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Wie ich nach Spanien auswanderte? Mit dem Fahrrad

23/03/2016 16:32 CET | Aktualisiert 24/03/2017 10:12 CET
Jeffrey Coolidge via Getty Images

So geht: "Nach Spanien auswandern" auf unkonventionelle Art.

Abschied von meinem bequemen Leben

Um fünf Uhr summte der Wecker über die Holzdielen, auf denen ich in meinen Schlafsack gehüllt, meine vorläufig letzte Nacht in Deutschland verbrachte. Mein Zimmer in der Wohngemeinschaft, in der ich lebte, war bis auf mein Reisegepäck, den Wecker und etwas Inventar leergeräumt. Was übrig blieb, überliess ich grosszügig meinem Nachmieter.

Manche meiner Sachen hatte ich verkauft oder verschenkt. Was mir besonders am Herzen lag, hatte ich bei meinen Eltern deponiert. Nach Spanien auswandern war eigentlich nicht geplant, aber ich spürte, dass ich etwas ändern wollte und machte rein Schiff mit meinem alten Leben.

Ich war auf der Suche nach neuen Zielen und Möglichkeiten. Ich wusste nicht genau, wohin die Reise mich führen würde. Doch ich ahnte, dass sich durch sie einiges ändern würde. Schliesslich wollte ich mich durch den Abbruch der Brücken zu meinem bequemen Leben zur Veränderung zwingen.

Die letzten Monate vor meiner Abfahrt arbeitete ich in Schichten in einer nahegelegenen Fabrik. Die zehn Kilometer zur Fabrik legte ich täglich mit dem Fahrrad zurück. So machte ich mich fit für mein bevorstehendes Abenteuer. Viel Geld legte ich jedoch nicht für die Reise zurück. Zu dieser Zeit lebte ich von der Hand in den Mund. Sparen war ein Fremdwort für mich.

Abfahrt aus Deutschland

Ich hatte mich erst vor einigen Stunden etwas hingelegt und kurz zuvor von meinen Nachbarn und Mitbewohnern verabschiedet. Vor Aufregung schlief ich kaum. Als ich aufstand, ging ich allein aus dem Haus. Draussen war es regnerisch und kühl. Der Mai zeigte sich von seiner strengen Seite. Er machte mir dadurch den Abschied von meiner geliebten Wohngemeinschaft leichter.

Mit meinem für die Reise präparierten Fahrrad fuhr ich die paar Kilometer bis zum nächsten Bahnhof. Ich wollte Deutschland so schnell wie möglich hinter mir lassen und Frankreich hatte ich schon öfter mit dem Fahrrad oder auch per Anhalter bereist.

So fuhr ich mit dem Zug direkt bis Hendaye, den südlichsten Punkt Frankreichs auf der Atlantikseite.

Ankunft in Hendaye

Am frühen Abend des nächsten Tages stieg ich in Hendaye aus dem Zug, um meine Reise nun ausschliesslich mit dem Fahrrad fortzusetzen.

Mein grob umrissener Plan war: Einmal rund um die iberische Halbinsel. Portugal eingeschlossen. Immer an der Küste entlang. Ich hatte keinen festen Zeitplan und wollte mich von meinen Instinkten führen lassen.

Ich würde unter freiem Himmel schlafen. Für schlechtes Wetter oder den Schutz gegen allerlei Getier in bewaldeten Gegenden hatte ich ein kleines Zelt dabei. Ohne für Unterkünfte bezahlen zu müssen, könnte ich so mit sehr wenig Geld einige Monate unterwegs sein.

Ich tauschte Strassenstaub, Meeresrauschen und Freiheit gegen bequeme Mittelmässigkeit und Langeweile.

Nicht meine erste Tour mit improvisierter Reiseroute und unbekanntem Ausgang

Es war nicht meine erste Tour mit unbestimmten Ziel, Dauer und Ausgang. Einmal tourte ich mit einem Freund acht Monate ohne Geld durch Europa. Ein anderes Mal kaufte ich ein Flugticket nach Bombay und tourte dann knapp ein halbes Jahr durch Indien.

Dort wurde ich in Kalkutta von einem Freund besucht. Gemeinsam reisten wir dann durch Nordindien.

Anschliessend trekkten wir wochenlang quer durch den nepalesischen Himalaya, bis knapp unters Basiscamp der Mount-Everest-Expeditionen.

Mit dem Fahrrad durch País Vasco, Cantabria, Asturias, Galicia, Portugal und Extremadura.

In San Sebastian, meiner ersten Etappe, war ich zuvor schon öfter gewesen. Ich liebte diese Stadt. Ich freute mich "La Concha" wieder zu sehen und besiegelte meine Freude mit einem Bad am Stadtstrand. Es war nicht besonders warm und etwas bewölkt an diesem Nachmittag.

Die Basken sind dieses Wetter gewohnt und so war ich nicht der einzige im Wasser.

Am Abend fand ich ein ruhiges Fleckchen ausserhalb der Stadt. Etwas abseits der Strasse. Ich machte ein kleines Feuer und kam erst mal richtig zu mir, nach der Zugfahrt und den vielen Eindrücken innerhalb der letzten Tage. Ich realisierte, dass ich wieder frei war von allen mir selbst auferlegten Zwängen. Und das fühlte sich verdammt gut an.

