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Die Heuchelei um den innerislamischen Diskurs in Deutschland

22/04/2017 16:05 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 16:05 CEST
dpa

Einige „führende kritische" Muslime heben gerne hervor, dass sich Muslime, die hier in Deutschland leben, wenn sie kritisiert werden, in die Opferrolle begeben. Das mag für einige zutreffen, aber sicherlich nicht für alle!!!

Dieselben kritischen Muslime fordern von der muslimischen Gemeinde, dass sie sich aktiv an dem Diskurs beteiligen solle. Diese Forderung ist absolut richtig!

Aber wie kann sie sich an solch einem Diskurs beteiligen, wenn sie nicht die Möglichkeit bekommt. In Deutschland leben sehr viele liberale Muslime und Muslima! Wenn kennen Sie? Es tauchen immer dieselben Namen auf? Warum?

Die Antwort ist einfach, aber dennoch brisant! Diese sogenannten liberalen Kräfte aus der muslimischen Gemeinde, mit einigen Ausnahmen, beanspruchen in diesem Bereich die Deutungshoheit für sich. Mit aller Macht versuchen sie die wirklich liberalen Kräfte innerhalb der muslimischen Gemeinde unsichtbar zu machen, weil es niemals um die Sache an sich geht. Vielmehr ist die Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit wichtig, der Kult um die eigene Person!

Das ist der Grund, warum wir keinen echten Diskurs erleben!

Mit Erstaunen muss ich zur Kenntnis nehmen, dass der Diskurs auf sehr wenige Personen beschränkt wird. Allesamt Menschen, die nicht sehr lange in Deutschland leben. Alle Menschen, die mit Verlaub, entweder die Wahrheit für sich beanspruchen oder die Popularität nutzen, um Nutzen daraus zu ziehen, wie Werbung für die eigenen Publikationen oder sich für die Talkshows zu empfehlen.

Andere aus diesem Kreise kritisieren zu Recht, dass die Muslime in einer Dialektik des Beleidigens oder des sich beleidigt fühlens leben. Aber muss man sich nicht selbst hinterfragen, warum das so ist!!!

Ich schätze Herrn Khourchide sehr, aber den innerislamischen Diskurs, den er fordert, den verhindert er zum Teil selbst. Eine kleine „Elite" möchte den Diskurs für sich beanspruchen und verhindert, dass progressive Kräfte in den Diskurs miteinbezogen werden. Außerdem ist es grundlegend falsch, wenn er sagt, dass er voller Hoffnung ist, dass bald hier ausgebildete Imame den offenen Diskurs führen werden!

Warum?

Weil ein Diskurs nicht nur theologisch geführt werden kann und darf und weil er selbst (Herr Khourchide) dem Lehrplan der muslimischen Verbände zu folgen hat. Was also ist ein offener Diskurs von DITIBs Gnaden? Wie kann ein offener, kritischer Diskurs geführt werden, wenn eine gewisse strukturelle Hegemonie der „populären" liberalen Kräfte innerhalb der muslimischen Gemeinde das Aufkommen wahrer liberaler Kräfte innerhalb dieser Gemeinde verhindert?

Es wird übersehen, insbesondere durch die Medien und auch durch die Kirche, dass die liberalen Kräfte und die liberale Bewegung innerhalb der muslimischen Gemeinde nicht nur aus Mansour, Abdel-Samad und Khourchide bestehen.

Der Diskurs, den man anstrebt, wird dadurch eingeengt! Ich warne davor, dass ausschließlich in der Theologie eine Lösung gesucht wird. Die islamischen Theologen und auch die Islamwissenschaftler in Deutschland sind und können nur ein Teil liberalen Bewegung sein! Momentan ist es aber tatsächlich so, dass diese Theologen und Islamwissenschaftler den gesamten Diskurs für sich beanspruchen. Diese Hegemonie wird durch die deutschen Medien und auch durch die Kirchen, aber auch durch einen Großteil der Bevölkerung in Deutschland, die sich verständlicherweise nicht mit den innerislamischen Problemen in Deutschland auskennen, legitimiert.

