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Bittere Enttäuschung in der Hippiezeit

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HIPPIE
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Fortsetzung zu: Wechselbad der Gefühle in der Hippiezeit

In der Pause sprachen Uli und Kati, die vor mir sitzen und alles mit gekriegt hatten, mit mir. „Hör mal zu Assi, vielleicht ist es fies, wenn wir dir das sagen, aber einer muss das ja sagen. Du führst dich einfach unmöglich auf. Wir können ja verstehen, dass du verdammten Kummer hast. Aber überlege doch mal, was die anderen von dir denken, wenn du so ein Theater machst. Man muss sich doch beherrschen können." „Mir ist scheißegal, was die anderen von mir denken." Uli war unheimlich nett: „Jetzt vielleicht, aber morgen und nächste Woche und dann? Du wirst zu viel kriegen, wenn die ganze Klasse weiß, was mit dir und Babsy und Mick war." „Ich werd' mal drüber nachdenken", sagte ich und ging. Eigentlich haben sie ja recht. Sie haben sogar sehr recht.

Endlich war an diesem schrecklichen Tag die Schule vorbei. Ich sprach nicht mehr mit Babsy, sondern ging in die Eisdiele. Da waren Uli und Kati. Sie fragten, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wollte. Ich dachte erst, die wären bloß neugierig. Aber sie sagten nichts darüber. Sie unterhielten sich über alles Mögliche und lenkten mich wahnsinnig gut von meinen Gedanken an Mick ab. Das fand ich so nett, das werde ich nie vergessen. Was ich so toll finde, ist, dass sie nicht immer über Jungen labern, sondern über echte Probleme. Zum Beispiel über Hungersnöte und Atombomben oder so was Ähnliches.

Als ich dann im Bus saß und nach Hause fuhr und Babsy sah, die mich nicht anguckte, war das Elend wieder da. Ich konnte heute Mittag keinen Bissen 'runterkriegen. Ma meinte schon, ob ich krank wäre. Ich wollte Mick anrufen, aber es war immer jemand im Wohnzimmer. Ich musste also zur Telefonzelle und Ma fragte natürlich, wo ich hin wollte. Ich sagte: „Babsy muss mein Lateinbuch eingesteckt haben. Das brauche ich jetzt unbedingt."

Endlich hatte ich Mick an der Strippe. Zuerst war ein unfreundlicher Mann dran gewesen, der sagte, dass man nicht mit Angestellten während der Dienstzeit sprechen dürfte und ich müsste mich ganz kurz fassen. Mick war ganz aufgeregt: „Assi? Was ist los?" Ich fing an zu weinen und erzählte ihm von Babsy. Er wurde sehr sauer und schrie: „Was? Sie hat gar nicht Schluss gemacht? Na, was war das denn? Und ich soll sie fertiggemacht haben? Jetzt reicht's aber. Ich bin ja mal auf den Brief gespannt. Entschuldige, ich muss sehr viel tun. Ich muss jetzt Schluss machen." Dann hatte er auch schon aufgelegt, ohne mir ein liebes Wort zu sagen. Er sagte nicht mal tschüss.


Ich bin total fertig. Ich habe mir eine Flasche Wein aus dem Keller gemopst und saufe jetzt. Und rauche. Und mir ist schon ganz schlecht, weil ich heute noch gar nichts gegessen habe. Wenn ich doch nur wüsste, warum Babsy so plötzlich ihre Meinung geändert hat. Und Mick will sicher nichts mehr von mir wissen, sonst hätte er doch irgendwas gesagt. Mit ist so schlecht, ich muss kotzen.

Babsy, dieses Nuttenschwein! Sie war heute wieder saufreundlich und sagte, ihr täte die Sache von gestern sehr leid. Ich sagte: „Mir allerdings auch." Und dann erzählte sie plötzlich, dass sie jetzt mit Erwin geht. Ich fragte: „Wie bitte? Was ist denn mit Tonti?" „Ach der, weißt du das nicht? Ich habe doch rausgekriegt, dass der verlobt ist." „Und Erwin?" "Den hab' ich gestern Abend bei Schöler kennengelernt. Ach, der arme Mick, jetzt kriegt er meinen schönen Brief ganz umsonst. Ich hab's mir überlegt. Erwin gefällt mir zwar nicht besser als Mick, aber ich will doch nicht mehr mit Mick gehen. Der kann mir ja nichts Neues bieten."

