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Im Westen nichts Neues - Kriegsschauplatz Frauenkörper

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FRAUEN
dpa
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Erinnert ihr euch noch an das Sommerloch vom letzten Jahr? Damals ging es um das "Hotpants-Verbot an deutschen Schulen" - alle disktutierten mit und regten sich auf. Jetzt, ein Jahr später, geht es wieder um Frauenkörper und was sie tragen - diesmal um die Burka und den Burkini. "Gesicht zeigen ist Teil unserer Kultur", hört man da von offizieller Seite und wundert sich, warum das offensichtlich nur für Frauen gilt, nicht aber für Polizisten auf Demonstrationen.

In allen Kommentarspalten, auf Facebook und in den Zeitungen selbst geht es nun hoch her, von "westlichen Werten" ist die Rede und von gewollter Provokation, als vorgestern eine Frau im Burkini von französischen Polizisten am Strand dazu gezwungen wurde, Kleidung abzulegen, vor ihrem weinenden Kind.

Parallel dazu wird Gina-Lisa Lohfink zu 20.000 Euro Strafe wegen Falschbeschuldigung verurteilt. Die Richterin erklärte, in dem Video, das übrigens von den Tätern selbst als "Vergewaltigungsvideo von Gina-Lisa Lohfink" kurz nach der Tat Journalisten angeboten wurde, wirke es, als "würde sie [Gina-Lisa Lohfink] posen" und außerdem "verhöhne" sie "echte Vergewaltigungsopfer".

Genau zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht Mithu Sanyal, Kulturwissenschaftlerin und Feministin, ihr Buch "Vergewaltigung - Aspekte eines Verbrechens", nachdem kurz zuvor schon Alice Schwarzers Buch "Der Schock" über die Silvesternacht die Bestsellerlisten gestürmt hat. Im Zusammenhang mit Gina-Lisas Fall und den Ereignissen der Silvesternacht wurde das Sexualstrafrecht überarbeitet - "Nein" soll demnach ab sofort auch wirklich "Nein" heißen.

Nur auf den ersten Blick stehen diese Ereignisse und die Reaktionen darauf in keinem Zusammenhang, tritt man einen Schritt zurück und unterzieht sie einer radikalfeministischen Analyse, so wird schnell deutlich, dass wir gerade Zeuge einer Entwicklung werden, die Grundlegendes über die Stellung von Frauen in westlichen Gesellschaften aufzeigt.

Kontrolle über den Körper der Frau: wichtiges Machtmittel im Patriarchat

Woher das Patriarchat kommt und worin es seine Ursache hat, darüber wird viel gestritten. Historisch ist unabweisbar, dass es in enger Verbindung mit der Entstehung des modernen Staates steht. Moderne Staatlichkeit, die ihre vielgerühmte Wurzeln in den zutiefst misogynen Gesellschaften des antiken Rom und des antiken Griechenland hat, beruht darauf, Frauen zunächst von der Teilhabe an der Gesellschaft auszuschließen, ihre Sexualität und ihre Reproduktionsmittel zu kontrollieren und anschließend einer Warenförmigkeit zu unterwerfen.

Die Besessenheit der Männer vom Uterus der Frau hängt mit der Sorge zusammen, seine Güter, sein Ruhm, könnten aufgrund der patrilinearen Vererbung einem Kuckuckskind anheim fallen. Das ist überhaupt das größte Problem von Männern: Sie können die Kinder, die sie doch so dringend brauchen, um einmal erhaltene Macht zu festigen, nicht selbst bekommen, sie benötigen den Körper der Frau dazu.

Deshalb ist Abtreibung in Deutschland nach wie vor verboten und deshalb werden die sogenannten "Väterrechte" aktuell staatlicherseits massiv ausgebaut. In den letzten 20 Jahren hat sich gezeigt, dass Frauen ihre Kinder, wenn auch prekär und unter großer Belastung, allein aufziehen können und damit dem Mann sein Recht auf sein Kind verwehren können - ein im Patriarchat unerhörter Vorgang.