Doch fragt man sich, was bisher erreicht worden ist, dann wird man zwangsläufig zu der Erkenntnis kommen, dass sich sehr wenig getan hat in den letzten Jahren.

Müsste man sich nicht spätestens jetzt fragen, ob nicht doch ein breiter Diskurs von Nöten ist?

Ist es nicht langsam an der Zeit, dass auch diejenigen zu Wort kommen, die schon seit Jahren gegen den Extremismus kämpfen, gegen die Feinde der Offenen Gesellschaft. Jene, die auch Lösungen erarbeitet haben und nicht nur an die eigene Popularität und an die Verkaufszahlen der eigenen Bücher denken? Jene, die seit Jahrzehnten hier leben und die Probleme beim Namen nennen könnten? Jene, die eben nicht in die Opferrolle fallen, wenn die eigene Religion kritisiert wird.

Man könnte meinen, dass vor lauter Angst vor dem Islam, jeder als Ansprechspartner von den Kirchen und von der deutschen Politik akzeptiert wird, der halbwegs der deutschen Sprache mächtig ist und sich sehr gut inszenieren kann.

Wir übersehen, dass wir versuchen mit theologischen Argumenten den Islamismus zu besiegen. Das wird nicht gelingen, denn wir haben in Deutschland keine Exzellenz in der islamischen Theologie. Mag der eine oder andere enttäuscht sein über meine Aussage, aber sie entspricht nun mal der Realität. Wir räumen im Glaube, dass diese „Vorzeigeliberalen" den Islam reformieren werden, freiwillig den Theologen und Islamwissenschaftlern das Feld ein und sie dominieren den Diskurs! Das ist die Hegemonie des Diskurses, die ich anfangs erwähnte.

Man muss sich, wenn man einen ehrlichen und aufrichtigen Diskurs führen will, doch fragen, was ist machbar und was nicht?

Was ist also wirklich machbar?

Es gibt keinen Grund sich dem Pessimismus hin zu geben. Vielmehr sollten wir überlegen, was realisierbar ist. Die Trennung von Staat und Religion müssen die hier lebenden Muslime akzeptieren. Die Anerkennung des Grundgesetzes ist eine Verpflichtung für jeden, auch für die hier lebenden Muslime.

Die Religion bzw. die Spiritualität bleibt eine private Angelegenheit. Wer das Grundgesetz anerkannt, der muss selbstverständlich die darin enthaltenen Grundsätze befolgen und umsetzen. Hierzu gehören u.a. die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung der Geschlechter, der Schutz der Minderheiten und die Achtung der Würde, wie sie Kant vorzüglich in seinen Werken beschrieb.

Radikale Kräfte, die diese Werte in Frage stellen oder versuchen das System zu unterwandern, um es eines Tages zu verändern, haben hier nichts verloren und müssen mit aller Entschiedenheit bekämpft werden. Hierzu gehören islamische Organisationen wie die Muslimbruderschaft und die Grauen Wölfe, die beim Zentralrat der Muslime vertreten sind, aber auch Organisationen, die vom Ausland gelenkt und dominiert werden. Jene Organisationen, die die Integration bewusst verhindern und Parallelstrukturen aufbauen, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind!

Gleichzeitig müssen die Moscheen, die in Deutschland ihren Sitz haben, transparenter werden. Die Predigten müssen auch in deutscher Sprache gehalten werden und die Imame müssen sich klar zum Grundgesetz bekennen!

Selbstverständlich kann eine Frau Imamin werden. Ja, das gemeinsame Gebet von Männern und Frauen ist auch mit dem Islam vereinbar, um nur einige Beispiele zu nennen. Wir sollten uns um die Leseart kümmern wie die beiden Philosophen Ibn Rushd und später Al Jabri immer wieder betonten.