Jetzt haut's mich aber um. Jetzt weiß ich auch, warum das Theater gestern. Ganz klar. Babsy war natürlich immer noch sauer, weil sie erkannt hat, dass Mick ein anderes Mädchen anguckt. Sie hatte ja erwartet, er würde ihr nach trauern. Aber das war nicht das Entscheidende. Mit Tonti lief nichts mehr. Also hatte Babsy keinen Freund. Woher schnell einen Neuen nehmen? Mick natürlich. Sie war sich sicher, ihn wieder herumzukriegen. Nun hat sie aber Erwin und braucht Mick nicht mehr. Pfui, Babsy, bist du geil. Und ich sitzte jetzt 'rum und warte auf Sonntag. Dann weiß ich Bescheid.


Mick war heute Morgen da! Er kam, als wir zur Schule gingen. Plötzlich hörte ich eine Honda und da hielt Mick auch schon. Babsy ging weiter, ich blieb stehen. Er sagte: „Morgen, wo ist Babsy? Ich muss sofort mit Babsy sprechen." Das war alles, was er mir gesagt hat, sonst nichts, gar nichts. Nicht mal die Hand hat er mir gegeben. Ich ging zur Schule und drehte mich um. Er laberte mit Babsy. Endlich kam sie und er fuhr ab, er fuhr einfach an mir vorbei. Nicht mal die Hand hob er. Ich fragte Babsy was wäre. „Ach nichts", sagte sie. Ich drängte: „Los, sag schon. Will er wieder mit dir gehen?" „Ja, aber ich hab' Nein gesagt." „Und was ist mit mir?" „Das wird er dir Sonntag sagen." „Bitte sag es mir." „Nein, die Suppe, die er sich eingebrockt hat, soll er selber auslöffeln."

Endlich ist Sonntag. Dies war die schrecklichste Woche meines Lebens und heute wird sie ihren Abschluss finden. Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende. Ich weiß gar nicht, wie ich es die letzten Tage überhaupt aushalten konnte, ohne zu weinen. Denn es ist klar, dass Mick mir heute sagen wird, dass alles aus ist. Oder wollte Babsy mich vielleicht nur ärgern und Mick will doch mit mir gehen? Ach schrecklich, ich weiß nicht was ich glauben soll. Ich wünsche mir das eine und glaube das andere. Jedenfalls werde ich hingehen. Wir sind um 15.00 Uhr an der Tankstelle verabredet. Das ist direkt vor dem Haus seiner Eltern. Ich sehe ziemlich mies aus, ich habe drei Pfund abgenommen, das ist ja sehr schön, aber ich habe solche Schatten unter den Augen und ganz verheulte Augen, obwohl ich doch gar nicht geheult habe. Nur ein Mal am Dienstag in der Schule. Ich habe mich ziemlich doll geschminkt, weil ich so blass bin. Ich trinke gerade eine Flasche Bier und rauche heute schon die zehnte Zigarette. Dabei ist es gerade mal 14.00 Uhr. Ich habe diese Woche jeden Tag fast zwei Schachteln geraucht. Ich habe schon 25 Mark Schulden bei Peter. Ich weiß gar nicht, wovon ich die bezahlen soll, aber das ist ja jetzt nicht wichtig. Ich lese jetzt Solschenizyn: „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" um die Zeit 'rumzukriegen. Das Buch ist sehr gut.

Es ist jetzt 14.40 Uhr.

Es ist jetzt 14.45 Uhr.

Ich gehe jetzt.

Ich hab's ja gewusst. Ich will auch gar nicht weinen. Nein, ich weine nicht. Er hat ja recht. Ich habe ungefähr fünf Minuten gewartet. Dann kam er aus dem Haus und rief mich. Er hatte dreckige Klamotten an und ölige Hände. Er reparierte seine Honda. Ich wusste sofort, es ist aus. Sonst hätte er sich ja wohl umgezogen und wir wären irgendwo hingegangen. Mick sagte: „Assi, bitte sei mir nicht böse. Aber ich kann nicht mit dir gehen. Ich muss erst mal Babsy vergessen. Ich will vorläufig keine Freundin, verstehst du das?" „Natürlich, tschüss." Ich hätte ihm gerne noch einmal einen Kuss gegeben, aber ich habe es nicht gewagt.


Fortsetzung folgt! Teenager in der Hippiezeit - Folge verpasst?

In meinen anderen Geschichten geht es um Liebe, Schuld, Seelenschmerz, Sehnsucht, Verzweiflung und Verantwortung.

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