Die nächsten Monate fuhr ich mit dem Fahrrad durch das Baskenland, Cantabria, die im Mai noch schneebedeckten Berge von Asturias (Picos de Europa) und Galicia.

Ich fuhr streckenweise den Pilgerweg Camino de Santiago (Ich hatte schon von ihm gehört, da ich aber ohne Karte unterwegs war, stiess ich durch Zufall darauf) und besuchte auch die Wallfahrtskirche in Santiago de Compostela. Ich fuhr durch Portugal, Extremadura und kam nach Andalusien. Von Andalusien aus machte ich einen mehrwöchigen Abstecher nach Marokko.

Während der gesamten Reise folgte ich meinen Instinkten und momentanen Regungen. So kam es vor, dass ich in einigen Gegenden wie Asturias oder Portugal länger verweilte, wie in anderen Gebieten.

Ich ass, wenn ich hungrig war und schlief dort, wo es mir am besten gefiel. Nur zweimal auf dieser Reise schlief ich in einem Hostel. Und zwar in Santiago de Compostela. Ich sah mich dazu genötigt, weil ich nach wochenlangem Regen in Galicia bis auf die Knochen durchgeweicht war.

So geht: "Nach Spanien auswandern" (auf unkonventionelle Art)

Wie ich in Marbella blieb

Als ich aus Marokko zurück kam, war mein Geld aufgebraucht. Vom Fährhafen in Algeciras fuhr ich innerhalb weniger Tage weiter bis Marbella. Damals hatte die Stadt noch diesen mondänen Jetset Touch. Die "Gil Era" war gerade vorbei. Verkehrsinseln und Grünanlagen-Befestigungen waren blau angemalt. Und alle paar Meter stand so eine kleine von einem Lokalpolizisten besetzte Mini-Touristeninformation.

Ein gepflegter, sich im Aufwind befindender Schickimicki-Mikrokosmos. Mich beeindruckte dieses überdimensionale Theater namens Marbella.

Mein Geld war alle, ich hatte keine Lust nach Deutschland zurückzufahren und entschloss hier zu bleiben, mir einen Job zu suchen und dann weiterzusehen. Wenn ich eine Arbeit finden würde, dann sicher hier. Über zwei Wochen schlief ich am Strand von Marbella. Tagsüber klapperte ich sämtliche Lokale und Restaurants auf der Suche nach einem Job ab. Ich war entschlossen, solange zu suchen, bis ich etwas fände.

Mein Spanisch war zu diesem Zeitpunkt nicht existent, was ein grosses Problem bei der Jobsuche darstellte. Obwohl viele deutsche Urlauber in Marbella unterwegs sind, ist das Beherrschen der Landessprache für die meisten Arbeitgeber Grundvorraussetzung für eine Einstellung.

Nach zwei Wochen hartnäckiger Suche erklärte sich eine spanische Restaurantkette bereit, mich einzustellen, wenn ich einen Residenten-Ausweis (NIE Karte) vorweisen könnte. Ich beantragte also bei der Policía Nacional meinen NIE-Ausweis. Als ich ihn bekam, ging ich damit freudestrahlend zurück ins Büro meines zukünftigen Arbeitgebers.

Die Sekretärin wollte nichts mehr von unserem mündlichen Vertrag wissen und mich auf einen anderen Termin vertrösten.

Ich war sauer und machte keinen Hehl daraus. Mein Kauderwelsch aus ein paar Brocken Spanisch, Englisch und Deutsch drang bis ins Personalbüro vor. Man winkte mich hinein und fragte was los sei.

Ich erklärte auf Englisch, und den paar mir bis dato zur Verfügung stehenden spanischen Wortfetzen, dass mir ein Job zugesagt wurde, wenn ich meinen NIE-Ausweis vorlegte. Ich habe nun einen NIE Ausweis und werde auf einen anderen Termin vertröstet...

Ich erklärte, dass ich seit Wochen am Strand schlafe und weder Zeit noch Lust hätte, mich auf andere Termine vertrösten zu lassen.

Meine Hartnäckigkeit machte wohl Eindruck und mir wurde gesagt, ich sollte am nächsten Tag um 6 Uhr früh wieder kommen. Ich hatte meinen Job!

Meine Arbeitskollegen waren ausschliesslich Spanier und belächelten mich anfangs als Sonderling in ihren Reihen. Aber Dank ihrer mediterranen Gelassenheit und meinem Bestreben, die nonverbale Kommunikation und Zeichensprache gegen ein mehr und mehr verständliches Castellano einzutauschen, erfüllte mein Arbeitsplatz gleichzeitig die Funktion einer Sprachschule.

Die Verständigung klappte im Laufe der Zeit zunehmend besser. Am Ende blieb ich fast zwei Jahre in Marbella. Ich lernte die Sprache und eine Spanierin kennen. Mit ihr zog ich später nach Málaga.

Der Rest ist Geschichte...

Wenn du Lust bekommen hast, selbst nach Spanien auszuwandern, wünsche ich dir viel Glück.

Wenn du noch zweifelst, dann lass dir gesagt sein: Es lohnt sich!

Ich habe nie bereut, diesen meinen Weg gegangen zu sein. Ganz im Gegenteil.

Auch wenn du dich noch nicht bereit fühlst, dann tu es trotzdem!

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