Also wird rasch postuliert, wie wichtig der Vater für das Seelenleben des Kindes ist - ein Umstand, der noch nie in der Geschichte der Menschheit eine Rolle gespielt hat, und dem Vater uneingeschränkter Zugriff selbst auf Neugeborene und gegen den Willen der Mutter gewährt.

Frauenehre ist Männerehre

Um ganz sicher zu gehen, dass die verpartnerte oder geheiratete Frau nicht fremd geht, braucht es den Begriff der weiblichen Ehre, der sowohl im Islam als auch im Christentum (Stichwort "Marienverehrung") unablässig zelebriert wird. "Ehrenhaft" ist eine Frau nur, wenn sie keusch und treu ist, und natürlich jungfräulich in die Ehe geht.

Es ist aber nicht ihre Ehre, um die es ihr geht, denn Frauen als marginalisierte Gruppe haben überhaupt keinen Zugang zu einem solchen Attribut, es ist die Ehre des Mannes, die über ihren Unterleib verhandelt wird. Das macht einmal mehr deutlich, dass die Frau selbst hier zur Sache, zum Eigentum gemacht wird.

Freiheit für Frauen gibt es nicht, weder unter der Religion noch im Neoliberalismus

Nun hat das Christentum aufgrund der Säkularisierung in Europa einiges an Einfluss verloren, um seine Moralvorstellung kümmern sich nur noch wenige. Das bedeutet aber nicht, dass Frauen deshalb das große Los der Freiheit gezogen haben.

An die Stelle der religiösen Ordnung der Welt trat bei uns der Kapitalismus und im Zuge dessen auch die Warenförmigkeit der Frau, die uns am deutlichsten im Zusammenhang mit der Prostitution entgegen tritt, aber auch durch die allgegenwärtige Pornokultur. Pornokultur bedeutet, dass alle Frauen sich am Maßstab des Pornos messen lassen müssen - äußerlich und auch performativ.

Frauen wird von klein auf beigebracht, wie sie ihre Sexualität als Kapital einzusetzen haben, gerade von queerfeministischer und sogenannter "sexpositiver" Seite wird sogar erklärt, diese "Wiederaneignung" der Kontrolle über den eigenen Körper, das Inszenieren, sei ein Akt der Befreiung. Dabei wird einfach ausgeklammert, dass die Regeln für diesen Markt nicht von Frauen und auch nicht für Frauen gemacht werden, sondern in erster Linie von Männern.

Die ehrenhafte und die unehrenhafte Frau

Wo es die "ehrenhafte" Frau für die Reproduktion gibt, muss es die "unehrenhafte" für die Befriedigung sexueller Bedürfnisse geben, die Prostituierten, die sogenannten "Schlampen". Diese Frauen stehen Männern sexuell zur Verfügung, haben aber jeden Anspruch darauf verloren, innerhalb der Logik des Patriarchats als "Heiratsmaterial" oder gar "ehrenhaft" betrachtet zu werden.

Wie praktisch, dass dann von vermeintlich feministischer Seite erklärt wird, diese Dichothomie diene nicht der Unterdrückung der Frau, sondern müsse nur neu interpretiert werden, um auch für Frauen gewinnbringend zu sein. Die Queerfeministinnen überschlagen sich darin, den Ausbeutungscharakter und das Hierarchiegefälle in der Prostitution, die aber grundlegend auch in allen anderen heterogeschlechtlichen Beziehungen angelegt sind, durchzustreichen und umzudeuten.

Die schwedische Frauenrechtlerin Kajsa Ekis Ekmann hat aktuell dazu einen grandiosen Text geschrieben, von dem es leider noch keine deutsche Übersetzung gibt: "The modern john got himself a queer nanny" - der moderne Freier hat eine queerfeministische Nanny.

