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Kompromisslos für Frauenrechte: Warum ich gerade wegen der Kritik Terre des Femmes beigetreten bin

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FRAUENRECHTE
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Diese Welt ist kein sicherer Ort für Mädchen. Seit 37 Jahren kämpft Terre des Femmes dafür, dass sich das ändert, in Deutschland, weltweit. 2000 Mitfrauen machen Terre des Femmes zur größten Frauenrechtsorganisation in Deutschland, mit weltweiten Projekten.

Die Erfolgsliste des Vereins ist beachtlich. Die Mitfrauen kämpfen gegen weibliche Genitalverstümmelung, sie unterstützen geflüchtete Frauen, Opfer sexueller und häuslicher Gewalt und sie kämpfen für ein Ende der Prostitution.

Gerade um letztere Position wurde 2014 intern heftig gerungen, doch letztlich blieb Terre des Femmes den eigenen Grundsätzen treu: Ein System, das Gewalt gegen Frauen immanent hervorbringt, ist nicht unterstützenswert, im Gegenteil, es muss bekämpft werden.

Ich habe zwei Töchter, eine von ihnen kommt jetzt in die Pubertät. Jeden Tag, wenn ich sie ansehe, wird mir klar, wie unendlich verletzlich sie sind, in einer Welt, in der so viele Gefahren lauern. Immer wieder spüre ich schmerzlich, dass ich viel eher bereit bin, meinen Sohn im gleichen Alter alleine mit dem Fahrrad irgendwohin fahren zu lassen, als meine Tochter, und dass ich auf diese Weise Diskriminierung reproduziere.

Ich mag Vereine nicht und auch keine Parteien. Ich finde die Mehrheitsprozesse anstrengend, die Machtkämpfe, die langwierigen Abstimmungsrunden, doch letztlich ist das der einzige Weg, demokratisch etwas zu bewegen. Aus diesem Grund habe ich gezögert, Terre des Femmes beizutreten.

Meine Ressourcen sind knapp und das Erste, was darunter leidet, ist mein Engagement für den Feminismus. Trotzdem bin ich gestern Terre des Femmes beigetreten. Der Grund dafür war der offene Brief einiger Frauen, die die Grundhaltung von Terre des Femmes, einschließlich der zu Prostitution, offen kritisieren und, um ihre Vorwürfe zu untermauern, auch gleich die Rassismuskarte ziehen und sich damit maximaler Aufmerksamkeit sicher sein können.

Bewirkt hat der Brief bei mir - und einigen anderen - allerdings etwas ganz anderes, als sich seine Verfasserinnen vermutlich gewünscht haben. Mir ist dadurch deutlich geworden, wie wichtig die Arbeit von Terre des Femmes ist und wie groß der Erfahrungsschatz und die Solidarität der Frauen dort, dass sie diese Positionen formulieren und vertreten - und zwar allen Angriffen zum Trotz.

Der Brief kommt daher als ein moralisch einwandfreies Bekenntnis gegen Rassismus und die Sorge vor dessen Zunahme. Wir wissen ja, mit dem Kampf gegen Rassismus kann man in Deutschland, anders als mit Frauenrechten, immer für ein paar Schlagzeilen sorgen, mit Feminismus nur, wenn man entweder besonders konform und hip ist oder aber es ordentlich Stress gibt.

Letzteres ist der Fall und da ließ sich die taz natürlich nicht lange bitten, darüber lange und breit zu berichten. Eine Stellungnahme von Terre des Femmes vermisste man indes in der taz, was die Frage nach der Gründlichkeit der journalistischen Arbeit aufwirft.
Die 24 Unterzeichnerinnen schreiben:

Wir befürchten, dass einige Positionen des Vereins sowie Äußerungen und Stellungnahmen einiger Vorstandsfrauen, zahlreiche Frauen* ausschließen, rassistische Ressentiments reproduzieren und rechtspopulistische Tendenzen in der Gesellschaft legitimieren.

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Konkret geht es ihnen um ein auf der letzten Mitfrauenversammlung beschlossenes Ja zum Kopftuchverbot, das ihnen zu sehr nach AfD schmeckt. Was für ein edler Kampf, wie heldenmütig von diesen Frauen, gerade in diesen Zeiten den rechtspopulistischen Tendenzen entgegenzutreten, der Beifall der Medien ist ihnen sicher. Und genau deshalb steht dieser Satz auch direkt am Anfang.

