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Köln ist überall

09/01/2016 18:53 CET | Aktualisiert 09/01/2017 11:12 CET
PeopleImages.com via Getty Images

Die sexuellen Übergriffe in Köln waren abscheulich und frauenverachtend. Und sie sind keine Ausnahme in Deutschland. Verbale und körperliche Belästigung sind trauriger Alltag für Frauen. Ob Samstags im Club, in der U-Bahn, auf den Straßen.

Jetzt melden sich Frauen zu Wort!

Wir wollen eure Meinungen, eure Geschichten, euren Aufschrei - gemeinsam machen wir den Tätern und auch der Politik klar, dass es so nicht weitergehen kann. Frauen dürfen in Deutschland nicht mehr Opfer sexueller Gewalt werden. Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de.

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Die Meldungen überschlagen sich, die Rufe nach dem Rechtsstaat werden immer lauter. Auf einmal ist sexuelle Gewalt ein Thema mit Top-Priorität, für das sich alle interessieren, auch die dezidierten Antifeministen und Konservativen, ganz so, als hätten es erst die Flüchtlinge in unsere Gesellschaft gebracht.

Die Herkunft der Täter von Köln wird zum Stein des Anstoßes gemacht, Köln zum Menetekel der deutschen Flüchtlingspolitik.

Dabei ist sexuelle Gewalt ein tiefverwurzelter und offen zur Schau gestellter Bestandteil unserer eigenen Gesellschaft und gehört fast zwangsläufig zum deutschen Frausein der Gegenwart.

Untrennbar verbunden mit der laschen Strafverfolgung sexueller Gewalt ist der weit verbreitete Sexismus, der als Teil männlicher Freiheit verteidigt wird. Sexismus hat viele Gesichter, er zeigt sich in der schlechteren Bezahlung von Frauen, in der Diskreditierung alleinerziehender Mütter, in sexistischer Werbung und der Relativierung der Gewalterfahrungen von Frauen.

Inszenierte Vergewaltigungen werden im deutschen Porno-Rap ebenso zelebriert wie auf den beliebtesten Porno-Seiten der Deutschen.

Es ist kein Zufall, dass alle Übergriffe der Silvesternacht in Städten geschahen, die über bekannte Rotlichtviertel oder Bordellszenen verfügen: Köln, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart.

Obwohl die offene Werbung für Prostitution eigentlich verboten ist, findet sie sich in eben jenen Städten doch, die entweder mit ihren „Teenies" oder mit „Flatrates" um Kunden buhlen. Prostitution ist kein Job wie jeder andere, sie ist institutionalisierte sexuelle Gewalt gegen Geld, überall in Deutschland legal verfügbar und sogar besteuert.

Deutschland hat darüber hinaus weltweit die zweitgrößte Pornoindustrie nach den USA, Analysen zeigen, dass es in Pornos nicht um Sex, sondern um verbale und körperliche Gewalt geht, die in den vergangenen Jahren immer weiter eskaliert wurde. Längst werden Koproduktionen mit der Sexindustrie auch im deutschen Privatfernsehen gesendet.

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Unverhohlener Frauenhass findet sich in den Kommentaren der Freierforen und auf den beliebten Pornoseiten - der deutsche Durchschnittsmann ist, zumindest wenn er sich unbeobachtet fühlt, häufig einer, der sich an sexueller Gewalt aufgeilt oder sie im Puff sogar selbst auslebt.

Diese Art des Sexismus haben wir bereitwillig als Teil unserer eigenen Gesellschaft akzeptiert, die Freier und Pornoschauer sind unsere eigenen Ehemänner, Brüder, Freunde und Kollegen. Die wenigsten Frauen aber machen sich Gedanken darüber, was der Konsum dieser Bilder sexualisierter Gewalt mit dem Frauenbild der Männer macht. Glauben wir ernsthaft, sie könnten jederzeit zwischen ihren Kolleginnen und Ehefrauen und den Frauen in den Laufhäusern und auf den Bildschirmen unterscheiden? Die eine ebenbürtig, die andere eben nur Fickstück?

