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Ferienjob in der Hippiezeit

02/10/2015 14:39 CEST | Aktualisiert 02/10/2016 11:12 CEST

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Fortsetzung zu: Bock fahren in der Hippiezeit

We were all wounded at Wounded Knee von Redbone. Diese tolle Platte höre ich jeden Tag. Peter hat sie mir zum Geburtstag geschenkt. Zuerst mal finde ich die Musik umwerfend. Dann habe ich den Text übersetzt, jetzt finde ich die Platte noch besser.

Ich habe den Text auswendig gelernt und singe den Song andauernd. Das nervt zwar einige Leute sehr, besonders meinen Bruder, aber das kratzt mich doch nicht. Er meint, ich würde ihm die ganze Platte vermiesen. Na und? Ich freue mich jedenfalls, dass ich endlich eine Platte gefunden habe, die nicht einfach nur ein Hit ist.

Ich finde der Text regt sehr zum Nachdenken an. Ich glaube, wenn ich damals gelebt hätte, hätte ich alles Mögliche versucht, um den Indianern zu helfen. In den Filmen heutzutage wird zwar sicher viel übertrieben, aber es muss ja doch wohl einen wahren Hintergrund haben.

Ich könnte heulen, wenn ich mir vorstelle, wie die Kriege zwischen den Weißen und den Indianern aussahen. Aber jetzt muss ich dieses Thema sofort beenden, ich find's zu schrecklich.

Peter ist hängen geblieben. Er ist natürlich sauer, aber gegen Faulheit kann man eben nichts machen. Er hat mächtigen Ärger zu Hause. Hans und Marion geht's gut. Mama wollte, dass Marion mir jetzt in den Ferien Nachhilfe in Franz gibt, aber ich habe gestreikt.

Was ganz anderes. Meine ersten Erfahrungen betreffend Arbeit. Seit einer Woche arbeite ich in einer Fabrik. Erster Tag: Acht Stunden Rahmen für irgendwelche Filter für Flugzeuge geklebt. Zweiter Tag: Vier Stunden Butterbrotdosen verpackt, vier Stunden Zitronenpressen verpackt. Und so weiter, immer eine von diesen blöden Beschäftigungen. Ist wirklich beschissen.

Zwischendurch zweimal eine Viertelstunde Pause und die Arbeitszeit ist von 6.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Dann Freitag! Erster Lohntag! 3,20 DM die Stunde. Ausbeuterei! Aber trotzdem helle Freude an der Lohntüte mit 102,40 DM für die ersten vier Tage.

Ich bin sehr stolz. Die Mühe hat sich gelohnt. Ich habe mir aber die Arbeit nicht so öde und langweilig vorgestellt, ich sehe alle zehn Minuten auf die Uhr, nach einer Stunde kann ich nicht mehr stehen. Die Füße tun sauweh. Die Pfoten wollen nicht mehr.

Wie halten die anderen das bloß aus? Manche Frauen arbeiten schon jahrelang hier, ich verstehe nicht, dass sie nicht längst durchgedreht sind. Ich habe nur noch drei Wochen vor mir und allein bei dem Gedanken dreh' ich durch. Aber für das Geld mach' ich's halt. Morgens um 5.00 Uhr komme ich nur mühsam aus dem Bett.

Wenn ich gegen halb drei glücklich zu Hause bin, schlinge ich mein Essen hinunter und geh' erst mal ins Bett. Um 6.00 Uhr abends bin ich dann wieder einigermaßen okay, aber mir tut alles, vom Rücken bis zum kleinen Zeh, weh. Ich lege mich dann in den Garten und lese oder höre Musik. Zu was anderem hab' ich gar keinen Nerv mehr.

Dann esse ich Abendbrot, sehe noch etwas fern und bin spätestens um halb zehn im Bett. Wenn ich mir vorstelle, so sollte mein ganzes Leben aussehen? Ich glaube, ich würde mich umbringen! Sicher, man hat am Wochenende frei, aber dann muss man sich ja erst mal von der anstrengenden Woche erholen, und bis man wieder in Ordnung ist, rappelt schon wieder der Wecker und die ganze Scheiße fängt wieder von vorne an.

Und dann das Arbeitsklima! Grauenhaft! In meiner Abteilung arbeiten nur Frauen. Die können nichts anderes als klatschen und schlecht über andere Leute reden. Besonders um den Chef gibt es da viele Gerüchte, er soll 'ne Geliebte haben und seine Frau schon seit Jahren betrügen. Und Ähnliches.

Ich hör' schon gar nicht mehr hin. Ich träume einfach nur und hoffe, dass die Zeit vergeht. Außerdem verstehe ich nicht, wieso die immer über den Chef motzen. Ich finde den unheimlich nett. Er ist so Mitte 50, hat immer gute Laune und für jeden ein freundliches Wort. Er fragt mich immer, ob ich auch gut zurechtkäme und so.

