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Die leidige Debatte um Social Media als Heilsbringer oder Teufelszeug

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Nein, das ist kein weiterer Artikel, der dieses Social Media hypen will. Und auch nicht kaputt reden. Dieser Artikel soll vielmehr ein Appell für mehr Verantwortung des Einzelnen sein - und auch ein Stück Appell, das „Netz" als das zu begreifen, was es ist! Denn ganz egal, wie man persönlich dazu steht, „Social Media" hat einige fundamentale Dinge bewegt, direkt oder indirekt: Wir haben deutlich mehr Transparenz (Wikileaks und Edward Snowden), Menschen organisieren sich (Arabischer Frühling), wir haben eine enorm große Freiheit in der Informationsbeschaffung und vieles, vieles mehr. Aber ja, das Netz macht uns auch Probleme: Denn genau diese Transparenz kann sich auch gegen den Bürger wenden (PRISM, Tempora), Menschen organisieren sich auch um fragwürdiges zu tun (Mobbing, Shitstorms) und wir leiden unter Informationsüberflutung. Aber eines hat uns das Netz mit Sicherheit gegeben: Die Möglichkeit, die Welt mit zu gestalten! Es braucht allerdings die Erkenntnis und den Mut dazu.

Gegen die Herrschaft der Algorithmen

Nun bekommen aber diejenigen, die das soziale Netz schon immer als Hort der Belanglosigkeiten und der Datenkraken gesehen haben neue, höchst dekorierte und intellektuelle Nahrung: In den vergangenen Wochen hat der Netztheoretiker Evgeny Morozow eine PR Tour durch Deutschland gemacht und dabei mit einer Menge Medien gesprochen. Mit dem Spiegel, dem Deutschlandradio, der FAZ und vielen mehr. Und er haut auf den Busch. Er bläst mit seiner Kritik in ein Horn, in das auch schon viele andere geblasen haben, unter anderem Miriam Meckel in ihrem sehr spannenden Vortrag „This object can not be liked". Es geht um die Herrschaft der Algorithmen und der Technik. Morozow meint, dass wir inzwischen in einer Gesellschaft leben, die beinahe jede Problemlösung ins Netz verlagere. Und er kritisiert, dass die Technik und undurchsichtige Algorithmen vorgäben, wie wir unsere Gesellschaft gestalten. Es lohnt sich, die verlinkten Quellen zu lesen, da sind viele Beispiele enthalten, die hier den Rahmen sprengen würden.

Lohnt es sich nun, diesen Gedanken zu folgen?

Morozow nennt viele absurde Beispiele von „Sozialkontrolle", denen sich die Menschen unterwerfen, beispielsweise wenn ein Mülleimer an Facebook meldet, wenn der Müll regelkonform getrennt wurde - oder auch nicht. Und er malt ein düsteres Bild an die Wand, nach dem man schon verdächtig wird, wenn man an dieser Sozialkontrolle nicht teilnimmt, weil das ein Indiz dafür sei, dass man etwas zu verbergen habe. Aber Morozow unterliegt einem Zirkelschluss. Auf der einen Seite wünscht er sich, dass wir die Werte unserer Gesellschaft gemeinschaftlich aushandeln, auf der anderen Seite betrachtet er die Menschen als Opfer! Er hat Recht, es gibt „Opfer". Nur er verdreht die Kausalität. Die Wahrheit ist: Wer Opfer ist, der ist das mit oder ohne Technik. Aber wer Verantwortung übernimmt, wird die mit Hilfe des Netzes besser wahrnehmen können, weil er teilnehmen und mit gestalten kann!

Entscheidet Euch selbst, was Ihr sein wollt: Verantwortlich oder Opfer!

Es geht eigentlich gar nicht um Morozow. Es geht um ein Grundprinzip. Morozow ist nur ein Aufhänger. Das hier ist vielmehr ein Appell! Entweder die Menschen übernehmen Verantwortung (dann können sie auch mit der Technik umgehen) oder sie sind Opfer. Es gibt Menschen, welche „das Internet als Heilsbringer" verklären. So what! Und es gibt Menschen, die „Probleme mit Technik lösen zu wollen". Ja und? Die Frage ist: Was machen wir damit? Nutzen wir das als Alibi, um Technik zurückzudrängen? Oder hilft es uns, Extreme zu vermeiden. Morozow scheint ein Opfer seines eigenen Denkens zu sein. Er ist gefangen in einer Filter Bubble - wer sich im Silicon Valley bewegt mag tatsächlich denken, alle Menschen wären „technikgläubig". Und so sieht Morozow die Menschen als potenzielle Opfer der Technik und damit macht er sie auch zu solchen. Aber er irrt. Wir sind keine Opfer. Oder nur, wenn wir uns zu ihnen machen. Oder uns machen lassen. Wer Argumentationen wir Morozow folgt, wird schon zum ersten Opfer - und will alle anderen mit hineinziehen.

Das Internet fördern oder verdammen?

Und so stellt sich die Frage, wie wir diese Vordenker für unsere eigene Agenda nutzen - oder missbrauchen. Geben wir den scheinbaren Technikjüngern Recht und bemühen uns um „mehr Internet"? Brauchen wir ein „Internetministerium" in Deutschland? Braucht jeder wirklich High-Speed-Zugang? Oder folgen wir den Kritikern und fordern, das Internet zurückdrängen? Müssen wir aufhören es zu fördern? Social Media kann die Gesellschaft besser machen. Aber nicht, weil Social Media Technik ist, sondern weil (und wenn) es den Einzelnen in Verantwortung zieht. Das Netz hat uns die Möglichkeit gegeben, die Welt mit zu gestalten! Und als das können wir es nutzen. Wer meint, das Netz würde uns in unserer Freiheit einschränken, hat das Wesen des Netzes nicht verstanden. Der Weg, das Netz zu nutzen, ist es mit offenem Geist und mit Neugierde zu erforschen - und nicht es als Teufel zu verdammen.