Darin macht sie deutlich, dass die Arbeit des Queerfeminismus in Bezug auf Prostitution in erster Linie dafür sorgt, Akzeptanz für den Freier zu bewirken, Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse werden in der Theorie zur "Choice", zur freien Wahl umgedeutet, wo es praktisch gar keine gibt, ob nun wirtschaftlich begründet oder in anderen Abhängigkeitsverhältnissen.

"Unehrenhafte" Frauen sind Freiwild

Eine Frau, die das beständige Narrativ der angeblichen sexuellen Befreiung annimmt, sich in Szene setzt, nackt, offensiv, sexuell aktiv, bestätigt nur, dass sie ihren Körper Ware feilbietet, sie kann damit aber für sich wenn überhaupt nur kurzfristigen monetären Gewinn herausschlagen, doch auch das wird ihr anschließend zum Nachteil ausgelegt.

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Sie verliert damit ihre "Ehrenhaftigkeit" und das ist keineswegs befreiend im Sinne vom Abschütteln überkommener Moralvorstellungen, es ist für sie brandgefährlich. Fortan nämlich ist sie Freiwild für jeden Mann, der sich an ihr vergehen möchte. Wie das funktioniert? Das Wiki "Sexindustry kills" dokumentiert seit Jahren die Fälle von Gewalt in der Prostitution und in der Pornoindustrie.

Wer sich durch die Fälle klickt, dem wird schnell klar, dass die Gewalt von Freiern an Prostituierten kein Zufall ist, sondern immanent mit der oben erwähnten Warenförmigkeit zusammenhängt. Wie sehr, konnte man jüngst im Fall der von einem Freier erstochenen Prostituierten "Linda" in Bad Mergentheim nachlesen. Die Kommentare in den einschlägigen Freierforen dazu waren eindeutig:

"was die Tat als solches angeht...also...da verwundert mich mehr, dass derartiges nicht öfters passiert. In dieser Angelegenheit bin ich vielleicht auch aus Erfahrung etwas kaltherzig, aber wenn ein Freier eine Nutte absticht, dann hat sie es sich vermutlich verdient.

Nutten die nicht nur Geld abzocken, sondern sich auch einen Spaß daraus machen mit den Gefühlen von "labilen" Männern zu spielen, spielen halt mit dem sprichwörtlichen Feuer.

Auch wenn das Feuer beim gemeinen Deutschen nicht sonderlich lodert und dieser eher im allgemeinen viel zu viel klaglos "einsteckt". Es sind jedoch nicht alle Deutschen so. Manchmal gibts auch aufs Maul...oder ein Messer zwischen die Rippen..."

(18.07.2016, AO Huren.to, zitiert nach Sexindustry Kills)

Gina-Lisa Lohfink ist keine Prostituierte, ihre Inszenierung entspricht aber genau der Warenförmigkeit von weiblicher Sexualität, die für Prostituierte und Pornostars und viele andere zutrifft. Das genügt in der patriarchalen Gesellschaft, um in die Kategorie der "unehrenhaften" Frau zu fallen.

Wie die Gerichtsentscheidung am vergangenen Montag deutlich machte, glaubte man ihr deshalb - der Nebensatz mit dem "Posing" macht das deutlich - nicht, dass sie von zwei Männern vergewaltigt und dabei gefilmt wurde, und verurteilte sie zu einer Strafzahlung wegen Falschbeschuldigung.

Ihr wurde vorgeworfen, dass sie zuvor mit einem der Männer einvernehmlichen Sex hatte. Sie, als "unehrenhafte" Frau, hatte es gewagt, die Ehre von zwei Männern zu beschmutzen, auch das im Patriarchat ein unerhörter Vorgang, dem das Gericht einen Riegel vorschob.

Die Richterin erklärte weiter, dass die Szene "vom Sexualtrieb der Männer" dominiert wurde, und meinte damit, dass der "Sex" sich an den Bedürfnissen der Männer orientiert habe, das aber kein Verbrechen sei.

