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Welchen Feminismus wollen wir leben?

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Marjan_Apostolovic via Getty Images
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Hallo, ich bin's: die Frau, von der in den letzten Tagen Fotos im Netz kursieren, auf denen steht „Gutmenschin rät Opfern: Die Vergewaltigung kann auch ein Erlebnis sein. Viel Spaß!"

DAS HABE ICH SO NIE GESAGT UND AUCH NICHT GESCHRIEBEN!

Das würde ich auch nicht so schreiben

Der Hintergrund für diese Fake News ist, dass ich am 1. Februar eine Lesung im taz-café aus meiner Kulturgeschichte der Vergewaltigung gemacht habe, auf der Betroffene von sexualisierter Gewalt darum gebeten haben, nicht als Opfer bezeichnet zu werden.

Sie haben daraufhin den Vorschlag gemacht „Erlebende sexualisierter Gewalt" genannt zu werden, weil dadurch eine Empathieverschiebung auf ihr Erleben stattfinden würde und die nächste Frage dann wäre: Wie hast du denn das Verbrechen erlebt? Als traumatisierend, als schrecklich etc. Und sie eben auch die Möglichkeit hätte zu sagen, sie hätten es durchlebt und nun hinter sich gelassen.

Mehr zum Thema: Ein Brief an den Mann, der versucht hat, mich zu vergewaltigen

Ich habe ihnen daraufhin zusammen mit einer anderen Autorin angeboten, mit meinem Namen für diesen Vorschlag einzustehen und in Absprache mit ihnen einen Artikel für die taz geschrieben.

Darin fordern wir natürlich nicht, dass der Begriff Erlebende nun den Begriff Opfer ersetzen sollte. Ganz im Gegenteil steht darin explizit „Selbstverständlich soll „Erlebende" andere Bezeichnungen nicht ersetzen. Wer sich als Opfer, Überlebende*r oder Be­trof­fe­ne*r wahrnimmt, hat jedes Recht sich auch so zu beschreiben!"

Auch geht es nicht darum, nun bei Gerichtsprozessen Opfer und Täter zu verwischen. Worum es geht, sind Selbstbezeichnungen von Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, im späteren Verlauf ihres Lebens.

Der Artikel wurde in der taz kontrovers diskutiert. Es gab einen Gegenartikel, in dem erklärt wurde, warum der Begriff Opfer wichtig ist. Einige Menschen schrieben mir und erkundigten sich, wie mein Vorschlag genau gemeint war. Und das wäre es gewesen.

Offener Brief der Störenfriedas ruft zum Boykott auf

Wahrscheinlich hätte niemand mehr darüber geredet, wenn daraufhin nicht die Störenfriedas mit einem offenen Brief zum Boykott aufgerufen hätten. Wobei nicht ganz klar ist, ob es ein Boykott gegen den Begriff Erlebende oder gegen mich sein sollte.

Mehr zum Thema: Ein offener Brief gegen die sprachliche Verharmlosung von sexueller Gewalt

Doch auch wenn es um den Begriff geht, wehrt er sich gegen Dinge, die ich nie gefordert habe. Der Artikel ist voller Falschzusammenfassung, angefangen dabei, dass ich Opfer durch Erlebende ersetzen wolle. Nein will ich nicht (siehe oben!)

Seitdem schreiben mir Menschen, die mich nicht kennen und nichts über mich wissen, und wünschen mir, dass ich vergewaltigt werde, weil sie Opfer schützen wollen. Wie kann das Schutz von Opfern sein?

Damit sind sie aber noch zurückhaltend. Viele führen aus, dass ich nicht nur vergewaltigt, sondern massenvergewaltigt werden solle. Und zwar von „ungewaschenen" Geflüchteten.

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Im Netz drohen Menschen mir mit Vergewaltigung

Es gibt inzwischen im Netz meine Adresse inklusive Telefonnummer - mit Vergewaltigungsaufrufen - schließlich sei ich ja attraktiv genug dafür oder nicht attraktiv genug dafür, da können sich die Menschen, die hier zu einem Verbrechen aufrufen nicht einigen. Dabei hat Vergewaltigung nichts mit Attraktivität zu tun!

Kommt nicht vorbei. Ich bin aus naheliegenden Gründen dort gerade gar nicht aufzufinden.

Zuerst einmal möchte ich mich bei allen Menschen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten, und sich von meinem Artikel vor den Kopf gestoßen gefühlt haben, entschuldigen. Ich wollte Vergewaltigung auf keinen Fall relativieren und halte sie auch nicht für ein amüsantes Erlebnis.

Die Störenfriedas denken dabei an „Erlebnispark". Es geht mir nicht darum, neutral einem Verbrechen gegenüber zu stehen, sondern den Betroffenen selbst die Definitionsmacht zu überlassen.

Denn es ist mir nach wie vor wichtig, dass die Bedürfnisse von Menschen, die nicht als Opfer bezeichnet werden, ernst genommen werden. Wenn mich eine Person bittet, dass ich ihn*sie als Erlebende bezeichnet, dann mache ich das.
Nun können wir darüber reden, ob Erlebende das Gelbe vom Ei ist oder ob wir einen besseren Vorschlag finden.

Wir können darüber sprechen, dass mein Artikel für die taz missverstanden werden konnte und ja auch missverstanden wurde. Es ist wichtig, dass wir für einander ein Korrektiv sind.

So fand zum Beispiel Hilal Sezgin meinen Vorschlag schlecht und hat das sachlich begründet - und mir persönlich gesagt, dass sie befürchtet, dass in dem Artikel die Schwere des Verbrechens nicht deutlich genug erkennbar ist. Das ist eine wichtige Kritik, die ich mir natürlich zu Herzen nehme.

Aber wir können nicht jeden Menschen, der eine Meinung äußert und einen Vorschlag macht, mit Boykottaufrufen und Shitstorms überziehen.

Welchen Feminismus wollen wir leben?

Die Störenfriedas sprechen nicht für alle Opfer. Weil Opfer nicht alle gleich sind. Ich spreche nicht für alle Opfer. Aber ich finde es wichtig, dass wir mit den Opfern sprechen. Und miteinander.

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