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Spaß versus Wissen - Welche Motivation für Österreich?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ALEXANDER VAN DER BELLEN
dpa
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Österreich hat gewählt. Und wie! Beide Kandidaten lieferten sich den Abend lang ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen, das jeden Sonntagabend-Krimi überflüssig werden ließ. Doch was sagt eine Wahl mit einem solch knappen 50/50-Ergebnis aus? Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen stehen für sehr unterschiedliche Haltungen und Grundwerte, somit sind sie Projektionsflächen für ganz unterschiedliche Sehnsüchte der Wähler.

Offenbar konnten sich die Bürger nicht klar entscheiden, welches Grundbedürfnis für sie in der aktuellen Situation des Landes Vorrang hat.

Lassen Sie uns gemeinsam einen Blick auf die Persönlichkeitsstrukturen der Protagonisten werfen. Einer von beiden wird in den nächsten Jahren seine eigenen und die Werte des Landes nach außen repräsentieren und vertreten. Welche sind das? Und was motiviert eigentlich Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen?

Norbert Hofer: Mr. Win-Win und Innovator

„Sie werden sich wundern, was alles gehen wird." In diesem Zitat können wir einen ersten Hinweis auf die intrinsische Motivation Hofers entdecken: Spaß. Der innere Antrieb ist per Definition wie ein Motor der Persönlichkeit zu verstehen, der das Denken, Fühlen und Handeln des Akteurs bestimmt.

Das Grundgerüst seines Charakters. Ja, wir können von einer Handlungsmotivation sprechen, die von außen - also extrinsisch - nicht zu beeinflussen ist. Im Gegenteil. Oftmals agiert sie sogar unbewusst, sprich: Die wahren Gründe des eigenen Handelns liegen auch für die Person selbst bis zu einem gewissen Grad im Verborgenen.

Sigmund Freud war in Wien zuhause. Als Urvater der psychologischen Innenschau forschte er ebenfalls nach dem Kern des Antriebs, dem Motiv menschlichen Handelns. Viele Jahre später haben Persönlichkeitsmodelle seine Triebtheorie ergänzt und verfeinert, durch sie gelingt es uns heute, tiefgehende Einblicke in die psychologische Struktur unserer Mitmenschen zu gewinnen.

Eine Persönlichkeitsanalyse ist wie das Zusammensetzen eines großen Puzzles. Das gesamte Bild wiederum lässt Rückschlüsse auf die intrinsische Motivation des Menschen zu. Bei Norbert Hofer ist es die Lust am Leben. Sein Lebensthema ist die Erhaltung seiner inneren Lebendigkeit.

Das Persönlichkeitsmuster im Überblick

Ein Mensch dieses Musters ist neugierig, verspielt, begeisterungsfähig und voller Energie. Er hat ein freundliches, offenes, sympathisches Auftreten, ein Bub zum Gernhaben selbst im Alter. Für ihn ist das Leben eine große Pralinenschachtel, prall gefüllt mit Mozartkugeln. Und wenn sie leer ist, gibt es eine neue.

Im übertragenen Sinn heißt das: Er bekommt nie genug - von Spaß und Spiel, dem Genuss und der Liebe, von Sonne und Freude, Amüsement und Menschen. Nie genug vom Leben!

Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur sind gute Unterhalter. Sie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt, sind verbal geschickt, optimistisch und idealistisch. Ziemlich beeindruckend, beinhaltet dieser Charakter doch das gnadenlose Talent zum Zweckoptimismus.

Sein Kopf ist voller Pläne, er hat immer etwas Spannendes vor, hält sich alle Optionen offen und Spontanität ist sein höchstes Gut. Er lacht viel und besitzt das Talent, auch andere leicht zum Lachen zu bringen. Seine Kernqualitäten: Spontanität, Leichtherzigkeit, Neugier und Charme.