Die Triebtheorie muss bereits seit dem letzten Jahrhundert dafür herhalten, dass wir Prostituierte benötigen, um die Triebe der Männer zu kanalisieren, da diese sonst gar nicht anders können, als wie Tiere über uns herzufallen. Dass das Männer massiv entwürdigt und ihnen den freien Willen abspricht, daran will sich so recht niemand stören.

"Wo kommen wir denn da hin?"

Diese Entscheidung hängt auch damit zusammen, dass das Sexualstrafrecht jüngst endlich reformiert wurde. Frauen wird zugestanden, selbst zu entscheiden, mit wem sie Sex haben wollen, und zwar durch das Aussprechen des Wortes "Nein". Das mag so selbstverständlich klingen, die Realität aber spricht dieser Selbstverständlichkeit Hohn.

Wenn Frauen nun wirklich jeden Mann, der sich gegen ihren erklärten Willen Zutritt zu ihrem Körper verschafft, strafrechtlich verfolgen lassen können, dann erschüttert das unsere Gesellschaft, unser gesamtes Zusammenleben in einer Form, die die Wächter eben jener Grundordnung nicht zulassen können. Sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung sind allgegenwärtig, sie werden nur allzu häufig aber auf sogenannten "Metaebenen" wegdiskutiert und aufgelöst.

Wer Frauen solche Rechte einräumt, der zerstöre die Flirtkultur oder öffne Falschbeschuldigungen Tür und Tor, so wehklagt es seither in den Kommentarspalten und sogar in den Feuilletons. Aus diesem Grund hat der Fall Gina-Lisa so starken Symbolcharakter. Er zeigt uns, dass wir, wie so oft in Sachen Geschlechtergerechtigkeit, zwar auf dem Papier an Boden gewonnen haben, die Gesellschaft diesen vermeintlichen Sieg aber sofort in eine Niederlage verwandelt.

Das ist das psychologische "Double Bind", dem wir alle unterliegen und auf das viele Frauen hereinfallen. Man sagt uns, wir seien längst gleichberechtigt und verweist auf Gesetze oder gleich Angela Merkel und viele Frauen nicken zustimmend und erklären, sie fühlen sich nicht benachteiligt.

Die realen Verhältnisse aber zeigen uns jeden Tag, dass wir es eben nicht sind, sondern ganz im Gegenteil Stück für Stück jenen Boden verlieren, der von der zweiten Frauenbewegung so hart erkämpft wurde. Wie sehr die "Ehre" von Frauen auch heute, in vermeintlich "modernen" Zeiten, von Bedeutung ist, zeigt die Sache mit dem Hotpants-Verbot letzten Sommer.

Schulen, als Kaderschmieden der Bürgerlichkeit, vermitteln Kindern eben nicht nur Mathe und Deutsch, sondern auch, wo sie sich, je nach Geschlecht, in dieser Gesellschaft zu verorten haben.

Eine Vergewaltigung ist Ansichtssache - der Queerfeminismus macht es möglich

Männer wollen sich das Recht, eine Frau zu betatschen und im Zweifelsfalle auch zu vergewaltigen, nicht nehmen lassen, deshalb ist es Aufgabe des Queerfeminismus, den Frauen zu erklären, dass sie das mit der sexuellen Gewalt einfach mal aus einer anderen Perspektive betrachten müssen.

Jüngstes Beispiel dafür ist das bereits erwähnte Buch von Mithu Sanyal, die findet, dass das "Nein heißt Nein" keinen "Austausch"¹ mehr zwischen womöglichem Täter und vermeintlichem Opfer ermöglicht und dass wir überhaupt viel zu sehr darauf herumreiten, dass Männer Frauen vergewaltigen und nicht umgekehrt. So streicht man mit intellektuellem Federstrich einfach mal durch, dass sexuelle Gewalt ein Verbrechen von MÄNNERN AN FRAUEN ist, genauso, wie FREIER fast ausschließlich männlich sind und die meisten Prostituierten weiblich.

