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Nein, mein Lieber, ich esse keinen Fisch

03/04/2015 13:04 CEST | Aktualisiert 03/06/2015 11:12 CEST
PeterHermesFurian via Getty Images

Vor ungefähr 2 Monaten habe ich mich mit einem Termin meiner anscheinend vorgeschriebenen Agenda befasst und meinem Vater bekanntgegeben auf welcher Seite des Ufers der Ball nun gefallen ist. Ein äußerst nervenzerreißender Schritt, natürlich, jedoch musste ich mit besonderer Verwirrung feststellen, dass mein schon längst durchdachtes, von meinen werten Mitmenschen kontinuierlich hervorgehobenes und meinen gleichgesinnten Zeitgenossen als notwendig gehaltenes Vorhaben, in nur 10 Minuten bescheidener Achtung und respektvoller Zurückhaltung angenommen wurde.

Das Gespräch, dessen Planung ich mit ungefähr 12 Jahren begonnen habe und mich die Energie von gefühlt 20 umstrittenen Atomkraftwerken gekostet hat, endete mit folgendem Satz:

„Egal wer du bist, egal was du tust, ich bin und bleibe für immer dein Vater."

Nach einer kurzen Verschnaufpause und der verständlichen Annahme, dass es hierbei um einen „Wir sind doch alle traumhaft"-Artikel geht, möchte ich mich von bereits vorhandenen Predigen der Orientierungsakzeptanz und Gendertoleranz trennen, deren Einsatz natürlich notwendig ist, jedoch manchmal nur bedingt Wirkung zeigt.

Viel lieber möchte ich mich dem Zeitverlust widmen, der beim Einsatz absurder Intoleranz, der unnötigen Einschätzung meiner körperlichen Geschmäcker oder der fremden Einrichtung rechtlicher und zwischenmenschlicher Lebensbedingungen auftauchen kann. Denn ja, Zeitverschwendung kann nicht nur beim gemütlichen Kaffeeklatsch sondern auch bei exzessiver Fremdbestimmung entstehen.

The Fame Game

So musste ich seit meiner eigenen Einsicht und persönlichen Akzeptanz feststellen, dass nicht nur Freunde und Bekannte, durch liebgemeinte Ratschläge und meist fabelhaft stereotypische Fragen, ein hohes Interesse und somit überdurchschnittlich viel Zeit der Ausrichtung meiner manchmal vergeblichen Liebeserklärungen widmen.

Als ob dies nicht schon genug wäre, wird meinen nächtlichen Zärtlichkeiten regelmäßig auch andererseits Aufmerksamkeit gegeben. Von Büchern und Zeitschriften über Vereine und Stiftungen bis hin zu religiösen und politischen Institutionen, alle treten in meist ungemütlich nahen Abständen ins Rampenlicht, um dem Ausdruck meiner Gefühlswelt zu zeigen, wie problematisch er nun sei.

Man würde glauben, dass so ein hohes Maß an Zeit und Debatte nur für weltbewegende Themen, wie der Farbunterschied eines Cocktailkleids, Kim Kardashians Hintern oder dergleichen, bestimmt sei. Aber nein, anscheinend verdienen auch meine gekonnten Streicheleinheiten einen Platz in der Hall of Fame vergeblichen Zeitvertreibs. So frage ich mich nun ob dafür auch nicht zumindest wichtigere Themen in Betracht kämen?

Tick Tock, said the Clock

Unter der mittlerweile unrealistischen Annahme eines geregelten Tagesablaufs, widmet der moderne Mensch etwa 8 Stunden erholenden Schlafeinheiten und weitere 8 Stunden beruflichen Engagements. Werden Mahlzeiten (gesamt ca. 1.30 Std.) und Tätigkeiten, wie Sport (mind. 30 Min.), Einkaufen (mind. 30 Min.), jegliche Informationszufuhr (durchschn. 1.30 Std.), Verpflichtungen körperlicher Hygiene (ca. 30 Min.), kreative Beschäftigungen (ca. 1 Std.) sowie sinnbefreite Tätigkeiten, wie gedankenlos aus dem Fenster schauen, genervt in einer Warteschlage stehen oder Fortbewegungszeiten aller Art (vermutlich mind. 1 Std.) berücksichtigt, stehen dem Alltagsmensch am Ende des Tages nur 1.30 Std. vollkommen verpflichtungsloser Selbsterfüllung zur Verfügung.

Man würde annehmen, dass bei dieser kostbaren Zeitmenge nur egozentrische Tätigkeiten, wie das Streben nach innerer Ruhe, das Finden eigener Glückseligkeit oder, gut geraten, Kim Kardashians Musculus Gluteus Maximus einen übergeordneten Fokus verdienen. Aber nein, die Vermutung täuscht, denn öfters als gewünscht stehen meine eigenen, vermeintlich als privat betrachteten, Streicheleinheiten auf der Prioritätsliste zeitgenössischer Anstrengungen.

Die Freude ist ganz ihrerseits

So schmeichelhaft das Quantum an Aufmerksamkeit auch sein mag, muss ich jedoch die Problematik der Sinnhaftigkeit ans Tageslicht bringen und meine unbekannten, mit meiner eigenen Glückseligkeit beschäftigten Fans fragen:

Wäre der Anblick eines Sonnenuntergangs auf dem Hügel ihrer Wahl nicht viel erfüllender, als eine angespannte Diskussion über wen ich irgendwann heiraten werde? Wären die lieblichen Töne einer mozartischen Symphonie nicht viel entspannender, als die Thematisierung der Richtigkeit meines eigenen Wesens? Wäre der befriedigende Genuss eines Gläschens Rotwein gepaart mit einer üppigen Portion Boeuf Bourguignon nicht ansprechender, als die Ausrichtung meines hoffentlich zarten Kusses?

Ich hoffe doch sehr! Denn so prickelnd meine eigene Person auch sein mag, der Tag hat noch immer nur 24 Stunden und kein Sonnenuntergang wird jemals dem Anderen gleichen.


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