Von Tieren und Menschen

Schon immer haben Menschen in die Tierwelt geschaut, um menschliches Verhalten erklärbar zu machen. Die älteste Fabel ist über 3000 Jahre alt, in Märchen und anderen mythologischen Geschichten können Tiere sprechen und warten mit Charaktereigenschaften auf, die uns eigentlich von der Spezies Mensch bekannt sind.

Das Tier, welches die Lebensenergie von Norbert Hofer am ehesten verkörpert, ist der Affe: Er schwingt von Ast zu Ast, neckt seine Kameraden und lacht dem Menschen und seinen Artgenossen direkt ins Gesicht. So charmant, dass ihm niemand böse sein kann. Affen sind ungeduldig und hassen Langeweile. Hofer auf die Frage nach einer Schwäche: „Mir fehlt manchmal die Gelassenheit, Dinge so hinzunehmen, wie sie sind."

Willenskraft und Optimismus bezeichnet er als seine größten Stärken. Diese beiden Qualitäten finden sich auch in seiner Sprache wieder: Er spricht aufmunternd, fröhlich, leicht und animierend. Der FPÖ-Kandidat versteht es, seine Themen mit Leichtigkeit zu parlieren und steht damit personifiziert für die Hoffnung vieler Österreicher: Dass es endlich besser werden möge.

Der Schatten der Persönlichkeit

Im Wahlkampf hat Norbert Hofer - keine Überraschung - nur seine Sonnenseite gezeigt. Die Schattenseite, die per se jedem Menschen innewohnt, konnte er relativ geschickt verbergen. Und diese ist nicht seiner politischen Gesinnung geschuldet, auch wenn die Vermutung nahe liegt.

Vielmehr nährt sich die Schattenseite eines Menschen aus verdrängten Impulsen. Die Persönlichkeit entwickelt eine Strategie, um ein bestimmtes Gefühl nicht wieder fühlen, eine schmerzliche Situation nicht wieder erleben zu müssen. Um dieses Ziel herum formiert sich sein inneres Gerüst.

Ein Mensch mit dem Persönlichkeitsstil Hofers setzt alle vorhandenen Informationen in Beziehung und systematisiert sie so, dass selbst bei ungeliebten Verpflichtungen immer auch Hintertürchen und Ersatzlösungen drin sind. Diese Neigung kann zu einer bewussten Flucht aus schwierigen oder einschränkenden Aufgaben führen.

Salopp formuliert: Ab durch die Mitte. Dieses Verhalten führt jedoch auf Dauer dazu, dass Gefahren unterschätzt und wahre Schwierigkeiten nicht mehr abgewendet werden können - und letztlich zum Realitätsverlust. Somit wird das eigene Persönlichkeitsmuster zur Falle.

Der gelernte Flugzeugtechniker, der seine persönlichen Hochgefühle aus dem Fliegen und der dadurch empfundenen Freiheit bezieht, vermeidet das Gefühl, im Schmerz allein zu sein. Er wird schon früh im Leben gelernt haben, Problemen weitgehend aus dem Weg zu gehen und sie eher wegzulächeln. Wie ein Kind, das beim Versteckspiel die Augen schließt und meint, es sei dadurch unsichtbar. Andere könnten ihm dieses Verhalten als intellektuelle Arroganz auslegen.

Der tiefe Fall

Der Unfall beim Paragliding war nach eigenen Angaben das einschneidenste Erlebnis im Leben von Norbert Hofer. Menschen, die von der intrinsischen Motivation Spaß angetrieben werden, ist ein starker Bewegungsdrang eigen. Hofers unbedingter Kampf, das Gehen wieder zu lernen, mag von diesem überstarken Bewegungsdrang motiviert gewesen sein. So können wir bis heute - und trotz seiner Behinderung - eine gewisse Leichtigkeit in seiner Körpersprache erkennen.

Ein Trendsetter für Österreich

Wir halten fest: Die intrinsische Motivation lenkt das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen - und lässt somit auch Rückschlüsse darauf zu, wie sich der potentielle neue Bundespräsident in seinem Amt positionieren würde.