Außer mir arbeiten noch zwei andere Mädchen hier, auch Ferienjob, die sind sehr nett. Mit Margit habe ich mich schon richtig angefreundet. Doris scheint wohl etwas auf uns herab zu sehen, sie hat einen Freund, der sie täglich von der Arbeit abholt. Sie erzählt uns immer, was sie alles mit ihm unternimmt, aber man kann wohl ganz gut mit ihr auskommen.

Nur etwas finde ich sehr blöd, sie meinte, ob Margit und ich die Pille nehmen würden und als wir verneinten, sagte sie: „Ach so, ich habe ja vergessen, dass ihr erst 16 seid und die noch nicht braucht. Aber ich kann euch sagen, bumsen ist eine feine Sache." Da wären wir schon beim Thema. Die Frauen hier geben alle mit ihren sexuellen Erlebnissen an.

Da wird man ja direkt neugierig. Einige erblassen vor Neid, wenn eine erzählt, was für eine tolle Nacht sie verbracht hat. Ich glaube, meine Ma würde zuviel kriegen, wenn sie wüsste, was ich hier alles mitkriege. Man kann hier richtig verdorben werden. Aber die Arbeit ist außer dem Verdienst noch eine gute Sache.

Meine Eltern sind endlich mal mit mir zufrieden. Ma findet es ganz toll, dass ich endlich mal den Ernst des Lebens kennenlerne. Ich brauche jetzt wenigstens zu Hause nichts tun, sonst musste ich in den Ferien immer putzen, stopfen und so etwas.

Ja, das wäre eigentlich alles, was ich über die Arbeit sagen wollte. Ich hoffe, dass die Zeit schnell vergeht und ich bald faulenzen kann. Und das Babsy wieder kommt und wir was unternehmen können. Babsy ist nämlich irgendwo in Bayern.

Bei irgendwelchen Verwandten oder Bekannten. Ich weiß nicht genau, das alte Miststück hat noch nicht geschrieben. Ich hoffe, dass sie endlich wieder kommt und mir mal Mick zeigt, das muss ja ein toller Typ sein. Babsy hat mir doch schon so viel von ihm erzählt.

Sie geht schon ewig mit ihm und ich kenne ihn noch noch gar nicht. Das finde ich irgendwie blöd. Ich will doch wissen, mit wem meine Freundin sich herumtreibt. Außerdem bin ich schrecklich neugierig.

Gerade stört mich Markus, hat man endlich einen freien Tag, da wird man schon wieder gebraucht. Mama lässt höflich anfragen, ob ich vielleicht mein Fenster putzen könnte. Ob die wohl spinnt? Das ist doch noch ganz sauber, ich kann prima durch gucken. Aber um des lieben Friedens willen werde ich es tun.

Also dann, lieber Markus, würdest du wohl so freundlich sein und mir Eimer und Lappen holen? Damit ich Zeit sparen kann, ich will doch heute noch so viel aufschreiben, weil ich Trottel es ja immer dabei gelassen habe und Wichtiges nicht vergessen will. Da ist der Heini ja schon wieder. Also denn, viel Vergnügen wünsche ich mir, aber vorher noch schnell die Platte umdrehen. We were all wounded at Wounded Knee. Ach ist das schön.

Hach, endlich fertig! Mann war das eine Schufterei. Aber Mütter haben wohl immer die Auffassung, dass eine Wohnung vor Sauberkeit blitzen muss, so ein Schwachsinn! Als wenn man sich in einem Zimmer mit geputztem Fenster wohler fühlen würde als mit einem schmutzigen.

Letzte Woche war im Jugendheim eine Filmvorführung. Ich war mit Gerda und Moni da. Das heißt eigentlich nur mit Gerda. Moni hat ihren neuen Freund Andy getroffen. Der blöde Werner ist endlich abgeschrieben.

Der Film Rosemaries Baby war unheimlich gut. Inhalt: Junges Ehepaar, Kinderwunsch, sie erwartet dann ein Kind vom Teufel! Weiß das aber nicht. Hexen! Ach, scheiße, ich wollte Ihnen gerne den Film erzählen, aber es ist zu kompliziert.

Und wissen Sie was? Ich rauche wieder! Es ist zum Kotzen! Ich wollte doch aufhören! Aber ich pack's nicht. Es schmeckt einfach zu gut. Wäre ich bloß nicht erst angefangen. Bin ich etwa schon süchtig? Ach, Quatsch. Und ich saufe neuerdings so gern.

Ich find's herrlich, angetrunken zu sein. Bier und Weinbrand und alles. Schlimm, nicht? Inzwischen haben meine Eltern auch spitzgekriegt, dass ich rauche. Es gab ganz schön Terror. Aber die können mich mal. Pa denkt ja nur an das Geld, Ma dagegen an meine Gesundheit. Ach, was soll's? Natürlich, ausgerechnet jetzt ruft man mich zum Abendessen. Also, tschüss, bis bald.

(Fortsetzung folgt)Teenager in der Hippiezeit - Folge verpasst?

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