarnung die Kontrolle über dein Leben und deine Pläne genommen. Neben deinem Mann, den du dir selbst zum Partner für ein gemeinsames Leben gewählt hattest, war dir unvermittelt ein zweiter bösartiger und unberechenbarer Begleiter an deiner Seite gestellt worden.

Jeder Tag und jeder Lebensschritt würden sich nun darauf konzentrieren müssen, diesen neuen Partner, wenn schon nicht zu besiegen, dann doch wenigstens soweit als möglich zu kontrollieren. Du wolltest so gerne dein Struktur und Ordnung, deine Träume und Ziele für die Zeit nach dem Arbeitsleben zurück.

Mehr zum Thema: Ihre Tochter starb an den Folgen eines Hirntumors - jetzt teilen die Eltern berührende Fotos

Es wurde an diesem Abend geheult und gelacht und noch heute liebe ich deinen Perückenwitz: "Meinst du da gibt es wie bei den Brillen auch Kassen- und Privatpatientenmodelle?"

Wir verabschiedeten uns mit einer Verabredung zu einem Festessen in spätestens fünf Monaten, wo wir dann das Ende deiner Chemo und meinen runden Geburtstag feiern wollten.

Dein Satz zum Abschied "und im Sommer werde ich mit meinem Mann die Lavendelfelder in der Provence sehen, endlich, diese Reise wird nicht länger verschoben", und deine Sehnsucht in diesem Satz, hat so lange in mir nachgeklungen.

In den nächsten Monaten wurde unser Austausch einseitiger, wurde leiser, stiller. Ich wusste, dass die Krankheit und die Behandlung dir alles abverlangten. Du wolltest keinen Besuch, außer deiner nächsten Familie.

Ich kannte dich gut genug, um zu verstehen, warum du das so wolltest. Dann kam der Mai und du bist gegangen. Ich dachte an unser Essen im Dezember, von dem wir beide nicht gewusst hatten, dass es das letzte gemeinsame Essen, das letzte gemeinsame Gespräch sein würde.

Drei Monate nach deinem Tod kehrte ich nach Wien zurück

Ich las unsere E-Mails des Frühjahrs und ich fragte mich, ob ich dir das, was wichtig für dich war, auch ausreichend gesagt hatte, dir vielleicht ein bisschen Mut machen konnte oder ob ich mich etwa zu sehr darauf konzentriert hatte, dich mit Alltagsgeplauder zu zerstreuen.

Drei Monate nach deinem Tod bin ich nach Wien zurückgekommen. Es gab zwar diesen Moment im Sommer, wo ich schon das Handy in der Hand hatte, um dir Fotos von einem Bauerngarten auf Hven zu schicken, ansonsten, das gebe ich zu, habe ich dein Sterben zunächst gut verdrängen können.

So richtig traf es mich dann zurück hier in deiner Stadt und in deinem Land. Ich geh in der Oper an den Stehplätzen vorbei und denk an deine Aufregung, wenn du eine Wagner-Inszenierung gesehen hattest.

Mehr zum Thema: "Ich bin 36, habe zwei Kinder und sterbe - ihr alle könnt mir helfen": Der dramatische Appell eines Blutkrebspatienten

Ich sitz im Kaffee und denk an die Currysuppe, die du dort so mochtest. Ich seh einen französischen Film und denk an deine Sehnsucht nach den Lavendelfeldern. Ich bereite eine Reise vor und vermisse deine vielen Tipps.

Ich verfolge die aktuelle österreichische Politik und höre dich auf große Koalitionen und alte Gesinnungen schimpfen. Ich war unvorbereitet darauf, wie sehr mir im täglichen Leben unsere Gespräche und spontanen SMS fehlen würden. Ich war vollkommen unvorbereitet auf dieses langanhaltende Bedauern über den fehlenden Abschied.

Wir waren in vielen Dingen unterschiedlich und uns in vielen Dingen sehr ähnlich. Wir waren beziehungsweise sind beide Menschen mit einem großem Bekanntenkreis, aber auch der Typ, der sehr vorsichtig damit ist, wen wir als Freund oder Freundin bezeichnen.

Wir waren beziehungsweise sind beide Nicht-Wiener und wir beide mussten auf unsere jeweilige Art und Weise lernen uns in dieser Stadt zurechtzufinden.

Michael Heltau bezeichnet sinngemäß Wien als die Stadt, die man als Zugezogener lernen muss zu erlieben. Ich finde noch immer, dass diese Beschreibung den den Nagel auf den Kopf trifft. Du konntest das auch nachvollziehen mit dem Erlieben und du kanntest die damit verbunden Zweifel und Freuden.

Du warst stur, großzügig und konntest von ganzem Herzen lachen

Du hattest in Paris, Tokyo und Sydney gelebt bevor du nach Österreich und Wien zurückkamst.

Du hast es wunderbar verstanden, dass Beste deiner österreichischen Wurzeln mit deiner dir eigenen Weltoffenheit und Neugierde zu vereinbaren.

Du warst Stadtmensch und liebtest die Natur in deiner Heimat am Semmering.

Du warst stur und großzügig, konntest wahnsinnig böse werden und von ganzem Herzen lachen.

Du liebtest Musik über alles und ließt eine Oper höchstens für eine Tour mit den Langlaufski sausen.

Wenn's im Büro unerträglich heiß war, fuhrst du auf dem Heimweg mit dem Rad noch mal schnell am Badeboot für ein paar Runden Schwimmen vorbei, egal was die knutschenden Teenager am Beckenrand davon hielten.

Und als in einem Winter die Alte Donau schlittschuhtauglich zugefroren war, hast du dich wie ein kleines Kind gefreut, die alten Schlittschuh von dir und deinem Mann rausgesucht, um dort dann Runde um Runde übers Eis zu fahren.

Du warst loyal und zuverlässig und von denen, denen du diese Loyalität und Zuverlässigkeit gewährtest, hast du diese, wenn es darauf ankam, dann auch bedingungslos wieder eingefordert.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Dich, deine Lebendigkeit in deiner Stadt vermisse ich sehr. Heute hält sich die Trauer die Balance mit der Freude darüber dich als Freundin gehabt zu haben. Sollte ich unsere Freundschaft charakterisieren, dann würde ich sie "eine Unvollendete" nennen.

Ich werde diese Sorge nicht los, dass du gegangen bist ohne dir darüber klar zu sein, wie wertvoll und nachhaltig du für viele der Menschen warst, denen du begegnet bist.

Diese letzte Umarmung im Dezember, von der wir beide bewusst verdrängten, dass es die letzte sein könnte, fühlt sich nicht ausreichend an.

Du sollst wissen, dass auch wenn es sehr schmerzhaft gewesen wäre, ich dich gerne noch einmal gesehen hätte, gerne mit dir geweint, getrauert und bedauert, und dir ein letztes mal gesagt: Mach´s gut!

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffiPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.