Wir denken, dass Kleidervorschriften auch in Zwangssituationen nicht helfen. Ein solches Verbot schürt anti-muslimischen Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung der betroffenen Mädchen. Es stigmatisiert die Eltern von Kopftuchträger*innen pauschal als Täter*innen, ihre Familien als "integrationsunwillig" und die Mädchen selbst als unselbstständig und unterdrückt.

Hier sind gleich mehrere Buzzwords untergebracht - „antimuslimischer Rassismus" und auch „Verbot" - was gleich an „Verbotsfeminismus" erinnert und der ist ja ganz böse, weil er so spaßbefreit ist. Man kann zu dem Verbot nun stehen, wie man will, was man aber hier deutlich sieht, ist, wie Dinge sprachlich verdreht werden.

Nicht das Verbot stigmatisiert, es ist das Kopftuch und die Einstellung der Eltern, wenn zum Beispiel die Mädchen dann nicht mehr mit auf Klassenfahrt dürfen oder am Schwimmunterricht teilnehmen. Ich frage mich immer, ob die Frauen, die solchen Blödsinn schreiben, in den letzten 10 Jahren mal an einer weiterführenden Schule waren, an der es einen hohen Migrationsanteil gibt.

Falls nicht - ich lade euch gerne ein und dann möchte ich mal euren Vorschlag dazu hören. Ich ahne schon, wie der aussieht. „Ob jemand unterdrückt ist oder nicht, entscheidet die Person selbst. Ich kenne Mädchen, die fühlen sich besonders befreit, wenn sie zu Hause sitzen während der Rest der Klasse auf Klassenfahrt ist." So in etwa?

Ich finde Bekleidungsvorschriften für Frauen und Mädchen auch schwierig. Aber: in einem Verein oder einer Partei laufen solche Sachen eben so, dass wenn man in einer mehrheitlichen Position nicht einverstanden ist, dann muss man darum kämpfen, mehr Menschen von der eigenen Position zu überzeugen.

Sich mit einem offenen Brief an die Presse zu wenden, ohne vorab das Gespräch zu suchen, zielt darauf ab, durch öffentlichen Druck von außen demokratische Prozesse zu unterwandern. Ich weiß nicht, welche Prozesse zur Mehrheit der Kopftuchgegnerinnen führten, prinzipiell denke ich aber, dass die Mitfrauen bei Terre des Femmes nach 30 Jahren Arbeit mit betroffenen Frauen aus ihrer Erfahrung heraus zu dieser Entscheidung gekommen sind.

Mich hält diese Entscheidung nicht davon ab, Terre des Femmes beizutreten und mit den Frauen das Gespräch zu ihrer Entscheidung zu suchen.

Dass die Widerrede gegen den Rassismus bestenfalls ein Vorwand für den offenen Brief ist, wird deutlich, wenn man sich die Liste der Unterzeichnerinnen anschaut, von denen einige in ihrer Fürsprache für Prostitution gerne mal eindeutig rassistisch werden.

Damit sind wir auch schon beim eigentlichen Motiv für den offenen Brief - der klaren Positionierung Terre des Femmes` gegen Sexkauf:

So werden Sexarbeiterinnen als psychisch geschädigt, unmündig und unfrei dargestellt. Wir wünschen uns differenziertere Debatten, die den vielfältigen Lebensrealitäten in der Prostitution gerecht werden.

Oh je! Da sitzen doch die, nach Lesart des offenen Briefes, privilegierten, leicht rassistisch angehauchten, weißen Feministinnen bei Terre des Femmes und urteilen über Sachen, von denen sie keine Ahnung haben.

Wie gut, dass jetzt der offene Brief kommt, um das zu verhindern! Applaus! Oder ist es nicht in Wirklichkeit ganz anders? Wissen die kampferprobten Frauen bei Terre des Femmes nicht vielmehr gerade durch ihre Arbeit, welches Leid Prostitution für die betroffenen Frauen bedeutet?

Sexarbeit ist ein gezielt von der Zuhälterlobby installierter Begriff mit dem Ziel, Prostitution zu verharmlosen.

Die Betroffenen werden auch nicht von Terre des Femmes geschädigt, sondern von der alltäglichen Gewalt der Freier gegen sie und dem daraus entstehenden Trauma. Terre des Femmes stellt sich gemäß ihres Mottos „Gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei" gegen diese Zustände - für mich ein weiterer Grund Terre des Femmes zu unterstützen.

Prostitution ist keine Arbeit, sondern Gewalt. Wer das Gegenteil behauptet, bereitet das Feld für Zuhälter, ausbeuterische Zustände, demütigende Freier und tiefe Traumatisierung der Frauen; der blendet aus, dass die meisten Frauen weder in die Prostitution noch in ihr bleiben möchten und dass Prostitution vor allem von armen, migrantischen und ungebildeten Frauen ausgeübt wird.