Der Geschlechtergegensatz soll verschleiert, unsichtbar gemacht werden. Irgendwie performen wir doch alle nur in unterschiedlichen Rollen, und wenn wir das erst erkannt haben, ja, dann sind wir frei. Das hilft dem nächsten Vergewaltigungsopfer sicher, wenn es sich während der Tat erst einmal überlegt, ob es nicht in "Austausch" mit dem Täter treten oder seine Rolle wechseln kann.

Die Ehre der Frau als Schlachtfeld

Wie kommt man von diesen Überlegungen aber jetzt bis zur Burka-Debatte? Bei der Burka beziehungsweise der Verschleierung an sich geht es ebenfalls um die "Ehre" der Frau. Dieser Ehrbegriff ist in muslimischen Gesellschaften sehr viel stärker ausgeprägt, als bei uns, hängt aber mit den gleichen, oben bereits skizzierten Zusammenhängen zusammen.

Der Ethnologe Claude Levi-Strauss postulierte einst, dass der Tausch von Frauen im Kontakt verschiedener Gruppen und Kulturen unerlässlich sei, um Frieden zu wahren und Handel zu ermöglichen. Die Alternative sei Krieg.² Der Ethnologe Werner Schiffauer sieht im Begriff der "Ehre" vor allem bei muslimischen Einwanderern und ihren Kindern einen Versuch, sich von der Mehrheitsgesellschaft, die ihnen die vollständige Integration verweigert, oder der man selbst nicht angehören will, abzugrenzen.

Muslimische Frauen haben Ehre, deutsche eben nicht und wenn die muslimischen auf ihre nicht achten, so ist Gewalt die Antwort, wie zum Beispiel in Form der Ehrenmorde.³ Frauenkörper sind das Schlachtfeld, auf dem der Konflikt der westlichen Gesellschaft mit der muslimischen verhandelt wird.

Frauen verschleiern sich in Deutschland, obwohl sie es nicht müssen und machen damit deutlich, dass sie ehrbarer sind als deutsche Frauen, oder aber sie müssen sich verschleiern, weil der Druck ihrer Herkunftskultur zu groß ist, und so moralisch die gefühlt ständige Benachteiligung von Muslimen in Deutschland durch ein "mehr" an Ehre ausgeglichen werden soll. Deutschland diskutiert das Burka-Verbot, weil man genau diese Verweigerung, genau diese Herabwürdigung des eigenen Ehrverständnisses wittert und sie im öffentlichen Raum nicht tolerien möchte.

Einige Muslimische Männer belästigen deutsche Frauen wie in der Silvesternacht, doch umgekehrt stellen Muslime die Frauen ihrer eigenen Gruppe den gaffenden Männerblicken der Deutschen nicht zur Verfügung. Ein "Frauentausch" zwischen diesen beiden patriarchalen Gesellschaften, der westlichen und der muslimischen, ist nicht mehr möglich und ist somit ein weiteres Zeichen für ein wachsendes Auseinanderdriften der beiden Kulturen.

Wo das möglicherweise hinführt, hat Claude Levi-Strauß erklärt. Das heißt aber nicht, dass Friedenswahrung mittels Einigkeit über die richtige Verwertung von Frauenkörpern die Alternative ist, was der Grund dafür ist, warum sich Frauen und gerade Feministinnen, auf keine der beiden Seiten schlagen sollte.

Was Frauen wollen, interessiert nicht

Wer nun beim Lesen des letzten Absatzes mir strukturalistische Vereinfachung vorwerfen möchte, dem gebe ich Recht, Claude-Levi Strauss' Analyse reicht längst nicht mehr aus, um kulturelle Zusammenhänge zu erklären. Gesellschaften und Individuen sind zu komplex, um sie einzig solch modellhaften Erklärungen zu unterwerfen.

