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Ich wurde adoptiert, doch das wollte ich meinem Kind nicht antun - darum habe ich abgetrieben

07/12/2017 15:36 CET | Aktualisiert 07/12/2017 15:36 CET
lolostock via Getty Images

Ich bin eines dieser unschuldigen Kinder, die manche Menschen um jeden Preis schützen wollen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, in diese Welt hineingeboren zu werden, ohne von irgendjemandem gewollt oder erwartet zu werden.

Ich bin das Kind einer Frau, die keine weiteren Kinder mehr bekommen hat, weil sie sich so sehr dafür schämte und schuldig fühlte, dass sie ein Kind zur Adoption freigegeben hatte. Eine Frau, die viel zu früh starb, weil ihr Geheimnis sie auffraß.

Ich bin eine Frau, die sich für eine Abtreibung entschieden hat. Außerdem bin ich eine Frau, die zwei absolute Wunschkinder in diese Welt gesetzt hat.

Und ich habe mir einige Gedanken darüber gemacht, wie wir über Adoption und Abtreibung sprechen sollten.

Ich führte ein Leben, das kein Kind verdient hätte

Eigentlich war ich beim Thema Verhütung immer sehr pflichtbewusst. Abgesehen von der einen Nacht im Jahr 1991, in der ich vergaß, mein Diaphragma einzusetzen. Mein damaliger Freund war der Sohn eines Diplomaten und genoss deshalb diplomatische Immunität. Als ich ihm sagte, dass ich schwanger sei, bestand er darauf, dass wir heirateten.

Als ich seinen Vorschlag ablehnte, schlug er mich. Ich war noch nicht bereit, Mutter zu werden und ich führte damals ein Leben, das kein Kind verdient hätte. Außerdem hätte ich mich selbst nicht mehr ertragen können, wenn ich ein Kind zur Adoption freigegeben hätte.

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Meine leibliche Mutter starb am 11. Januar 1995, genau einen Tag vor dem 12. Januar 1995. Genau einen Tag vor meinem 27. Geburtstag. Sie hat mich nie kennengelernt. Sie hat nach mir auch keine Kinder mehr bekommen und sie hat meine Geburt ihr Leben lang geheim gehalten.

Sie hätte nicht noch einen weiteren 12. Januar überstehen können. Ich bin das Geheimnis, das sie umgebracht hat.

Jede Frau hat ihre Geschichte. Ich erzähle unsere Geschichte, weil keine Frau in einem Meer aus Scham ertrinken müssen sollte und weil kein Kind ein Leben führen müssen sollte, das ein einziger Kampf ist.

Meine Geschichte

Meine Adoptiveltern erzählten mir ganz offen von der Geschichte über meine Geburt, die sie von der Adoptionsagentur erfahren hatten: Ich war von einer Frau zur Adoption freigegeben worden, die nach New York City gezogen war, um ihre Schwangerschaft vor ihrer Familie zu verbergen.

Ihr Bruder war der einzige, der von meiner Geburt wusste und sie hatte mich drei Monate lang behalten, bevor sie zu dem Entschluss kam, dass sie es nicht schaffte, allein ein Kind großzuziehen. Das alles passierte im Jahr 1968, und das waren einfach noch andere Zeiten. Wer könnte es ihr verübeln?

Ich liebte diese Geschichte. Sie war romantisch und edel und sie gab mir Hoffnung. Ich malte mir aus, dass sie mich Caroline genannt hätte, und dass wir genau gleich aussehen würden. Ich glaubte an diese Geschichte, weil sie 31 Jahre lang das Einzige war, das ich hatte.

Diese Geschichte war jedoch vollkommen falsch.

Sie wussten nicht, dass sie schwanger war

Die Wahrheit war, dass Gloria Gerwin am 12. Januar 1968 wegen starker Bauchschmerzen in die Notaufnahme des New York Hospitals gebracht wurde. Nur wenige Stunden später brachte sie ein Baby zur Welt. Sie wusste bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass sie schwanger war.

Und auch sonst wusste niemand aus ihrem Umfeld, dass sie schwanger war. Ihr Bruder Tom, der einzige Mensch, der die Wahrheit über meine Geburt kannte, erzählte Glorias bester Freundin, dass Gloria wegen eines Darmverschlusses notoperiert worden war.