Nachdem sich in der letzten Zeit die Berichte über Morde an Prostitutionen und die immanente Gewalt mehren, wird die Position „Sexarbeit ist Arbeit" immer weniger haltbar, was vermutlich auch zu solchen Verzweiflungstaten wie dem Masseneintritt bei Terre des Femmes und dem offenen Brief führt.

Wir bedauern die (seit dem 21. Mai 2017 per Beschluss manifestierte) sprachliche und faktische Ausgrenzung von trans-, inter- und anderen Frauen*,die sich nicht in das auf Mann und Frau beschränkte binäre Geschlechtersystem eingliedern können oder möchten.

Was? Terre des Femmes setzt sich doch wirklich seinem Namen und Grundsätzen gemäß nur für Frauen ein? Na, prima! Noch ein Grund mehr, Terre des Femmes zu unterstützen, nachdem Frauen überall nur noch mit Sternchen auftreten dürfen und zugunsten anderer „Geschlechteridentitäten" immer mehr in den Hintergrund treten.

Sobald nämlich, wie oben gefordert, all diese Identitäten inkludiert werden, ist der nächste Schritt, dass Frauen weder über Vulvas noch über ihre Menstruation noch über sonstige Dinge, die Frausein nun einmal ausmacht, sprechen dürfen, denn das ist dann cissexistisch und transphob. Ich finde den Beschluss von Terre des Femmes unheimlich mutig und ein wichtiges Signal.

Das biologische Geschlecht einer Frau ist die Grundlage ihrer Unterdrückung und deshalb von Bedeutung. Es ist keine Identität, die man sich wie ein Fashion Item umhängt oder für sich beansprucht.

Feministische Räume und Festivals werden der Reihe nach zerstört, weil sie nicht inklusiv genug seien (aktuelles Beispiel: Das Lady*fest in Heidelberg). Wer verstehen möchte, warum es dabei nicht um die Diskriminierung von Transpersonen geht, sondern vielmehr um den Schutz hart errungener Frauenrechte, der ist eingeladen, sich anzuhören, worum es bei der Debatte geht.

Es wurden über 30 Anträge auf Mitgliedschaft im Verein, die kurz vor der Mitfrauenversammlung gestellt wurden, nicht zugelassen. Die Begründung war, dass dies die Mehrheitsverhältnisse hätte ändern können. Wir erwarten von TERRE DES FEMMES als basisdemokratischen Verein, dass solche Ausnahmeregelungen abgestimmt und im Vorfeld bekannt gemacht und nicht erst auf Rückfrage mehrerer Frauen eingeräumt werden.

Aha. Ging es nicht gerade um eine Lehrstunde in demokratischem Verhalten? Wie demokratisch, wie fair ist es, einem gewachsenen Verein mit vielen ehrenamtlich engagierten Frauen, den es seit über 30 Jahren gibt, kurz vor der Mitfrauenversammlung beizutreten, um die bestehenden Positionen zu unterwandern und wenn das dann nicht klappt, sich bei der Presse zu beschweren und das Buzzword-Bullshit-Bingo zu spielen? Vor allem wird klar, wenn man sich die Liste der Unterzeichnerinnen anschaut, dass viele von ihnen schon lange auf der Seite der Pro-Sexarbeit-Vertreter stehen und aktiv dabei sind.

Ist die Verzweiflung dort inzwischen wirklich schon so groß, dass man eine der größten Frauenorganisationen Deutschlands zu unterwandern versucht und gar eine „feindliche Übernahme" organisiert, um die Positionen im eigenen Sinne zu verändern?

Und was sagt das über die eigenen Positionen aus, wenn diese offenbar nicht überzeugend genug sind und deshalb auf solche Tricks ausgewichen werden muss? Kann es vielleicht daran liegen, dass die Mitfrauen bei Terre des Femmes durch ihre jahrzehntelange Erfahrung einfach wissen, was Frauenrechte sind und was nicht? Dass das Recht auf Prostitution das Recht der Freier auf Sexkauf ist? Dass das Kopftuch nicht einfach ein Kleidungsstück ist? Dass es etwas bedeutet als Frau geboren zu sein?

