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Bieten Städte wirklich ein besseres Leben für alle?

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CITY
Colleen Cahill / Design Pics via Getty Images
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Autoren: Monica Brezzi, Soo-Jin Kim und Paolo Veneri - OECD

Städte der Milliardäre und Bettler

Städte schaffen wirtschaftliches Wachstum und steigern die Lebensqualität ihrer Bewohner. Sie können aber auch zu Ungleichheitsfallen werden. Nicht alle Städte haben es geschafft, ihre Einwohner gleichmäßig am gewachsenen Wohlstand teilhaben zu lassen, sagt die neue OECD-Studie Making Cities Work for All: Data and Actions for Inclusive Growth.

Urbane Räume bieten sowohl Milliardären als auch Bettlern ein Zuhause. Insgesamt zeigen höhere Ungleichheitsraten, als dies im jeweiligen nationalen Durchschnitt der Fall ist. Nach dem Gini-Koeffizient, der Ungleichheit auf einer Skala von 0 bis 1 misst (von vollkommener Gleichheit bis zur vollkommenen Ungleichheit), zeigten 63% der untersuchten Städte eine höhere Ungleichheitsrate als der jeweilige nationale Durchschnitt (Schaubild 1).

In vielen Großstädten sind Einkommen ungleicher verteilt als im Landesdurchschnitt

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Gini-Koeffizient für Haushaltseinkommen in städtischen Ballungsräumen

In den letzten 12 Jahren konnten viele Städte ihr Pro-Kopf-Einkommen (Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt oder BIP) steigern und dabei immer auch größere Teile ihrer Bevölkerung in Erwerbstätigkeit einbeziehen. Dies gilt auch für viele deutsche Städte, wie zum Beispiel Hannover, Berlin und Leipzig (Schaubild 2).

Für andere Städte in OECD-Mitgliedsländern ist dieser Weg holpriger. Manche, wie Posen in Polen oder Bratislava in der Slowakischen Republik, steigerten zwar ihr Pro-Kopf-BIP, aber minderten die Erwerbsbeteiligung. Andere Städte, wie Catania in Italien, mussten sowohl eine Minderung des Pro-Kopf-Einkommens als auch der Erwerbsquote verzeichnen.

Welche Städte wachsen und halten ihre Bewohner auf dem Arbeitsmarkt?

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Pro-Kopf-BIP Wachstum und Veränderung der Erwerbsbeteiligung in den städtischen Gebieten der OECD-Staaten (in Europa), 2000-13

Warum kann das zu einem Problem werden?

Wenn Menschen beim wirtschaftlichen Wachstum zurückgelassen werden, wird das in der Aufteilung von Städten in „nur reiche" und „nur arme" Viertel besonders sichtbar. In den Städten Kanadas, Frankreichs und den Vereinigten Staaten ist es am wahrscheinlichsten, dass Reiche in ihren Vierteln unter sich bleiben.

In Dänemark und den Niederlanden betrifft die Trennung nach Einkommen vor allem die armen Haushalte. Auch einige der großen deutschen Städte zeigen starke Ausprägungen von Einkommenssegregation. Zum Beispiel bewegt sich der Anteil von Sozialhilfeempfängern innerhalb von Stadtvierteln in Köln zwischen 1% und 33% und in Hamburg zwischen 0.2% bis 27%

Ein gewisses Ausmaß sozialer Segregation findet sich in allen Städten, ohne unbedingt ein Problem darzustellen. Problematisch wird es erst dann, wenn die Trennung die Aussicht der benachteiligten Bewohner auf ein besseres Leben erstickt. Das behindert das Potenzial von Städten, die wirtschaftliche und soziale Mobilität zu fördern.

Menschen, die in Städten leben haben üblicherweise eine größere Chance, ihr Einkommen zu steigern, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft. In Kanada und den Vereinigten Staaten gibt es zwischen dem zukünftigen Einkommen von Stadtbewohnern und dem Einkommen ihrer Eltern eine weniger starke Korrelation als in ländlichen Gegenden.

