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Was dieser Bundesrichter über Journalisten sagt, rührt mich

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Foto: Ot/CC 4.0

Prof. Dr. (so viel Zeit muss sein) Thomas Fischer ist Vorsitzender Bundesrichter des 2. Strafsenates des Bundesgerichtshofes. Ein Jurist im öffentlichen Dienst mit großem Mitteilungsbedürfnis. Dieses befriedigt er in seinem Wochenkommentar "Fischer hat Recht" in der "Zeit". Er schreibt über, na klar, Recht, Juristerei. Seine Gedanken schweifen von Böhmermann über Sexualstrafrecht bis zum Strafrechtskollegen und Krimiliteraten Ferdinand von Schirach.

Aber nicht nur in der Wochenzeitung sucht Fischer die Öffentlichkeit. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat er sich über Journalisten, im Speziellen über Gerichtsberichterstatter, ausgelassen. Und das ordentlich.

Mein Job, dein Job

Lokaljournalisten würden "unterschichtenorientierte Medienberichterstattung über Straftaten" abliefern. Sie sei häufig in den Händen von Journalisten oder Reportern, die keine Juristen sind, wird Fischer konkreter. Die Journalisten würden von der Sache "recht wenig" verstehen, sagte Fischer mit dem Hinweis, dass er sich da noch zurückhaltend ausdrücken würde. Aus jeder Gerichtsberichterstattung würden sie "so eine kleine Geschichte" machen. Ja, Herr Fischer, das ist unser Job. Der Job der Juristen ist, mit Medien zu kooperieren, was oft nicht ausreichend der Fall ist. Die Leser erwarten Information. Pressestaatsanwälte, ich drücke es mal "zurückhaltend" aus, halten oft Informationen zurück, beantworten Anfragen nicht, deren Antworten nicht einmal Auswirkungen auf laufende Ermittlungen hätten, sondern nur die "kleinen Geschichten" in die faktisch richtige Richtung lenken würden.

Nicht nur Gerichtsreporter sind mit Strafrecht konfrontiert, sondern Journalisten eines jeden Ressorts - Wirtschaft, Politik, Informatik. Ja sogar Sportreporter müssen sich damit auseinandersetzen, wenn es etwa um Doping oder Mauscheleien in Sportverbänden geht. "Sie is scho a Hund, die Kriminalität", wie der gelernte Bayer sagen würde. Und die Leser wollen über die Machenschaften vom Ladendiebstahl bis zum Wirtschaftsskandal informiert sein, in ihrer Sprache. Zu übersetzen, ist dabei unsere Aufgabe, für die Zielgruppe des jeweiligen Mediums aufzubereiten.

Ein guter Journalist recherchiert die Fakten, die für die Mediennutzer von Bedeutung sind und aufgrund derer sie sich ein rundes Bild machen und ihre Meinung bilden können. Mehr ist in einem Publikumsmedium nicht nötig. Ja, die Meinungen der Leser, die im besten Fall zu kontroversen Diskussionen führen, sind auch wichtig. So geht "Medien". Früher am Kiosk, heute in den Sozialen Netzwerken. Ein bisschen auf der Straße und im Wirtshaus schon auch noch.

So werden aus kleinen Geschichten wahre Geschichten

Fischer kritisiert auch, dass in Berichten nur die Vornamen von Angeklagten und Zeugen genannt würden. Ich habe mir das Statement dreimal durchlesen müssen. Tja, Herr Fischer, genehmigen Sie uns, dass wir ab sofort die vollen Namen schreiben dürfen? Wäre ohnehin besser, denn desto mehr Informationen die Leser bekommen, desto glücklicher sind sie. Und Journalisten auch. Denn, wenn in Pressemitteilungen von Polizei und Staatsanwaltschaften gleich die vollen Namen samt Adresse, Telefonnummer und vielleicht sogar Sozialversicherungsnummer zu lesen wäre, hätten sie weniger Arbeit und können sich auf die Recherche von Hintergründen konzentrieren. Diese interessieren die Leser auch. Eben "kleine Geschichten" abseits der Aktenzeichen. Informieren ist die Aufgabe von Journalisten, genauso wie die Fakten mit einem gewissen Unterhaltungswert zu präsentieren. Aussagen, Darstellungen oder Lebensformen würden auch ein bisschen ins lächerliche gezogen werden. Niemand hat die Absicht, Beteiligte ins Lächerliche zu ziehen. Das ist Infotainment. Das macht man heute so. Können das die Juristen, die sie sich in Redaktionen wünschen, auch?

Ich bin gerührt, wie viele Gedanken sich einer der führenden Juristen der Bundesrepublik über die Arbeit von Journalisten macht. Wenn sich alle Beteiligten aus Staatsanwaltschaften und Polizeipressestellen so sorgen würden, würde aus mancher "kleinen Geschichte" eine "wahre Geschichte" werden.


Über den Autor
Michi Jo Standl ist freier Journalist. In der Huffington Post bloggt er zu verschiedenen Themen, wie Kriminalität und Extremismus. Manchmal äußert er sich auch zu aktuellen Medienthemen. Die Inhalte der Artikel müssen sich nicht mit den Meinungen der Medien decken, für die er arbeitet. Michi Jo Standl bei Facebook.