Bereits wenige Stunden nach meiner Geburt wurde ich zur Adoption freigegeben. Ich hatte noch nicht einmal einen Namen, ich war einfach nur das Baby Gerwin. Gloria verschwand bereits nach ein paar Tagen zurück zu ihren reichen Eltern nach Memphis. Innerhalb einer Woche wurde ich in eine Pflegefamilie gegeben, wo ich dann drei Monate lang bis zu meiner Adoption blieb.

Ich musste Tricks anwenden

Ich fand Gloria im Jahr 1999. Meine Tochter war damals elf Monate alt und ich wollte unbedingt herausfinden, wo ich herkam. Da ich zu einer Zeit geboren worden war, in der man keine Einsicht in die Adoptionsunterlagen nehmen konnte, musste ich für meine Suche nach der Wahrheit einige Tricks anwenden und ich musste sehr mutig und tapfer sein.

Mich auf die Suche zu machen war jedoch das absolut Beste, was ich in meinem ganzen Leben für mich selbst getan habe.

Ich bin Glorias mittlerweile verstorbener Mutter, ihrem Ehemann und ihren Freunden sehr dankbar dafür, dass sie mir meine anfänglichen Lügen verzeihen konnten und dass sie danach trotzdem noch mit mir sprachen.

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Einmal hatte ich behauptet, dass ich eine Genforscherin der University of California sei. Ich hatte auf classmates.com eine Seite für Gloria eingerichtet und oft hatte ich auch behauptet, dass ich auf der Suche nach Krankenakten sei.

Sie teilten großzügig sämtliche Informationen mit mir, die sie hatten. Und jeder einzelne von ihnen erzählte mir seine Geschichten von Gloria, durch die ich sie mir sehr lebendig vorstellen konnte. Letzten Endes fand ich durch jedes Detail, jede Gemeinsamkeit und jedes Foto jedoch nicht Gloria, sondern mich selbst.

Die Ähnlichkeit war verblüffend

Von meinem Charakter und meinem Aussehen her war ich genau wie sie. Als ob jemand meine Wunden heilen würde, von denen ich bisher gar nicht wusste, dass ich sie hatte.

Mein besonderer Dank gilt ihrem Mann. Obwohl er nur durch einen meiner Briefe von meiner Existenz erfahren hatte, schickte er mir ein Bild von Gloria. Es war das erste Bild von ihr, das ich zu sehen bekam. Meine Ähnlichkeit mit ihr war verblüffend. Meine damals dreijährige Tochter hielt es sogar für ein Bild von mir selbst und fragte mich: "Du siehst so schick aus, Mama, wohin gehst du denn?"

Ich erhielt seinen Brief und das Foto am 11. September 2001. Obwohl an diesem Tag so viel Tod und Zerstörung herrschte, wurde ich selbst wiedergeboren und fand ein neues Leben.

Glorias Bruder Tom starb 1990 im Alter von 42 Jahren, ihr Vater Daniel starb 1990 im Alter von 90 Jahren und ihre Mutter Dorothy, die sich nur ein einziges Mal mit mir unterhalten hatte, bevor sie zu dem Entschluss kam, dass es ihr zu weh tun würde, Kontakt mit mir zu halten, starb 2013 im Alter von 100 Jahren.

Ich bin die Einzige, die von dieser Familie noch übrig ist.

Hohe Erwartungen und der Traum von Besserem

Gloria Gerwin kam in Memphis, Tennessee, zur Welt und wuchs dort auch auf. Ihr Vater arbeitete als Anwalt und ihre Mutter war Hausfrau. Ihr älterer Bruder Tom war ihr bester Freund und ihr engster Vertrauter. Glorias Leben war geprägt von Wohlstand, hohen Erwartungen und dem Traum von etwas Besserem. (Das ist übrigens genau so wie bei mir.)

Als sie am Greensboro Women's College in North Carolina zu studieren begann, hob Gloria sich bereits von den anderen ab. Es waren die 1960er-Jahre und sie ging auf ein reines Frauen-College in den Südstaaten.

Während die anderen Studentinnen weiße Baumwollunterhosen von JC Penny anhatten, trug Gloria schwarze Spitzenunterwäsche und Jean-Nate-Parfüm. Manche Wochenenden verbrachte sie in der Wohnung ihres Vaters in Manhattan und sie besuchte oft ihren Bruder, der auf die Columbia University ging.