Inwieweit ist sein eigenes Selbstbild mit der Identität des Landes deckungsgleich? Norbert Hofer steht mit seiner Persönlichkeit für die folgenden inneren Glaubenssätze: „Freiheit heißt Wahlfreiheit. Ich mag mich aber nicht festlegen, ich hätte gern alles. Mehr ist besser - und ich habe das Recht dazu."

Aus diesem Selbstbild heraus können wir erwarten, dass Norbert Hofer, sollte er die Wahl für sich gewinnen, im Amt extremen Konflikten eher ausweichen würde. Weil sie sein Lusterleben beeinträchtigen könnten. Aggressiv würde er nur werden, wenn man ihm seinen Weg streitig machen wollte. Dazu Hofer über Hofer: „Es ist gesagt worden, ich bin ein Wolf im Schafspelz. Das bin ich nicht. Ich habe überhaupt keinen Pelz." Stimmt. Affen haben ein haariges, weiches Fell. Geschmeidig, wie Norbert Hofer selbst.

Alexander Van der Bellen: Mr. Independent und Beobachter

„Die heutige KPÖ hat mit dem, was Ostblock genannt wird, so wenig zu tun wie ich mit einer Prada-Handtasche." In dieser Aussage können wir einen ersten Hinweis auf die intrinsische Motivation des parteilosen Kandidaten entdecken. Bei Alexander Van der Bellen ist es der wahre Wert des Lebens oder vielmehr das Wissen darum. Sein Lebensthema ist das Wahren von Distanz - zu Dingen und Menschen.

Das Persönlichkeitsmuster im Überblick

Ein Mensch dieses Musters ist sachlich, ruhig, abwägend und bedächtig. Er verfügt über ein analytisches Superbrain, durchdenkt auf äußerst scharfsinnige Art und Weise das Leben und nimmt deswegen nicht immer an selbigem teil. Für ihn ist der Alltag eine permanente Herausforderung an seinen übergroßen Wissensdurst. Und er selbst bemüht sich, darin eine Enzyklopädie zu sein. Van der Bellen über Van der Bellen: „Mein Traumberuf war immer Professor."

Im übertragenen Sinn heißt das: Van der Bellen ist ein Mensch, der lieber beobachtet, als selbst aktiv zu werden. Alle Erfahrungen, vor allem aber die emotionalen, werden von ihm eher theoretisch betrachtet. Seine Distanziertheit kann bei seinen Mitmenschen für Irritation sorgen. Man möchte sich fragen: „Hat dieser Mensch gar keine Gefühle?" Doch, die hat er. Aber nur im stillen Kämmerlein. Oder wenn er von einem Menschen herausgefordert wird, an dessen Energie er sich abarbeitet. Zu beobachten war das im TV-Duell mit seinem Kontrahenten Hofer.

Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur bemühen sich, ständig mehr zu lernen. Um zu systematisieren, sich einen Überblick über alles zu verschaffen und Zusammenhänge genau zu verstehen. Sein trockener Humor, sein riesiger Wissensschatz oder auch die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeiten bringen ihm Aufmerksamkeit, an der ihm eigentlich überhaupt nicht gelegen ist.

Aus diesem Grund war Van der Bellen noch nie ein großer Wahlkämpfer. Wir können davon ausgehen, dass es Alexander „Sascha" Van der Bellen beim Amt des Bundespräsidenten um die Sache an sich geht. Um die gestalterischen Möglichkeiten, nicht um eine Ego-Schau. Wir blicken auf einen unabhängigen und systematischen Denker, den Archetyp des zerstreuten Professors, für den ungezügelter Genuss und Lebensfreude Fremdworte sind. Mit ihm würde es in der Hofburg eher nüchtern zugehen.

Von Tieren und Menschen

Das Tier, welches die Lebensenergie von Alexander Van der Bellen am ehesten verkörpert, ist die Eule: Sie sitzt auf dem Baum, schaut mit Distanz auf das Geschehen im Wald und sieht alles. Sogar nachts. Sie ist dabei, aber nicht beteiligt.

