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Kurzgeschichte: Wenn eine junge Frau sich selbst verliert

24/09/2015 17:57 CEST | Aktualisiert 24/09/2016 11:12 CEST

Isabelle

„Finger weg!" So fing es an. Seitdem ist Isabelle nicht mehr bei mir, obwohl sie da ist. Ich sehne mich so unendlich nach ihrer liebevollen Zärtlichkeit und ihrem großen Verständnis. Verdammt! Rot! Das war knapp. Ich sollte langsamer fahren. Mich konzentrieren. Wie denn? Meine Gedanken kreisen nur um Isabelle. Ich muss diesem Spuk ein Ende bereiten.

Nach zwei Jahren voller Glück änderte sich plötzlich alles. Unbegreiflich. Unfassbar für mich. Ich habe ihr doch immer jeden Wunsch erfüllt. Ihr liebliches Antlitz hatte mich bei einem Stadtfest verzaubert. Sie strahlte pure Lebensfreude aus. Federleicht schwebend tanzte sie hingebungsvoll und verkörperte genau das, was ich für die Werbekampagne eines Kunden suchte. Ich bot ihr Aufnahmen in unserem Fotostudio an und sie sagte sofort begeistert zu. So sahen wir uns öfter und verliebten uns ineinander. Die junge Studentin und der erfolgreiche Manager. Jeder hielt es nur für eine kurze Affäre, aber das war es nicht, es wurde viel, viel mehr. Wahre Liebe, große Leidenschaft und innige Seelenverwandtschaft. Niemals habe ich Isabelle - nicht einmal in Gedanken - betrogen. Sie ist Geliebte, Freundin und Familie für mich! Wenn ich verärgert nach Hause kam, weil einige Kollegen mir wieder das Leben schwer machen wollten, dann tröstete sie mich und munterte mich auf. „Neid ist die höchste Form der Anerkennung", sagte sie stets und besänftigte die Zornesfalten auf meiner Stirn. Ich konnte mir ihr über alles reden, Freude und Leid mit ihr teilen, sogar ihre persönlichen Interessen akzeptieren. Es gab niemals Streit. Sie war immer ruhig und besonnen - bis zu jenem Tag, der alles änderte.

Erschöpft von einem langen und anstrengendem Arbeitstag freute ich mich auf Isabelle und wunderte mich, dass sie mich nicht wie gewohnt an der Tür erwartete. Sie reagierte nicht auf meine Rufe und Besorgnis beschlich mich. Erleichtert nahm ich dann Geräusche aus der Küche wahr, eilte hin und sah Isabelle völlig versunken am Küchentisch stehen und einen Teig kneten. Sie schien mich gar nicht zu bemerken. Um sie nicht zu erschrecken, näherte ich mich ihr ganz langsam und vorsichtig. „Finger weg!", fauchte sie mich plötzlich an. Irritiert wegen ihres fremden, scharfen Tons blickte ich sie fragend an. „Das ist Salzteig. Den kann man nicht essen. Georg, lass mich das hier in Ruhe fertig machen", sagte sie in demselben ungewohnten Ton. Leicht verärgert beschloss ich ihrem seltsamen Verhalten keine Bedeutung beizumessen und ging frühzeitig zu Bett. Gegen Morgengrauen kuschelte sie sich an mich und versöhnte mich wieder.

Das war vor vier Monaten und es war unsere letzte gemeinsame Nacht. Isabelle hat keine Zeit mehr für mich. Jede freie Minute knetet, formt, brennt und bemalt sie Salzteig. Ständig liegen in der Küche Schälmesser, Nagelfeilen, Zahnstocher, Pinzetten, Bleistifte, Scheren und Strohhalme herum. Salz- und Mehltüten hat sie kiloweise auf den Regalen gestapelt. Der Backofen ist im Dauereinsatz und in ihrem Arbeitszimmer hortet sie Farben und Lacke in großer Vielfalt. Im ganzen Haus hängen die Wände voll mit ihren Kunstwerken und überall stehen noch unvollendete Gebilde herum. Manchmal bin ich so wütend, dass ich sie in ihrem Salzteig ersticken möchte. Ich will sie schon lange zu einem Psychiater schicken, aber sie weigert sich. Isabelle redet von einer vorübergehenden Phase. Daran glaube ich nicht mehr. Irgendetwas passiert mit ihr. Sie verändert sich von Tag zu Tag mehr. Das bilde ich mir doch nicht ein! Oder ist sie einfach nur eine verrückte Künstlerin? Genie und Wahnsinn sollen ja nah beieinanderliegen.