Als sie zu ihrem Auslandssemester in Frankreich aufbrach, war sie bereits eine kultivierte und weltoffene junge Frau. (Übrigens habe ich ebenfalls mein Auslandssemester in Frankreich verbracht.) Und als sie wieder zurückkehrte, war sie bereit für mehr.

Sie hatte niemandem von mir erzählt

Ich weiß nur wenig über Glorias Leben von der Zeit ihrer Rückkehr aus Frankreich bis zu ihrer Ankunft in New York. Ich weiß aber, dass sie im Frühjahr 1967 im Alter von 23 Jahren in Washington DC gelebt hat und dass sie damals ungewollt mit mir schwanger wurde. (Als ich 23 Jahre alt war, lebte ich ebenfalls in Washington DC und wurde ungewollt schwanger.)

Nach meiner Geburt wurde Gloria als erste Frau von der Chase Manhattan Bank zu einer Banker-Ausbildung zugelassen. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen. Für sie begann nun ein glamouröses Leben mit vielen Reisen und Abenteuern. Und außerdem verbarg sie ein Geheimnis, das sie irgendwann umbrachte.

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Gloria starb mit 50 Jahren in London, Großbritannien, an Darmkrebs. Sie hatte bis vor ihrem Tod keinem ihrer Freunde davon erzählt, dass sie krank war. Und sie hatte auch niemandem von mir erzählt: weder ihrem Ehemann, mit dem sie 23 Jahre lang verheiratet war, noch ihrer besten Freundin, die sie schon ihr ganzes Leben lang kannte.

Es befreite mich von dem Gefängnis aus Scham

Diese Freundin war es übrigens auch, die sie an besagtem 12. Januar 1968 wegen ihrer Bauchschmerzen ins Krankenhaus geschickt hatte.

Dass ich Gloria gefunden hatte, half mir dabei, mein Gefühl der Minderwertigkeit, der Unsicherheit, der Entwurzelung sowie viele weitere Gefühle zu verarbeiten, die ich mein Leben lang mit mir herumgeschleppt hatte.

Es befreite mich von der unbewussten Überzeugung, dass man mich nur deshalb im Stich gelassen hatte, weil irgendetwas falsch an mir war. Es befreite mich aus meinem Gefängnis der Scham, in dem so viele adoptierte Menschen festsitzen.

Am meisten bedauere ich, dass ich nicht schon früher nach ihr gesucht habe, denn dann hätte ich dasselbe auch für sie tun können.

Ich habe meine Entscheidung für eine Abtreibung nicht ein einziges Mal in meinem Leben bereut. Wenn ich mit einem guten Gefühl in den Spiegel schaue oder meinem Mann oder meinen wundervollen Kindern in die Augen blicke, dann weiß ich ganz genau, dass unser Leben, also mein Leben, nicht existieren würde, wenn ich ein Kind zur Adoption freigegeben hätte.

Denn ich hätte den unglaublichen Schmerz über diesen Verlust nicht ertragen können.

Mein Fazit

Der Mythos, der Adoption als eine edle Rettungsaktion beschreibt, entwertet und demütigt die Menschen, die selbst eine Adoption durchmachen müssen. Er würdigt nicht die persönlichen Umstände der drei beteiligten Parteien, nämlich des Kindes, der leiblichen Eltern und der Adoptiveltern.

Denn neben Gnade, Wohltätigkeit, Liebe und Hingabe bedeutet Adoption auch Schmerz, Leid, Verlust, Schuld und Scham.

Alle Kinder, die auf diese Welt kommen, sollten gewollt und von irgendjemandem erwartet werden. Und alle Frauen sollten frei darüber entscheiden können, was für sie der beste Weg ist. Das sollte unser Ziel sein. Und auch wenn dieses Ziel wohl kaum zu erreichen ist, sollten wir es wenigstens zu versuchen.

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Wenn es um das Thema Abtreibung und Adoption geht, sollten wir anfangen, auch wirklich miteinander zu sprechen. Wir sollten dabei nichts verklären, verteufeln, als kriminell hinstellen und wir sollten auch nicht den Schleier der Verschwiegenheit und der Scham darüber versenken.

Wir sollten stattdessen aufrichtig und mutig darüber sprechen, welche Auswirkungen die jeweilige Entscheidung auf die betroffenen Frauen und ihre Kinder hat und dann sollten wir ihnen den Platz für ihren eigenen Weg freimachen.

Um Glorias willen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei CROSSIN(G)ENRES und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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