Wir müssen uns auch die Frage stellen, warum die Integration der hier lebenden Muslime sich so schwierig gestaltet? Was können wir tun, um die Integration zu fördern? Zunächst müssen wir uns die Frage stellen, was die Bedürfnisse und die Probleme dieser Menschen sind? Wir sollten nicht a priori darüber urteilen oder die fatale Schlussfolgerung ziehen, dass es innerhalb der muslimischen Gemeinde nur eine politische Ideologie gibt, die theologisch dominiert wird. Nein, die politische Vielfalt innerhalb der muslimischen Gemeinde ist sehr groß. Allerdings, das wiederum entspricht der Wahrheit, dominieren zwei Gruppen den Diskurs, die einen sind dem erzkonservativen-islamistischen Lager zu zurechnen, diese beanspruchen für sich für die Muslime in Deutschland zu sprechen und die anderen sind die „Vorzeigeliberalen", die wiederum für sich beanspruchen für die progressiven Kräfte innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu sprechen. Die Mehrheit der hier lebenden Muslime hat mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, wie zum Beispiel die Schulausbildung ihrer Kinder. Viele Familien leiden darunter, dass ihre Kinder drogenabhängig sind. Es sind verschiedene Themen, die diese Gemeinschaft beschäftigen und die in der Öffentlichkeit nicht richtig wahrgenommen werden. Es sind Themen wie Organtransplantation, Sterbehilfe, Sterbebegleitung, Abtreibungen, unheilbare Erkrankungen, geistige und körperliche Behinderung, psychische Erkrankungen etc.

Die meisten muslimischen Familien in Deutschland sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und nehmen den Diskurs zwischen den beiden oben genannten Fraktionen nicht wahr. Vielmehr stellt man sich zum Beispiel Fragen nach dem Ort der Beerdigung der Eltern, wo man seine Eltern begraben soll, in Deutschland oder in der alten Heimat?

Daher ist es wichtig, dass der Diskurs nicht nur theologisch geführt wird und sich nicht nur auf bestimmte Themen fokussieren sollte. Bei genauer Betrachtung stellen wir fest, dass der aktuelle Diskurs darin besteht, sich theologisch zu entlarven. Unabhängig davon, wer den Diskurs führt, ob der Zentralrat der Muslime oder die DITIB oder auch jemand wie Khourchide und Abdel-Samad.

Wir sollten uns eine andere Leseart angewöhnen. Eine pragmatische! Wir sollten nicht im Diskurs verbleiben, sondern Taten folgen lassen. Wollen wir Imaminen haben, dann müssen wir Moscheen gründen, die eine Imamin akzeptieren. Damit will ich nicht den Diskurs diskreditieren, sondern davor warnen im Diskurs zu verbleiben!

Gleichzeitig möchte ich für einen breiteren Diskurs werben, der anderen liberalen Kräften Raum einräumt. Ansonsten droht die Gefahr der Unglaubwürdigkeit. Wer Reformen fordert, der muss auch den zweiten Schritt tun.

Eine Veränderung, eine bessere Integration werden wir nicht alleine durch den Diskurs erreichen! Es wird seit Jahren mit denselben Personen diskutiert, aber wirklich greifbare Veränderungen sind nicht sichtbar. Ganz im Gegenteil, wir haben eine deutliche Zuspitzung der Problematik zu verzeichnen.

Der Diskurs, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, ist metaphysischer Natur und bringt uns nicht wirklich weiter. Die Bestrebungen den Koran zu reformieren, demnach umzuschreiben oder Suren zu entfernen, das ist reine Utopie. Vielmehr sollten wir uns mit den Dingen beschäftigen, die auch in der Praxis umsetzbar sind. Ansonsten wird es in absehbarer Zeit eine Art Götterdämmerung geben. Man wird auch die liberalen Kräfte für unglaubwürdig erachten. Das wäre verheerend.

Viele werden sich jetzt fragen, was ich will? Ich will keinen Utopien hinterher laufen, sondern das Machbare machbar machen! Utopien sind Wunschvorstellungen, die mit der Gefahr einhergehen, dass einige sie für realistisch halten. Umso grösser ist dann die Enttäuschung, wenn die Erwartungen nicht eintreten. Dann könnte es zu einer weiteren Zuspitzung, sowohl im Diskurs als im alltäglichen Umgang miteinander, kommen!

Daher plädiere ich dafür, dass wir die Projekte angehen, die auch umgesetzt werden können und gleichzeitig den Diskurs fortführen, aber ohne die beschriebene Hegemonie!

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