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Die in Deutschland lebenden Muslime haben Angela Merkel im Stich gelassen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL
dpa
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"Was hat diese Frau verbrochen, dass so viele Menschen mit dem Finger auf sie zeigen und ihr die Schuld an allem geben, was ihnen nicht passt oder was aus deren Sicht schief lĂ€uft?", fragt Politikwissenschaftler Mimoun Azizi. Selbst Angela Merkels frĂŒhere VerbĂŒndete stellen sich nun gegen sie: europĂ€ische Politiker, die eigene Partei und die in Deutschland lebenden Muslime. Trotzdem ist er davon ĂŒberzeugt, dass ihre Politik erfolgreich sein wird.

Wenn der Satz "Wir schaffen das!" fĂ€llt, dann weiß jeder, wer gemeint ist. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese Frau zeigt, im Vergleich zu anderen Politikern, eine außergewöhnliche Gradlinigkeit in ihren politischen Handlungen.

Sie beugt sich nicht dem populistischen Druck. Sie agiert nicht opportunistisch und sie bleibt ihrer Philosophie treu. Eine Politikerin und ein Mensch, der in seinen Handlungen, seien sie politisch oder nicht-politisch, Ă€ußerst zuverlĂ€ssig ist.

Alles Attribute, die an sich positiv sind und eindeutig zum Ausdruck bringen, dass Frau Merkel zu der Sorte von Politikern gehört, die heutzutage zu einer Minderheit innerhalb der Politikerkaste gehören.

Dennoch wird sie heftig kritisiert. Ihre Gunst bei den WÀhlern sinkt. Von ihrem Koalitionspartner wird sie kritisiert. Seehofer wÀgt sogar ab, bei den nÀchsten Wahlen womöglich als Kanzlerkandidat anzutreten.

Wieso zeigen so viele Menschen mit dem Finger auf Merkel?

Die Griechen geben Merkel die Schuld fĂŒr deren UnfĂ€higkeit, ein stabiles Wirtschaftssystem in Griechenland aufzubauen. Italien, bekannt fĂŒr seine wirtschaftlichen Probleme, macht ebenfalls Merkel fĂŒr die schlechte wirtschaftliche Lage in Italien verantwortlich.

Einige OstblocklĂ€nder, wie Ungarn, Tschechien oder auch Polen, werfen Frau Merkel vor, durch ihre FlĂŒchtlingspolitik Europa in Gefahr gebracht zu haben. Großbritannien hat sich aus Angst vor Angela Merkel selbst aus der EuropĂ€ischen Union herausgewĂ€hlt.

Die Rechtspopulisten in ganz Europa sehen in Angela Merkel eine Politikerin, die die Werte des christlichen Abendlandes verraten hat. Donald Trump, PrĂ€sidentschaftskandidat in den USA, warnt ausdrĂŒcklich vor Angela Merkel. Warum, weiß er selbst nicht.

Was hat diese Frau verbrochen, dass so viele Menschen mit dem Finger auf sie zeigen und ihr die Schuld an allem geben, was ihnen nicht passt oder was aus deren Sicht schief lÀuft?

Merkel hat mit aller Macht versucht, Griechenland in der EuropÀischen Union zu halten

Die Griechenlandkrise kann man sehen und interpretieren wie man will. Ob es nun Banken waren oder Spekulationen. Wer weiß schon, warum sich dieses Land wirtschaftlich zugrunde gerichtet hat oder hat richten lassen.

Fakt ist, dass die Bundesrepublik Deutschland, unter der FĂŒhrung von Frau Merkel, den Griechen finanziell unter die Arme gegriffen hat. Mit aller Macht hat sie versucht, Griechenland in der EuropĂ€ischen Union zu halten und den Griechen zu ermöglichen, sich wirtschaftlich zu stabilisieren. Was wĂ€re die Alternative?

Passend zum Thema:
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In der FlĂŒchtlingsfrage wird sie scharf kritisiert. Was hat Merkel hier falsch gemacht? Kann man sie fĂŒr den BĂŒrgerkrieg in Syrien verantwortlich machen? Wohl kaum. Kann man sie dafĂŒr verantwortlich machen, dass anhand des wirtschaftlichen Nord-SĂŒd-GefĂ€lles, gepaart mit BĂŒrgerkriegen in diesen LĂ€ndern, immer mehr Menschen nach Europa kommen wollen?

Mit anderen Worten, ist Frau Merkel als Person und als Politikerin alleine daran schuld, dass die Migration nach Europa in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat? Wohl kaum. Nach dem Ausbruch des BĂŒrgerkrieges in Syrien waren mehr als 10 Millionen Menschen auf der Flucht.

Sie hat versucht, das Elend zu lindern

Von diesen Menschen sind etwas mehr als 2 Millionen nach Europa geflohen, unter Einsatz ihres Lebens. Darunter viele Kinder und Frauen. Viele Kranke und Verletzte. In Griechenland gestrandet, hat ihnen Frau Merkel die Hand gereicht und ihnen einen Ort der Zuflucht angeboten.

