BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. med. Mimoun Azizi Headshot

Sexuelle Übergriffe durch Imame: Warum wir als Muslime und als Gesellschaft nicht länger schweigen können

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHILD CRYING MUSLIM
Enise Aktürk / EyeEm via Getty Images
Drucken

Ich bin Neurologe, Psychotherapeut und Muslim. In den letzten 15 Jahren meiner klinischen Arbeit habe ich Dramen mitbekommen, die die Gesellschaft ignoriert: sexuellen Missbrauch von Kindern durch Imame.

Über Jahre habe ich immer wieder diese armen Seelen behandelt, die in einigen Moscheen betatscht oder vergewaltigt wurden.

Ich kann über diese Verbrechen nicht schweigen, nicht als Arzt und nicht als Mensch.

Und ich kann auch nicht darüber schweigen, mit welcher Verachtung Muslimverbände wie Politik dieses Thema strafen.

Todesdrohungen von jenen, die ihre Ehre verletzt sahen

Vor einiger Zeit habe ich mich entschlossen, das Thema in der HuffPost öffentlich zu machen. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Nur fielen sie nicht so aus, wie sie in einer aufgeklärten Gesellschaft ausfallen sollen und müssen.

Denn die einzigen, die sich gemeldet haben, waren jene, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlten. Muslime, die behaupteten, ich zöge den Islam in den Dreck. Sie haben mich beschimpft und mit dem Tod bedroht.

Ist es im Sinne des Islam, dass man Verbrechen wie diese in den eigenen Reihen vertuscht und jenem droht, der diese Verbrechen publik macht, damit den Opfern geholfen wird?

Die muslimischen Gemeinden wollen das Thema lieber totschweigen, eine Heuchelei von Leuten, die sich immer als Opfer sehen wollen.

Die Politik schaut weg

Die Politik aber oder die Behörden haben das Thema völlig ignoriert. Mit Erstaunen und Entsetzen habe ich zur Kenntnisse nehmen müssen, dass andere Themen wichtiger waren als die ruinierten Seelen dieser Menschen. Vielmehr beschäftigte man sich mit solchen transzendentalen Fragen, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht?

Warum? Ist der Missbrauch muslimischer Kinder irrelevant? Ist das Verbrechen, das an diesen Menschen begangen wurde und begangen wird, nicht von Bedeutung? Haben diese Menschen keine Lobby? Sind sie es nicht wert, dass man für diese Seelen kämpft?

Oder ist das Thema politisch so heikel, dass man Angst hat, es anzupacken, auch wenn dann weiter Kinder leiden werden? Will man es sich nicht mit den muslimischen Gemeinden verscherzen?

Ein Opfer droht, jetzt auch noch seine Familie zu verlieren

Sehr viele Menschen schreiben mich an, sie schildern mir ihr Leid und die Folgen des Missbrauchs, die sie bis heute zu tragen haben. Wie Frau Canavar (Name geändert).
Frau Canavar ist Akademikerin, Mutter von sehr aufgeweckten Kindern.

"Es war eine schöne Zeit", sagte sie, "bis vor einem Jahr".

"Was ist vor einem Jahr passiert?"

"Mein Mann und ich waren auf einer Hochzeit eingeladen, da passierte es."

"Was genau meinen Sie, Frau Canavar?"

"Ich habe ihn wiedergesehen. Ich bin ihm wieder begegnet und ich konnte mich plötzlich an alles erinnern. Ich konnte nicht ausweichen. Er hat mich sogar angelächelt. Ich habe nur Hass und Ekel empfunden, Hass ihm gegenüber und Ekel mir gegenüber."

"Frau Canavar, möchten Sie mir erzählen, was genau passiert ist?"

"Er war es, der mich in der Moschee bedrängte, als ich noch nicht einmal zehn Jahre alt war. Der mich dort zwang ihn anzufassen und anfasste." Sie weinte.

"Seit dieser Begegnung kann ich mit meinem Mann nicht intim werden. Ich schaffe es nicht. Er denkt, dass ich einen Freund habe und will sich scheiden lassen. Andrerseits kann ich ihm nicht die Wahrheit sagen. Er wird diese nicht verkraften können. Egal, was ich mache, es wird kein gutes Ende nehmen. Manchmal denke ich, dass ich mich einfach von dieser Welt verabschieden sollte, aber da sind die Kinder. Ich will nicht, dass sie krank werden und ihr Leben lang leiden."

Solche Fälle wie der von Frau Canavar habe ich häufig erlebt.

Was wir tun müssen

Was kann man gegen Verbrecher wie ihren Peiniger tun?

Zunächst müssen die Imame alle ein Führungszeugnis vorlegen. Bei Imamen aus dem Ausland ist es schwierig, daher sollte die Ausbildung in Deutschland erfolgen. Während des Unterrichts sollte eine zweite Person anwesend sein, um solche Vorfälle zu verhindern.

Imame, die erwischt werden, müssen nach deutschem Recht verurteilt werden und sie bedürfen einer zusätzlichen Therapie. Es kann nicht sein, dass solche Verbrecher ihre Strafe entkommen, weil sie die Möglichkeit haben, Deutschland zu verlassen.

Die Moscheen und die Verbände dürfen und sollten, wenn sie Verdacht schöpfen oder gar Beweise vorliegen haben, die Problematik nicht unter dem Teppich kehren, sondern diese Verbrecher anzeigen, um weitere Kinder zu schützen. Man darf nicht vergessen, dass es auch die eigenen Kinder treffen könnte!

Für die Opfer, die ihr Leben lang unter den Folgen leiden, brauchen wir mehr Anlaufstellen- mehr Therapieplätze.

Die deutsche Politik sollte diese Problematiken angehen, wenn sie wirklich daran interessiert ist, dass die Menschen, die nach Deutschland kommen, sich besser integrieren sollen. Dann muss man eben auch diese unangenehmen Themen ansprechen und Strukturen aufbauen, um solche Verbrechen vorzubeugen und die Betroffenen besser auffangen zu können.

Die deutsche Integrationspolitik muss sich ändern. Die aktuelle Bundesbeauftragte für Integration hat sie mit Äußerungen wie zur Kinderehe viele irritiert. Auch die offensichtlich Schonung der Verbände war durchaus wahrnehmbar.

Was mich angeht, ich werde nicht schweigen, sondern weiterhin die Problematiken ansprechen und auch Lösungen anbieten. Ich werde mich politisch engagieren - und so komisch sich das anhört - den Posten des Integrationsbeauftragten auf Bundesebene anstreben.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.