Als erfragt wurde, warum die Geschäftsführerin ohne weitere Rücksprache im Verein einen offenen Brief unterzeichnet hat, der zur Hetze und Bedrohung der Autorin und Feministin Mithu Sanyal führte, wurde der Vortragenden das Mikrofon entzogen und die Konfrontation des Vorstands durch Zwischenrufe und persönliche Angriffe von Seiten einiger Mitfrauen beendet. Von einer anderen Mitfrau wurde kritisiert, dass dem Vorstand in der Aussprache überhaupt kritische Fragen gestellt wurden.

So so. Der offene Brief an Mithu Sanyal, der von der Vorsitzenden von Terre des Femmes unterschrieben wurde, führte also zu Bedrohung und Hetze gegen Mithu Sanyal? Wie bitte? Wird da gerade behauptet, die Kritik am Begriff „Erlebende" habe darauf abgezielt, dass rechte Hetzer Frau Sanyal Vergewaltigungen wünschen?

Waren es nicht vielmehr die Unterzeichnerinnen des Briefes an Sanyal, die als erste dem rechten Mob entgegentraten? Und hat nicht Frau Sanyal die rechte Hetze genutzt, um den offenen Brief an sie zu diskreditieren und einer inhaltichen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, auch wenn viele betroffene Frauen darunter waren? Wie war das denn gerade mit den demokratischen Prozessen? Die Unterschrift des Vorstands von Terre des Femmes unter dem offenen Brief an Mithu Sanyal war unendlich mutig und wichtig und hat sehr vielen Frauen, auch außerhalb von Terre des Femmes viel bedeutet, die sich durch die Debatte um „Erlebende" verletzt fühlten. Für mich noch ein Grund mehr, Terre des Femmes in Zukunft tatkräftig zu unterstützen.

Auch ich habe den offenen Brief damals unterzeichnet und ich erinnere mich noch an das überwältigende Gefühl von Wut, als die berechtigte Kritik an dem unsäglichen Begriff „Erlebende" von den vor allem in den sozialen Netzwerken, aber vor allem auch in den Medien dauerpräsenten Vorzeigefeministinnen abgetan wurde und die Medien, ja, auch die taz, völlig darin versagten, diese Debatte zu begleiten.

Letztlich war es keine Debatte, es war eine hässliche Schlammschlacht, in der die Gefühle vieler Betroffener verletzt wurden und der Feminismus in seiner Gesamtheit Schaden genommen hat, sie zeigte aber auch, dass die Trennung zwischen dem hippen Hauptsachfeminismus im Netz und den Frauen, die wirklich engagiert und auf der Straße für Frauenrechte kämpfen, immer schärfer wird und es deshalb umso bedeutender ist, dass Terre des Femmes dennoch auch an unbequemen Positionen festhält.

Ich ahne, was die 24 Unterzeichnerinnen des offene Briefes beabsichtigten. Es ist schief gegangen. Ihr offener Brief wurde zu einer gelungenen PR-Aktion für Terre des Femmes, die den Mut haben, auch in schwierigen Zeiten und mit viel Gegenwind für die Rechte von Frauen und Mädchen einzutreten und klar Partei zu ergreifen.

Mir haben am Wochenende viele Frauen gesagt, sie überlegen, bei Terre des Femmes einzutreten und ich hoffe, sie tun es.

Bereits der offene Brief an Mithu Sanyal zeigte damals, wie groß die Solidarität von Frauen untereinander ist, eine Solidarität, die nicht gerne gesehen wird, die aber so viel Hoffnung gibt, dass wir gemeinsam wirklich etwas verändern, für eine Welt ohne Gewalt an Frauen und Mädchen, ohne Prostitution, ohne Diskriminierung. Dass die Unterzeichnerinnen sich maximal auf einen gemeinsamen Kampf gegen Sexismus einlassen wollen, spricht Bände.

Ich nenne das immer den „Funfeminismus". Klar kann man sich über sexistische Werbung aufregen und dabei ignorieren, wie unfassbar frauenverachtend Bordellanzeigen oder Freierforen sind. Oder man wendet sich den echten Problemen zu - wie Terre des Femmes.

Terre des Femmes kämpft für eine freiere und sichere Welt für alle Frauen, für mich und für meine Töchter. Deshalb bin ich stolz darauf, in Zukunft eine Mitfrau bei Terre des Femmes zu sein und danke den Verfasserinnen dafür, dass sie den ausschlaggebenden Impuls für den Eintritt gaben.

Der offene Brief und die angekündigten Austritte haben Terre des Femmes nicht geschadet, im Gegenteil. In Zukunft stehen noch mehr entschlossene Kräfte für den Kampf für Frauenrechte bereit.

(1) alle Zitate stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus dem offenen Brief an Terre des Femmes.

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