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In der Burka zur Schule

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
BURKA
mister matthew
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Wer mir flei├čig bei Snapchat folgt (matthew-mister), der hat es ja schon gesehen: Vergangenen Freitag war ich in Burka in der Schule und habe so ganz nebenbei das Wort 'Toleranz' neu kennengelernt. Eine Motto-Woche, die f├╝r mich im sozialen Experiment endete. Aber fangen wir erstmal von vorne an.

In etwa einer Woche geht bei mir die Pr├╝fungsphase los. Das ist die Zeit im Leben, in der man zwischen Schulbank und Schreibtisch zuhause pilgert. Anl├Ąsslich des bevorstehenden Abiturs, hat sich mein Jahrgang eine ganz raffinierte und lustige Idee ausgedacht. Eine Motto-Woche sollte es also sein, bei der man sich an unterschiedlichen Tagen zu vorher festgelegten Themen kleidet.

Montag: Kinderfasching
Dienstag: Assi
Mittwoch: 80/90er
Donnerstag: Zwilling
Freitag: L├Ąnder und Nationen

W├Ąhrend ich von Montag bis Donnerstag zwar mitmachte, aber nicht so recht in Fahrt gekommen bin, bl├╝hte ich am Freitag umso mehr auf.

Ich bin einfach in Burka in die Schule gegangen und sorgte damit nicht nur f├╝r verwunderte und aggressive Blicke, sondern lie├č gleichzeitig einen Puls zum Explodieren bringen. N├Ąmlich meinen.

Ich hab mir nat├╝rlich schon im Vorfeld gedacht, dass, wenn ich in Burka in die Schule gehe, die Blicke etwas anders ausfallen werden als sonst, sowohl in der Schule, als auch auf den Stra├čen.

Aber dass ich derart im optischen Mittelpunkt stehen w├╝rde, war mir nicht ganz klar. Also stieg ich Freitag fr├╝h, geh├╝llt in eine Burka, in die Stra├čenbahn und zog damit sofort die Blicke aller Fahrg├Ąste auf mich. Pl├Âtzlich auch Augenweide.

Ich erntete keine verst├Ąndlichen Blicke

Ein seltsames Gef├╝hl von Angst machte sich in mir breit, w├Ąhrend mein Puls durch die Decke schoss. Ein wirklich ekelhaftes Gef├╝hl. Im Mittelpunkt zu stehen - ok - aber so 'negativ' im Mittelpunkt stehen war dann doch ein Ticken zu krass.

Ich erntete keine verst├Ąndlichen Blicke. Absolut 0. Ich konnte den Gesichtern ablesen, dass sich die Personen sehr unwohl und bedroht in meiner Anwesenheit f├╝hlten. Die Blicke reichten von "oh Gott, wo hat denn hier eine Fl├╝chtlingsunterkunft aufgemacht?" bis hin zu "die Islamisierung des Abendlandes hat endg├╝ltig begonnen".

In der Stadt konnte ich dank Spiegelungen in Schaufenstern und Co. beobachten, wie die Leute mir nachgeschaut haben, als w├Ąre eine Person in Burka das Allerseltenste und Abartigste ├╝berhaupt.

Die Motto-Woche wurde ganz spontan zu einem modisch-gesellschaftlichen Selbstexperiment. Aus Spa├č wurde spontan politischer Ernst.

In der Summe erntete ich nur h├Ąmische, abwertende, stirnrunzelnde Blicke. Von Jung und Alt gleicherma├čen. In der Schule war ich, oder vielmehr mein Outfit, Gespr├Ąchsthema Nummer 1. Die einen freute es, w├Ąhrend es andere sichtlich ├Ąrgerte, fast schon anwiderte. Blicke sagen mehr als 1.000 Worte. Und auf einem Schulhof sogar 1 Million.

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Ich konnte somit nicht nur mir, sondern auch den Dresdnern und meinen Sch├╝lern zeigen, wie begrenzt offen ihre Toleranz doch ist. So wurden die "Fl├╝chtlings-Lover" ganz schnell zu Skeptikern. Letztendlich doch nur wegen eines Outfits, oder? Eines einfachen St├╝ckes Stoff.

Ich selbst m├Âchte mich als Mensch doch auch frei entfalten k├Ânnen

Das sehr pulstreibende Selbstexperiment zeigte mir, wie eng die Masse der Menschen doch denkt und wie weit sie doch mit ihren Klischees ist. So wurde ich doch ernsthaft gefragt, ob ich einen Sprengstoffg├╝rtel mit mir trage.

Mit der Aktion habe ich gegen das Verbot vom "Tragen eines Gesichtsschleiers in der Schule" versto├čen, welches am 25. April 2014 vom Bayrischen Verwaltungsgericht M├╝nchen verh├Ąngt wurde.

Und da frage ich mich nicht nur als Fashionblogger, sondern auch als Mensch, inwieweit der Staat in die "Mode" eines Menschen vordringen darf. Letztendlich - so finde ich - widerspricht dieses genannte Verbot dem Grundrecht der Religionsfreiheit (Artikel 4, Absatz 1,2: "(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi├Âsen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich" und "(2) Die ungest├Ârte Religionsaus├╝bung wird gew├Ąhrleistet").

Ich selbst m├Âchte mich als Mensch doch auch frei entfalten k├Ânnen und selbst entscheiden wollen, was ich anziehe und was nicht. Also sollten sich doch erst recht Menschen frei so kleiden k├Ânnen, wie sie wollen, wenn noch ein Glaube dahintersteckt.

Viele sehen die Burka als Unterdr├╝ckung der Frau, was in unsere emanzipierte Welt nicht passt. Jedoch erz├Ąhlt den Burka-Kritikern niemand, dass die Frauen zum Teil auch freiwillig die Burkas tragen. Immerhin ist sie Teil ihres Glaubens.

Wieso also eine Vorschrift ├╝ber das Tragen oder Nicht-Tragen von Burkas verh├Ąngen? Belgien, Spanien, Frankreich und die Niederlande haben bereits ein komplettes Burka-Verbot-Gesetz, was ich doch sehr "pers├Ânlichkeitsbeschneidend" finde.

Letztendlich hoffe ich, dass mein Selbstexperiment einige zum ├ťberdenken der Burka-Situationen anregt. Au├čerdem: In Burka zu sehen gab es mich bereits in diesem Beitrag. Das war vielleicht was, aber lest selbst. Wer findet mich auf dem Foto?

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog.

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