Sie hat versucht, das Elend zu lindern. Sie hat nicht im typischen Politikerjargon versucht, sich herauszureden. Sie hat traumatisierte Kinder, alleinerziehende MĂŒtter auf der Flucht nicht ihrem Schicksal ĂŒberlassen.

Kann man einem Menschen, der mit aller Kraft versucht hat diesen Menschen wĂŒrdig zu helfen, einen Vorwurf machen? Ist das nicht eher gelebter Humanismus? Ist das nicht im Sinne des europĂ€ischen Geistes, basierend auf Humanismus und AufklĂ€rung?

Was sind schon zwei Millionen Menschen bei einer Einwohnerzahl von 600 Millionen? Zugegeben, unter den 2 Millionen FlĂŒchtlingen sind auch Menschen, die Böses im Schilde fĂŒhren. Menschen, die unsere Werte nicht schĂ€tzen. Dies ist jedoch eine Minderheit unter den FlĂŒchtlingen.

Sie hĂ€tten in der FlĂŒchtlingshilfe aktiver sein mĂŒssen

MĂŒssen wir zwei Millionen Menschen dafĂŒr verantwortlich machen, was vielleicht 2000 bis 3000 dieser FlĂŒchtlinge verbrochen haben? Jene, die in Köln und anderen StĂ€dten in der Silvesternacht 2015 Frauen angegangen und zum Teil missbraucht haben?

MĂŒssen die zwei Millionen FlĂŒchtlinge dafĂŒr bestraft werden, dass einige Hassprediger in unserer Gesellschaft Zwietracht sĂ€hen? Haben wir uns nicht schon einmal gegen die Kollektivschuld gewĂ€hrt?

Bei zwei Millionen FlĂŒchtlingen wĂ€ren die Probleme wesentlich kleiner gewesen, wenn sich LĂ€nder wie Polen, Tschechien und Ungarn solidarisch gezeigt hĂ€tten. Auch ihnen hat man vor mehr als 25 Jahren geholfen. Auch damals hat Deutschland diesen LĂ€ndern in der Not die Hand gereicht. Diese LĂ€nder lassen Frau Merkel nun alleine.

Viele deutsche Politiker aus anderen Parteien, ja aus der CDU selbst, witterten die Chance gegen die Kanzlerin vorzugehen und sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Einige glauben sogar das Zeug dazu zu haben, selbst Bundeskanzler zu werden.

Auch die hier lebenden Muslime, immerhin fĂŒnf Millionen, haben meines Erachtens Angela Merkel im Stich gelassen. Sie hĂ€tten in der FlĂŒchtlingshilfe wesentlich aktiver sein mĂŒssen.

Sie verkörpert wichtige Tugenden

Trotz der 2 Millionen FlĂŒchtlinge und der Verweigerung vieler europĂ€ischer LĂ€nder, die frĂŒher selbst die Hand aufgehalten haben und weiterhin aufhalten, sich hinsichtlich der Aufteilung der FlĂŒchtlinge solidarisch zu zeugen, trotz der Kritik aus den eigenen Reihen und des Unbehagens in der Bevölkerung, bin ich fest davon ĂŒberzeugt, dass wir es schaffen.

Warum? Zum einen ist die deutsche Wirtschaft sehr stabil und die Arbeitslosenzahlen sind rĂŒcklĂ€ufig. Zum anderen, weil die Integration der FlĂŒchtlinge, so schwierig sie auch sein mag, Fortschritte macht.

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Auch wenn nach wie vor Skepsis herrscht, so ist davon auszugehen, dass Deutschland von der Aufnahme dieser FlĂŒchtlinge nicht nur demographisch, sondern auch wirtschaftlich in naher Zukunft profitieren wird.

So hat es auch Frau Merkel von Anfang an gesehen. Sie verfĂŒgt ĂŒber die FĂ€higkeit, ĂŒber den typischen Horizont eines Politikers hinauszuschauen. Im Vergleich zu den Politikern, die sie heftig attackieren, ist sie den Stammtischparolen nicht verfallen.

Wenn wir ehrlich zu uns selber sind, dann verkörpert sie Tugenden, die nicht gerade typisch sind fĂŒr die heutige Zeit. Daher sage ich noch einmal und voller Überzeugung: "Wir schaffen das!"

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Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: “Wir schaffen das.”

Wie haben FlĂŒchtlinge euren Alltag verĂ€ndert? Was hat die Politik richtig gemacht und wo lĂ€uft etwas falsch? Wart ihr vielleicht am Anfang kritisch, aber habt jetzt ein gutes GefĂŒhl? Oder ist es vielleicht genau anders herum?

Nehmt an der Diskussion teil und schickt eure Artikel und Videos an Blog@huffingtonpost.de

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