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KREUZBERG
Adam Berry via Getty Images
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Die Frau als Gesprächsthema beschäftigt uns sehr. Sie soll es auch. Die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist eine wesentliche neben vielen anderen Facetten der Diskriminierung, gegen die die Menschen zu kämpfen haben.

Seit den Anfängen der Menschheit wird die Frau diskriminiert. In letzter Zeit ist sie wieder ein Thema geworden.

Dieses Mal jedoch geschickt verpackt unter dem Deckmantel der religiösen und der kulturellen Identität, Unterdrückung der Frau, Willenlosigkeit und solche weiteren, für mich oft leere und nebensächliche Phrasen. Der Frau wird ihr Frau-Sein damit quasi aberkannt, dass sie eben das Kopftuch trägt. Es geht um eine Muslima mit Kopftuch.

Verschiedene Urteile werden gefällt, Gesetze werden erlassen, sinnlose Debatten werden geführt, Kopftuchträgerinnen werden angespuckt, schmücken die Zeitungen und werden gefragt, warum sie ein Kopftuch tragen.

Fast alle Antworten auf diese Frage werden zugelassen, die einen eigenen Willen nicht im Vordergrund stellen. In anderen Worten: Eine Kopftuchträgerin löge, wenn sie behauptete, sie tut es aus eigenem Willen.

Mal angenommen, sie tut es nicht aus eigenem Willen, sondern wurde von ihrem Ehemann dazu gezwungen. Dann ist sie sicherlich unterdrückt.

Wir als die großen Verfechter der Frauenfreiheit helfen ihr in diesem Fall damit, dass wir ein Gesetz erlassen, welches ihr verbietet, in der Schule, im öffentlichen Dienst, in Unternehmen, in angesehenen Jobs, im Kundenzentrum das Kopftuch zu tragen. Und dann lehnen wir uns entspannt zurück und hoffen, dass diese unterdrückte Frau, die trotz dieser enormen Unterdrückung durch den barbarischen Ehemann den Schritt zum Scheidungsgericht nicht wagt, nun endlich diesem Ehemann das neu erlassene Gesetz vor die Nase halten wird, um endlich das Kopftuch in der Schule, im öffentlichen Dienst, in Unternehmen, in angesehenen Jobs und im Kundenzentrum abzulegen.

Vielmehr wird der vermeintlich böse Ehemann diese Frau von solchen Stätten fernhalten. Somit haben wir etwas für unsere Wahrnehmung getan und diese unterdrückte Frau weiter in die Unterdrückung geschoben, per Gesetz. Ich frage mich nur, ob das bewusst so gestaltet wird?

Ist es denn so schwer, einer Frau das Recht ihrer Bekleidung anzuerkennen? Ist es denn unvorstellbar, eine Frau als eine Frau zu behandeln, wenn sie ein Kopftuch trägt und evtl. kein Deutsch spricht? Wird denn die Mutter eines „integrierten" Arztes, die der deutschen Sprache nicht mächtig ist und ein Kopftuch trägt, als nicht integriert betrachtet, obwohl sie 9 Kinder großzog, unter denen auch „fremde" Waisenkinder befanden?

Muss sie nun ihr Kopftuch ablegen, weil manche Schrägdenker dadurch die Wertegemeinschaft der sog. Freiheitsgesellschaft in Gefahr denken? Muss ihre Medizin studierende Tochter, später ihr Kopftuch ablegen, weil sie womöglich deswegen von vielen Chefärzten neutral formulierte Absagen erhalten wird?

Dass es die Kopftuchträgerinnen durch fehlende Chancengleichheit sowieso schwieriger haben, dann auch noch aus Lust und Laune auf eine offensichtliche aber nicht nachweisbare Art diskriminiert werden, ist kein Geheimnis.

Eine im Spiegel veröffentlichte Studie zeigte dies bereits. Je mehr wir über das Kopftuch debattieren, darüber diskutieren, die Pros und Contras sammeln, desto mehr vernachlässigen wir die Frau darin/darunter. Offenbar möchten wir ihre Geschichte nicht hören. Wir dementieren ihren Stolz, verneinen und unterschätzen ihren eigenen Willen.

All jene tun mir aus tiefster Verachtung Leid, die an dieser einzigartigen Wahrnehmungsstörung leiden, sie müssten den Frauen vorschreiben, was sie anzuziehen haben und was nicht.

Sogar meine 7-jährige Tochter weiß ganz genau, was sie anziehen möchte und keiner darf hier mitbestimmen.

In welcher Welt leben diese Hoheits-Dämlacks, die meinen, den selbstbewussten Damen der neuen Generation vorschreiben zu müssen, wo sie was zu tragen haben? Eine Christin, eine Atheistin, eine Jüdin und eine Muslima haben eins auf alle Fälle gemeinsam: Sie sehen sich alle als eine Frau an. Und ob sie mit oder ohne Kopftuch diskriminiert werden, es bleibt die älteste Sorte der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Und damit sollten wir in Deutschland am besten heute schon aufhören.

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