Eine Trendwende herbeiführen und alle Stadtbewohner an Bord holen

Allerdings geht dieses Potenzial verloren, wenn Menschen eingeschlossen in benachteiligten Stadtteilen leben, in denen der Zugang zu hochwertigen Wohnungen, Arbeit und öffentlichen Dienstleistungen erschwert ist. In einem benachteiligten Stadtteil aufzuwachsen, vermindert die Einkommensperspektiven.

Wie kann man eine Trendwende herbeiführen und alle Stadtbewohner an Bord holen?
Die OECD-Daten legen nahe, dass Städte immer ungleicher werden, je größer sie werden. 2050 wird fast 70% der Weltbevölkerung in Städten leben. Schon heute sind es um die 50%. Mit mehr und mehr Menschen in Städten, vor allem in Asien und Afrika, muss sichergestellt werden, dass Städte nicht zu Horten der Ungleichheit werden.

Das erfordert, die Art und Weise zu überdenken, wie Städte funktionieren. Die Studie Making Cities Work for All zeigt fünf politische Prioritäten auf: die Gewinnung von hochwertigen Arbeitsplätzen für alle durch die Förderung von Arbeitsplatzschaffung in Industriezweigen mit Zukunftsperspektive und die Integration besonders gefährdeter Gruppen (z.B. neue Zuwanderer, junge Menschen und Frauen) in den Arbeitsmarkt; die Schaffung eines gerechten Zugangs zu Bildung durch Investitionen in frühkindliche Förderprogramme und Unterstützung für berufliche Bildung; die Stärkung eines integrativen Wohnungsmarktes mit zielgerichteten Zuschüssen und weniger regulatorischen Schranken; die Bereitstellung von einfachen Transportmöglichkeiten, um alle sozialen Gruppen mit ihren Arbeitsplätzen, Bildungsstätten und anderen öffentlichen Dienstleistungen zu verbinden; und die Förderung eines gerechten Zugangs zu Gesundheitsversorgung und Umweltgütern.

Keine Institution kann das alleine bewerkstelligen

Diese Strategien sind komplex und wirken sich auf verschiedene Lebensbereiche aus. Ihre Umsetzung erfordert eine breite Beteiligung. Viele große Städte in OECD-Staaten haben sich mit ihren Nachbarn zusammengeschlossen, um gemeinsam in wirtschaftliche Entwicklung, Flächennutzung, Transport und andere strategische Kompetenzen zu investieren.

Laut OECD-Daten steigt die Ungleichheit und die Segregation in einer Stadt mit der Anzahl der Gemeinden ist, die zu der Stadt gehören. Gemeinschaftlich agierende institutionelle Systeme könnten also die Ghettoisierung reduzieren und die soziale Eingliederung fördern.

Zusammen mit der amerikanischen Ford Stiftung hat die OECD im März 2016 eine globale Koalition von Bürgermeistern für integratives Wachstum gegründet. Um die 50 Bürgermeister haben den New Yorker Vorschlag für integratives Wachstum in Städten unterzeichnet und werden nächsten Monat zusammenkommen, um den Pariser Aktionsplan zu verabschieden.

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Der Bericht Making Cities Work for All und die Bürgermeisterinitiative tragen zu einem noch nie dagewesenen globalen Engagement bei, das Städte durch die Umsetzung der Neuen Urbanen Agenda, die Mitte Oktober in Quito gefeiert wurde, nachhaltiger, inklusiver und widerstandsfähiger machen will.

Dafür müssen nun Partnerschaften entstehen, zwischen den verschiedenen Regierungsebenen- lokal, föderal oder national - sowie innerhalb der Gesellschaft als Ganzes - mit Unternehmen, Schulen und Nichtregierungsorganisationen. Nur dann können Städte zu einem Ort werden, in dem heutige und zukünftige Generationen ihr Potenzial voll ausschöpfen können.

Übersetzung: Johanna Meier - OECD

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