Wer im Wald etwas wissen will, fragt die Eule, sie ist an größeren Zusammenhängen und Meta-Kontexten interessiert. Alexander Van der Bellen versteht es, seine Themen pointiert zu benennen. Dafür neigt er zum Snobismus und wird zuweilen zum distanzierten Eigenbrötler, der sein Wissen um die Geschicke der Welt nur auf Nachfrage von sich gibt. Sein Sprachstil ist nüchtern, ruhig, überlegt und wenig gefühlvoll.

Kopfgesteuerte Menschen fühlen sich bei Van der Bellen sicher gut aufgehoben. Doch den Menschen, die darauf hoffen, dass es nun endlich besser werden möge, wird der Charakter Van der Bellens nicht gereicht haben. Man könnte somit diesen Aspekt seiner Persönlichkeit ebenfalls als Indiz für den knappen Ausgang der Wahl ansehen: Er konnte den Wählern keine emotionale Heimat geben.

Der Schatten der Persönlichkeit

Im Wahlkampf hat der grüne Politiker nur wenig von sich selbst gezeigt. Warum? Ein Mensch mit dem Persönlichkeitsstil Van der Bellens befürchtet, von den eigenen und den Gefühlen anderer überrannt zu werden. Er hat Angst vor zu viel Nähe. Dieses Verhalten führt jedoch auf Dauer dazu, dass keine tiefen Beziehungen aufgebaut werden können und die zwischenmenschliche Nähe auf der Strecke bleibt.

Er kann verschlossen und unnahbar wirken, so als würde sein Fuß auf der Empathie-Bremse stehen und unterscheidet zwischen Fakten und Gefühlen. Es fällt ihm schwer, eine DU-Perspektive einzunehmen. Da auch Small-Talk nicht seine Sache ist, könnten ihm diese Facetten der Persönlichkeit zur Falle geworden sein.

Dabei vermeidet Van der Bellen doch lediglich das Gefühl, inkompetent und unfähig zu sein. Er wird schon früh im Leben gelernt haben, seine Energie dosiert einzusetzen und den eigenen Raum vor eindringenden Beziehungsansprüchen zu schützen. Van der Bellen mag sich nicht vereinnahmen oder gar in ein Schema pressen lassen. Zitat: „Ich hoffe, dass ich nach wie vor oft mit U-Bahn und Straßenbahn fahren kann."

Ein Denker für Österreich

Wir erinnern uns: Die intrinsische Motivation lenkt das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen - und lässt somit auch Rückschlüsse darauf zu, wie sich der neue Bundespräsident in seinem Amt positionieren würde. Inwieweit ist sein eigenes Selbstbild mit der Identität des Landes deckungsgleich? Alexander Van der Bellen steht mit seiner Persönlichkeit für den inneren Glaubenssatz: „Ich blicke durch, wahre meine Distanz und entscheide mit klarem Kopf."

Aus diesem Selbstbild heraus können wir erwarten, dass er, sollte er die Wahl für sich entscheiden, in Konfliktfällen um eine sachliche, rasche Klärung bemüht sein würde - und zwar mit Hilfe logischer Argumente.

Wäre er indes genervt, würde er zynisch und mit beißender Ironie antworten. In einem Konflikt könnte er durchaus heftig und emotional werden, obwohl es eine Reaktion ist, die bei Alexander Van der Bellen eher selten vorkommt. In Krisen würde er über sich selbst hinauswachsen, in Paniksituationen cool bleiben.

Optimismus versus Pragmatismus

Die Österreicher haben durch ihr Votum gezeigt, dass ihnen diese beiden Werte gleichermaßen wichtig sind. Keinem der Kandidaten gelingt es, die Grundbedürfnisse der Wähler eindeutig mehrheitlich zu befriedigen. So ist zu erwarten, dass die Unzufriedenheit im Land durch die Einsetzung des neuen Bundespräsidenten nicht beendet wird - egal, welcher Kandidat nach der Auszählung der Briefwahlstimmen das Rennen macht. Leider? Leider.

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