Grundsätzlich aber wird eines erkennbar: Um die Frauen selbst geht es hier zu keiner Sekunde. Nicht dem deutschen Staat, der die Burka verbieten möchte, die eigenen Frauen aber in Form von Prostitution wie Schlachtvieh auf den Markt wirft und Geld daran verdient, so dass ein Sprung aus dem Fenster, um dem gewalttätigen Zuhälter zu entkommen, von deutschen Gerichten einfach als "Arbeitsunfall" abgetan werden kann, wie jüngst bei der Entscheidung des Sozialgerichts Hamburg.

Nicht dem Islam, mit seinem Fetisch von der Ehre der Frau und der Geschlechtertrennung, die die Frauen aus dem öffentlichen Raum verbannt, und auch die westliche Welt mit ihrer neoliberalen Umdeutung uralter Machtgefälle zwischen Mann und Frau, die Frauen zwingt, jetzt zumindest "selbstbestimmt", zwischen Ehre und Ehrlosigkeit zu wählen.

Hier stehen sich zwei zutiefst männerdominierte und patriarchale Gesellschaften gegenüber, sie rasseln mit den Säbeln und fahren ihre Panzer und Kanonen vor und keine von ihnen ist besser.

Der Körper der Frau ist Verhandlungsmasse im Konflikt der Kulturen, er dient als Beleg dafür, wie sehr man bereit ist, sich zu akzeptieren und anzuerkennen. Das westliche Patriarchat zeigt dem muslimischen gerade den Mittelfinger, zutiefst in seiner Ehre gekränkt, durch Ereignisse wie die der Silvesternacht.

Da kommen doch tatsächlich muslimische Flüchtlinge (so zumindest die öffentliche Lesart) auf die Idee, hier Frauen zu betatschen, nach allem, was Europa, was Deutschland für sie getan hat.

Das Burka-Verbot ist eine verspätete Reaktion auf diese Erfahrung, der deutsche Mann stellt so seine Ehre wieder her. Auf diesem Konzept der "Ehrverletzung" des Gegners beruhen alle Vergewaltigungen in allen Kriegen der Menschheitsgeschichte, es geht nie um die Frauen, es geht um die Männer ihrer Gruppe, die man mit den Taten treffen und demoralisieren will.

Die Silvesternacht von Köln wurde von vielen, auch Feministinnen, zu einem solchen "Erstschlag" erklärt, das Burka-Verbot ist die, zumindest symbolische, Vergeltung.

Zurück zu den Wurzeln

Die Vielschichtigkeit der oben beschriebenen Ereignisse und ihrer Reaktionen macht es schwer, ihre Ursachen zu erkennen. Das ist wohl auch der Grund, warum unter vielen Feministinnen gerade mit scharfem Geschütz (ja, ja, die Kriegsrhetorik ist an dieser Stelle gewollt) geschossen wird, jene, die für das Burka-Verbot sind, jenen, denen es nicht weit genug geht, jene, die das Tragen der Burka zur "Choice" verklären wollen und jenen, die nicht fassen können, wie sich so viele kluge und wohlverdiente Frauen in einen Konflikt wie diesen ziehen lassen können.

Bei diesen Debatten geht es nicht um uns, nicht um unsere Sicherheit, nicht um unsere Freiheit. Zwei Formen des Patriarchats kämpfen um ihre Hoheitsgebiete. Derweil wird Vergewaltigung bei uns nicht nur zur Ansichts- sondern womöglich gar zur Privatsache erklärt. Für uns Frauen gibt es im Westen nichts Neues.

Zumindest nicht, bis wir uns, ganz radikal, mit den Wurzeln dieser Ereignisse beschäftigen, solidarisch zusammenstehen, mit allen Frauen, auch den muslimischen und den Burka-Trägerinnen, und uns patriarchaler Logik verweigern.

Einzelnachweise:
¹ Mithu Sanyal: Vergewaltigung - Aspekte eines Verbrechens. Nautilus, 2016.

² Claude Lévi-Strauss: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. 3. Auflage. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009

³ Werner Schiffauer: Schlachtfeld Frau, Süddeutsche vom 17.05.2010 http://www.sueddeutsche.de/kultur/deutsche-auslaender-schlachtfeld-frau-1.804443

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