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Die deutsche Politik ist unfähig, junge Migranten vor islamistischen Gruppen zu schützen

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MIGRANTS GERMANY
Michaela Rehle / Reuters
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Es ist in den letzten Jahren viel über die Ursachen der zunehmenden Radikalisierung deutscher Jugendlicher mit muslimischem Migrationshintergrund diskutiert worden. In den meisten Fällen wird die zunehmende Radikalisierung auf die gescheiterte Integration in die deutsche bzw. europäische Gesellschaft geschoben.

Dabei übersieht man, dass durchaus viele dieser Jugendlichen, die sich radikalisieren und von denen einige sogar nach Syrien einreisen, um dort zu kämpfen, aus Familien stammen, die sich hier in Europa sehr gut integriert haben. Eine misslungene Integration alleine ist somit nicht die alleinige Ursache für die zunehmende Radikalisierung dieser Jugendlichen.

Vielmehr scheint es, dass sich diese Jugendlichen von der Ästhetik der Gewalt faszinieren lassen. Ähnlich wie bei den Amokläufern, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Auch der religiöse Aspekt scheint keine große Rolle zu spielen. Zumindest auf den ersten Blick. Die meisten dieser Jugendlichen sind wenig religiös und paradoxerweise sehr westlich orientiert. Sie konsumieren Alkohol und die wenigsten von ihnen kennen sich mit den religiösen Riten aus.

Kein familiärer Rückhalt und keine Anerkennung

Fehlende Integration und die Religion alleine sind nicht die einzigen Ursachen für die zunehmende Radikalisierung. Die Radikalisierung ist eher multifaktorieller Genese. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung in den westlichen Ländern, mit einer deutlichen Veränderung der Familienstrukturen, finden viele dieser Jugendlichen keinen Halt mehr in der Familie.

Die Anerkennung die sie suchen, finden sie weder in der Familie noch in der Schule, sondern gerade in diesen radikale Gruppierungen, die es ausgezeichnet verstehen, diesen Jugendlichen das Gefühl zu geben, angekommen zu sein. Ein weiterer Aspekt, der nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist in der Tat die Sinnfindung in einer scheinbar "sinnlosen" Welt.

Die fehlende Anerkennung und die Sinnkrise führen nicht selten zu einem Generationskonflikt und zu einer Identitätskrise. Daraus resultiert auch eine fehlende Identifikation mit den westlichen Werten. Diese Faktoren verstärken den Reiz von Ideologien, die eine gewisse Gradlinigkeit vermitteln, und eine Sinnhaftigkeit, die diesen Jugendlichen genau das anzubieten scheint, was diese scheinbar gesucht und zuvor nicht gefunden haben.

Zudem darf nicht außer Acht gelassen werde, dass insbesondere Jugendliche, die nach Syrien einreisen, um dort Selbstmordattentate zu begehen, diese Selbstmordattentate und die Selbstvernichtung als eine Garantie für das totale Leben verstehen. Sie sehnen sich also nach einem Leben im Paradies, folglich in eine Welt, in der Frieden herrscht. Offensichtlich empfinden sie unsere Welt als nicht friedlich.

Eine Frage, neben vielen anderen Fragen der wir uns stellen müssen, ist die Frage, warum es die westliche Gesellschaft nicht schafft, diesen Jugendlichen das zu geben, was sie wirklich brauchen, um ein seelisches Gleichgewicht zu erreichen, sei es Liebe, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Achtung und bei Menschen, die womöglich erkrankt sind, auch eine adäquate Behandlung.

Das Versagen der Gesellschaft

Ist die zunehmende Radikalisierung dieser Jugendlichen ein Sieg der Propaganda dieser radikalen Gruppen oder das Versagen der hiesigen Gesellschaft und Politik? Es muss die Frage erlaubt sein, warum sich diese Jugendlichen solchen Gruppierungen anschließen und warum wir nicht in der Lage sind dem vorzubeugen.

Viele dieser Jugendlichen werden durch Propaganda im Internet für diese Gruppen gewonnen. Warum sind wir nicht in der Lage, zum einen dieser Propaganda ein Ende zu setzen, und zum anderen mit einer flächendeckenden Aufklärungsarbeit Präventionsarbeit zu leisten? Wir wissen, dass diese Jugendlichen auf der Suche nach einer starken Gemeinschaft sind.

Im Umkehrschluss muss man sich die Frage gefallen lassen, ob unsere Gemeinschaft zu schwach ist bzw. sich im Auflösen befindet. Bei genauer Betrachtung der Präventionsarbeit stellt man fest, dass gerade Institutionen wie die Bundeszentrale für Politische Bildung, ja sogar das Familienministerium, Vereine finanziell unterstützt haben, die einer solchen Aufklärungskampagne ideologisch eher hinderlich sind als hilfreich.

Auch die islamischen Verbände und die meisten Moscheen haben diesbezüglich versagt. Ein weiterer Aspekt ist sicherlich der innerislamische Diskurs. Am Beispiel Deutschlands zeigt sich, dass beispielsweise die liberal-progressiven Kräfte innerhalb der muslimischen Community weiterhin von der Politik und den Medien ignoriert werden.

Hier muss man sich doch die Frage stellen, warum dies der Fall ist. Liegt es daran, dass die deutsche Politik und die deutschen Medien nicht über das entsprechende Know-how verfügen, oder werden die liberal-progressiven Kräfte aus politischem Kalkül bewusst ignoriert?

Die Ignoranz der progressiv-liberalen Kräfte innerhalb der muslimischen Community beeinflusst den innerislamischen Diskurs zugunsten der konservativ-islamistischen Kräfte. Ist es das, was die deutsche Politik wirklich will? Wenn nicht dann muss bei den Massenmedien und in der Politik ein Paradigmenwechsel erfolgen.

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Ein weiterer Aspekt, der bei der Radikalisierung durchaus eine Rolle spielt, ist sicherlich auch die ambivalente und heuchlerische Politik der westlichen Welt gegenüber der islamischen Welt. Es ist der muslimischen Gemeinschaft in Europa nicht entgangen, dass der Westen, sei es im Nahost-Konflikt oder auch jetzt im Syrienkrieg, bewusst oder unbewusst die Würde der islamisch-arabischen Welt mit Füssen tritt.

Es wäre wünschenswert, wenn sich die westliche Politik diesbezüglich fair und ehrlich positionieren könnte. Denn sie würde ansonsten weiter an Glaubwürdigkeit verlieren. Diese Unglaubwürdigkeit ist ein gefundenes Fressen für radikale Gruppierungen.

Es liegt also nicht nur an der effektiven Propaganda des Islamischen Staates, sondern an den bereits erwähnten Schwächen der westlichen Gesellschaft. Diese Schwächen können, wenn wir uns endlich zusammenschließen, durchaus behoben werden. Damit könnten wir der Faszination der Gewalt den Boden unter Füßen entziehen.

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