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Welche Rolle spielen psychische Erkrankungen bei Selbstmordattentätern und Amok-Läufern?

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THOMAS OLIVA via Getty Images
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Die Anzahl der religiös motivierten Anschläge bzw. Selbstmordanschläge in Europa insbesondere in Deutschland und Frankreich haben deutlich zugenommen. Hierfür gibt es verschieden Erklärungen. Eine der Hauptursachen scheinen psychische Erkrankungen zu sein.

Der Attentäter in München wird als ein Mensch beschrieben, der zurückgezogen lebte. Er isolierte sich und litt offensichtlich mindestens an einer schwerer Depression. Es bleibt spekulativ, ob es sich dabei um eine wahnhafte Depression handelte oder gar womöglich um eine Psychose. Auch der Attentäter von Nizza schien psychisch angeschlagen zu sein. Dies soll nicht als Rechtfertigung dienen, sondern als Hinweis verstanden werden.

In der Versorgung von Flüchtlingen stelle ich fest, dass sehr viele dieser Menschen an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Bei der posttraumatischen Belastungsstörung handelt es sich um eine Erkrankung, die nach schweren, katastrophalen Belastungssituation wie Kriege auftritt.

Durch ein ständiges Wiedererleben des Traumas entsteht ein phobisches Vermeidungsverhalten, Abflachung der allgemeinen Reagibilität, Anhedonie und psychophysiologische Übererregbarkeit hervorruft. Die Erkrankung manifestiert sich in der Regel einige Wochen bis Monate nach dem traumatischen Ereignis.

Die Symptome erklären die häufigen Konfliktsituationen in Aufnahmelagern

Zu den wichtigsten Symptomen gehören unter anderem Schlafstörungen, Reizbarkeit und Wutausbrüche, Konzentrationsstörungen, erhöhte Vigilanz, Schreckhaftigkeit, gestörte Affektregulation, Impulskontrollverlust, gestörte Wahrnehmung und durchaus auch andauernde Persönlichkeitsänderung. Im Rahmen der gestörten Wahrnehmung kann es zu Idealisierung und Identifizierung mit dem oder mit der Täterin kommen. Diese Erkrankung kann auch dazu führen, dass der Betroffene seine Umwelt generell als feindlich ansieht.

Zudem leiden viele Flüchtlinge an Depressionen einhergehend mit Suizidgedanken, besonders oft im Rahmen der posttraumatischen Belastungsstörung. Andere Flüchtlinge leiden an Schizophrenien, anhaltende wahnhafte Störungen, sowie nicht selten an schizoaffektive Störungen und an vorübergehenden akuten psychotischen Störungen. Im Rahmen der psychotischen Störungen kommt es meistens vor, dass die Betroffenen Wahnvorstellungen haben wie Verfolgungswahn und Beobachtungswahn.

Nicht selten verbarrikadieren sich diese Patienten, um sich vor den Verfolgern zu schützen. Manche der Betroffenen fühlen sich so in die Enge getrieben, dass sie lediglich im Suizid einen Ausweg sehen. Andere wiederum können im Rahmen dieser wahnhaften Störung einen religiösen Wahn entwickeln, der sich gegen eine ganz bestimmte Religion bzw. Anhänger dieser Religion richtet. Dieser Wahnvorstellung kann fatale Folgen haben, wenn sie unerkannt und damit unbehandelt bleibt.

Zu der psychotischen Symptomatik gehören auch optische und akustische Halluzinationen. Insbesondere die akustischen Halluzinationen können gefährliche Aussmaße annehmen. Nicht selten hören diese Menschen imperative Stimmen, die ihnen befehlen andere Menschen zu verletzten oder gar zu töten oder sich selbst zu töten.

Menschen mit psychotischen Symptomen neigen zu Fremdgefährdung

Ich gebe hier zu bedenken, dass es mir nicht darum geht- Angriffe oder Anschläge zu rechtfertigen oder gar zu verharmlosen. Mir geht es in erster Linie darum - klar zu machen, dass Menschen, die unter psychotischen Symptomen leiden nicht selten zur Eigen- und /oder Fremdgefährdung neigen.

Nicht zu vernachlässigen ist die Tatsache, dass psychisch instabile Menschen auch leichter zu beeinflussen und zu manipulieren sind. Es liegt mir fern psychisch erkrankte Menschen zu stigmatisieren. Meine Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass insbesondere bei den Flüchtlingen aufgrund der Sprachbarriere viele dieser Erkrankungen nicht erkannt werden und folglich auch nicht rechtzeitig behandelt werden.

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Eine intensive psychiatrische Untersuchungen der Flüchtlinge ist dringend zu empfehlen. Nicht nur aus Angst oder aufgrund von Vorurteilen, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass die meisten dieser Flüchtlinge wahre Dramen erlebt haben.

Eine Früherkennung dieser Erkrankungen ist im Sinne aller. Die Erkrankungen werden daran verhindert sich zu chronifizieren. Damit ist hier den Betroffenen sehr geholfen. Sekundär profitiert die gesamte deutsche Gesellschaft davon, wenn die Betroffenen rechtzeitig behandelt werden, denn so können mögliche psychische Krisen einhergehend mit Eigen-und Fremdgefährdung verhindert werden. So kann die Anzahl von Amokläufen oder andere Katastrophen durchaus minimiert werden.

Daher plädiere ich für ein Screening auf schwere psychische Erkrankungen in den Flüchtlingsheimen und ähnlichen Aufnahmelagern. Dieses Screening kann in Form eines ausführlichen Gespräches erfolgen. Hierzu benötigen wir ausreichend Psychiaterinnen, Psychologinnen und natürlich ausreichend Dolmetscherinnen. Eine elegante Lösung sind Kooperationsverträge der Verantwortlichen der jeweiligen Flüchtlingsheimen und entsprechenden Krankenhäusern.

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