Am Anfang konnte ich mich ehrlich mit ihr freuen. Ich wusste ja gar nichts von ihrer künstlerischen Begabung. Ihr erstes Werk war ein niedliches, buntes Haus mit Baum, Gartenbank und Fahrrad. Dann modellierte sie viele Motive mit altem Spielzeug. Eine kleine Puppenstube mit winzigen Möbeln, einen Kaufladen, ein Schaukelpferd, einen Bauernhof mit Tieren und jede Menge Puppen auf alten Sofas. Jedes Detail äußerst präzise und filigran ausgearbeitet. Naturgetreu bemalt und lackiert. Alles wirkte irgendwie echt. Natürlich gönnte ich ihr dieses neue Hobby, aber musste sie sich ständig damit beschäftigen? Es kam mir irgendwie zwanghaft vor. Ich dachte schon an einen unbewussten, verdrängten Kinderwunsch. Sie war doch diejenige, die mit der Familienplanung bis nach ihrem Studium warten wollte. Als ich sie darauf ansprach, verneinte sie vehement und versuchte mir zu erklären, was in ihr vorging. Sie suchte zögernd nach den richtigen Worten und konnte mich fast überzeugen. Sie sagte: „Wenn in dir eine Idee für eine Werbekampagne reift, dann lässt sie dich doch von der Inspiration bis zum fertigen Konzept nicht mehr los. Bei mir ist das anders. Ich plane nichts. Ich fühle einfach nur den Salzteig, forme und gestalte ihn intuitiv, träume dabei, versinke in ihm und verschmelze mit ihm. Es ist wie eine Meditation und ich weiß nicht, wohin es mich führen wird, aber ich weiß, dass es für mich wichtig ist. Georg, ich bitte dich um Geduld."

Das konnte ich nachvollziehen. Mein Kopf wird immer erst wieder frei, wenn ich meine Vorstellungen umgesetzt habe. Bei mir ist das erfahrungsgemäß ein überschaubarer Prozess, bei ihr ist es wohl ein langsam wachsender Ausdruck ihrer Gefühlswelt. Ich wollte ja ihrem Seelenheil nicht im Wege stehen und ließ sie gewähren. Vielleicht war ja Informatik nicht das richtige Studium für sie und sie wollte sich das selbst noch nicht eingestehen? Ich wollte sie nicht bedrängen und beschloss abzuwarten.

Wochen vergingen und es war kein Ende in Sicht. Ganz im Gegenteil. Isabelle verfiel in einen endlosen Schaffensrausch. Sie sprach selten, aß wenig und schlief kaum. Trotzdem wirkte sie immer höchst agil. Misstrauisch beobachtete ich sie beim Teig zubereiten. Sie nahm wirklich nur Salz, Mehl und Wasser. Ich befühlte ihren Teig und spürte nur eine kalte, klebrige Masse. Nichts, was solch einen Enthusiasmus bewirken könnte. Ratlos betrachtete ich ihre Kunstwerke und entdeckte immer wieder ein kleines, fröhliches Mädchen mit blonden Zöpfen und einer weißen Schürze. So lebendig dargestellt, als wenn es gleich aus dem Bild hüpfen würde.

Dieser Beitrag ist eine Leseprobe aus: Der Fluch - Fantasy-Kurzgeschichten

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ISBN: 978-3-7368-9744-1

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