Vergewaltigung ist ein nahezu straffreies Verbrechen

Jahrzehntelang hat die Politik die Opfer sexueller Gewalt im Stich gelassen. Wie viele Frauen in Deutschland jedes Jahr Opfer von sexueller Gewalt werden, ist unbekannt, die Dunkelziffer sehr hoch. Das liegt daran, dass die Anzeige ein für die Opfer sehr demütigendes Verfahren ist.

Beispielsweise müssen sie - nicht der Täter - ein Glaubwürdigkeitsgutachten bestehen, das darüber entscheidet, ob man ihrer Geschichte überhaupt Glauben schenkt und die Anzeige weiter verfolgt. Strafbar waren Vergewaltigungen bislang nur in Extremfällen, sexuelle Belästigung als Straftatbestand existiert in Deutschland nicht einmal.

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Angeblich ohne Zusammenhang mit den Ereignissen von Köln haben Justizminister Maas und das Kanzleramt nun den Weg frei gemacht für eine Neuregelung des Vergewaltigungsparagrafen. Von allen je angezeigten Tätern werden nur 8,4 Prozent überhaupt verurteilt, die meisten zu Bewährungsstrafen.

Damit ist Vergewaltigung in Deutschland ein nahezu straffreies Verbrechen. Beratungsangebote sind rar, Traumatherapien teuer und so gut wie nicht zu bekommen. Opfer sexueller Gewalt sind in Deutschland auf sich allein gestellt.

Rechtsfreie Räume gibt es längst

Wenn nun aber Fremde nach Deutschland kommen, solche, die ohnehin nur misstrauisch geduldet werden, und die es dann wagen, die deutschen Frauen anzutatschen, dann ist die Empörung groß. Der Islam ist schuld und sein Frauenbild und überhaupt sind die doch alle nicht zivilisiert.

Wie zivilisiert ist es, Frauen aus den Armenhäusern der Welt in unseren Puffs zu missbrauchen?

Es wird davon gesprochen, dass es in Deutschland keine „rechtsfreien" Räume geben darf - dabei verwandeln Fußballfans zahlreiche deutsche Städte während der Fußballsaison wöchentlich in eben solche.

Hinter der scheinbaren Sorge um die Frauenrechte schimmert altbekannter Nationalismus hervor: wenn deutsche Männer Frauen jeder Herkunft betatschen ist alles ok, im schlimmsten Falle werden die Frauen zu hysterischen Zicken erklärt, bei fremden und dann noch muslimischen Männern aber, ja, da hört der Spaß auf! Um die Frauen, um die Opfer, geht es bei all dem nicht.

Frauen kommen in unserem Alltag viel zu oft nur als Dinge, als Waren vor.

Diese Entmenschlichung ebnet den Weg zu den alltäglichen Belästigungen, der jede von uns im Alltag ausgesetzt ist. Dazu braucht es nicht die Flüchtlinge oder gar den Islam. Ich selbst kann die Vorfälle, die ich in meinem Leben erlebt habe, kaum zählen.

Da ist mein Ausbilder bei einer renommierten deutschen Tageszeitung, der mich am ersten Tag befummelt, da ist der Taxifahrer, der mich angrabscht, als er merkt, dass ich getrunken habe, da ist der eine Chef, der die Tür abschließt und aufdringlich wird, da ist der nächste, der einen sexistischen Spruch nach dem anderen bringt, da ist der Fremde in der U-Bahn, der die Enge ausnutzt und mich anfasst, da sind die johlenden Horden auf einem Berliner Bahnhof, die mich und meine Freundinnen beschimpfen.

Ich bin in meinem Leben von Lehrern, Nachbarn, Fremden, Kollegen, Kommilitonen, Partnern, Ex-Partnern, Freunden, Familienvätern, Jugendlichen, Opas und Verwandten betatscht, belästigt und angefasst worden.

Ich bin eine deutsche Durchschnittsfrau, nicht erst #Aufschrei hat gezeigt, dass sexuelle Belästigung Teil der rites des passage für eine Frau in Deutschland ist. All das war lange vor Köln und lange vor der sogenannten Flüchtlingskrise.

Mehr zum Thema auf www.diestoerenfriedas.de

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